Charme des Rauen – unterwegs in Noord, Amsterdams Hipster-Viertel

Jeder hat ein Bild von den lieblichen Sehenswürdigkeiten in Amsterdam im Kopf - ein reizendes Gewirr aus Gassen, Grachten, schiefen Giebeln und Brücken. Leger ans Brückengeländer gelehnt, seufzen alle selig beim Anblick der landestypischen „Fietsen“, der bunten Tulpenpracht im Frühjahr und der anmutigen Hausboote an den Kanälen. Doch Amsterdam kann noch mehr. Bloggerin Eva zeigt euch eine andere Seite der vielfältigen Stadt und nimmt euch mit nach „Noord“, Amsterdams Hipster-Viertel.

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Das Wasser läuft uns im Mund zusammen, wenn wir an Appeltaart mit Slagroom denken, die von freundlichen Kellnern in unzähligen Straßencafés wie am Fließband serviert werden. Bei all dem Liebreiz und der gleichzeitigen Coolness der Stadt – man denke da nur an die entzückenden Boutiquen, die durchgestylten Designläden und Gastronomiekonzepte – nimmt man als Tourist das Getümmel im Zentrum und die Warteschlangen vor den berühmten Museen billigend in Kauf. Durchaus auch die überdrehten Junggesellengruppen im Rotlichtviertel. Klar muss man dort mal einen Blick reinwerfen, die Nase ob der stinkenden Pissoire rümpfen und durch Cannabis-Schwaden entlang der Coffeeshops waten. Das niederländische Amsterdam hat fürwahr auch etwas Verruchtes.

All dies einmal im Leben mit eigenen Augen sehen. Es geht gar nicht anders: Amsterdam muss auf jeder Bucketlist ein Plätzchen ganz weit oben finden.

Hafenviertel Noord – Amsterdams raue Seite liegt am anderen Ufer

Die Stadt erfüllt die gängigen Klischees und noch viel mehr. Doch so schön und putzig die historische Kulisse Amsterdams auch sein mag, sie ist inzwischen so überlaufen, dass man selbst mit dem Zweirad im Stau aus Menschen stecken bleibt.

Wer mal raus will aus dem Rummel, etwas anderes sehen möchte als die gewöhnlichen Sehenswürdigkeiten: direkt am Wasser, auf der anderen Uferseite des IJ, geht es gemächlicher zu. Der Wasserweg, der früher ein Meeresarm war, trennt das pittoreske Stadtzentrum Amsterdams von den nördlichen Stadtteilen NDSM und Noord. Mit der Fähre, die direkt hinter dem Bahnhof ablegt, ist man in nur 15 Minuten dort.

Wo früher Lagerschuppen und Werften waren, toben sich nun die Kreativen aus. Entstanden ist ein Künstlerviertel mit Hallenflohmarkt, Hausboot- und Hafenflair. Statt Coffeeshops und Grachtenromantik eine Szenerie aus Containern und Kränen, die auf stillgelegten Arealen in die Höhe ragen.

Eine alte Schiffswerft wird zu Amsterdams Hipster-Viertel

Fußgänger stehen neben Rädern und Motorrollern an Deck der Ponton-Fähre, die Mensch und Gerät kostenlos über den IJ trägt. Dicht an dicht steht man an sonnigen Tagen beieinander. Doch egal bei welchem Wetter man die NDSM-Werft, die ehemals größte Schiffswerft Europas, erkunden möchte, ein Besuch lohnt sich allemal.

In den Sommermonaten finden hier Festivals statt, Sonnenanbeter und hippes Jungvolk faulenzen an den aufgeschütteten Stränden oder verplaudern sich in den Cafés am Wasser wie dem Café Noorderlicht, ein gläsernes Gewächshaus, das beleuchtet bei Nacht wunderschön sein muss.

Wie immer berstend voll ist das Restaurant Pllek – äußerlich eine abweisende Ansammlung aus Containern, innen Hipsterhimmel, aber auch Familien-Hangout. Im Garten kann man es sich auf dem großen Stadtstrand mit seinem Drink gemütlich machen, während sich die Kinder im Spielcontainer austoben können.

Amsterdams Hipster-Viertel NDSM – der Reiz des Ungewöhnlichen

Die verrosteten Rampen, Kräne und Docks erinnern an ein Industriehafengelände und den ehemaligen Schiffsbau. Bereits bei Einfahrt in den Hafen wird einem bewusst, dass dieser Ort ungewöhnlich und dynamisch ist. Alles keine Augenweide und unter Garantie keine Postkartenidylle, aber Reiz und Anziehungskraft für eine Generation Kreativer und Entrepreneure.

Im Sog der Kreativnutzung des Hallengeländes haben sich im Laufe der Jahre eine Reihe kommerzieller Anbieter angesiedelt. DoubleTree by Hilton hat ein schickes Hotel mit viel Glas errichtet und neue Lokale schießen wie Pilze aus dem Boden. Bewährte Klassiker wie die IJ-Kantine oder das Brooklyn wurden im Beliebtheitsranking der Amsterdamer Szene abgelöst. Im neusten Hotspot Helling 7 ist es so gut wie unmöglich Freitags einen Tisch zu ergattern.
Das Botel hingegen, ein schwimmendes Hotel in einem umgebauten Binnenschiff, ist bereits im Jahr 2007 hierher übersiedelt und seit jeher beliebt bei jungen Travellern. Genauso wie das ungewöhnliche Luxushotel Faralda mit drei Suiten in einem Kran.

Im Hipsterviertel NDSM findet man so manches Sehenswertes, aber auch Kurioses - wie das Kranhotel Faralda und eine ausrangierte Bahn.
NDSM Auf den NDSM Gelände findet man allerlei Kurioses – von einer ausrangierten Straßenbahn bis hin zum Kranhotel Faralda.
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Die Street Art, die es auf überall dem Gebiet der NDSM-Werft zu sehen gibt, eignet sich hingegen perfekt für Fotos. Besonders beliebt ist das riesige Wandgemälde von Anne Frank des bekannten Street Artist Eduardo Kobra mit dem Titel „Let me be myself“.

Neben dem Anne Frank Mural befindet sich der Eingang zum größten Street-Art-Museum der Welt. Die riesigen Backsteinfassaden des Straat Museums bieten eine faszinierende Kulisse für bunte Graffitikunst. Nicht entgehen lassen, aber nicht erschrecken. In der Mitte der Halle hängt ein LKW senkrecht von der Decke Das Museum wurde bereits ausgezeichnet als Winner Best Museum Award 2021 and Best Hidden Gem Award 2021.

Kunst im Hipster-Viertel: Transformation auf Zeit

Vor ein paar Jahren noch gehörte der Norden irgendwie gar nicht zu Stadt. Niemand wollte da hin. Heute ist er in aller Munde. Die Transformation des vormals industrialisierten Geländes in eine moderne, nachhaltig funktionierende urbane Landschaft scheint vorerst gelungen. Wo andernorts brachliegende Hafengebiete zu spekulativen Immobilienprojekten auf dem Reißbrett entworfen werden, setzt Amsterdam auf den Charme des Kreativen und organisch Gewachsenen.

Ob die urbane Transformation dauerhaft oder nur auf Zeit ist und die Großinvestoren schon mit dem Hufen scharren, bleibt jedoch abzuwarten. Die ersten Spuren der Gentrifizierung ließen nämlich nicht lange auf sich warten. Viele schicke Apartmentkomplexe säumen bereits die Ufer des Ij.

Vintage-Shopping– verwunschene Idylle und Zukunftsvision

Ich komme seit fünf Jahren regelmäßig hier her und noch hat sich Amsterdams Hipster-Viertel NDSM und Noord seinen Charme bewahrt. Noch ist man zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Auf unserem Spaziergang durchs Hipster-Viertel verschlägt es uns in einen Innenhof, der Interieur-Herzen Purzelbäume schlagen lässt. Neef Louis und Van Dijk & Co gegenüber bieten jeweils auf über 2.000 qm Vintage- und Industriemöbel, Lampen, Glas, Porzellan, Antikes und allerlei Kurioses. Ich bin versucht, unser neues Heim mit Fundstücken aufzupolieren. Nur wie zur Hölle bekomme ich zwei Stahlrohrsessel ohne Auto nach Hause?

Weiter geht es über Brücken und Wasserläufe bis die Beine müde werden vom Gegenwind und der nicht zu unterschätzenden Weitläufigkeit des Viertels. Die Wege ziehen sich oft an eintönigen Brachflächen und rostigen Kähnen entlang und an Autowerkstätten, vor denen ölverschmierte Mechaniker fachsimpeln. Mit einem Leihfahrrad ist man definitiv besser beraten.

Öko-Utopia in Amsterdams Hipster-Viertel

De Ceuvel, eine Art Öko-Utopia, liegt auf dem Weg. Ein verwunschenes Idyll, abseits vom Trubel und doch so zukunftsweisend. Auf dem Areal einer einstigen Werft wurden Hausboote zu einer Siedlung aus Ateliers und Büros verbunden. Zwischendrin Holzstege und ein Gräserdschungel, der den Boden von Schadstoffen entgiften soll.

In De Ceuvel erzeugt man seine Energie und Wärme selbst. Es wird recycelt und upcycled was geht und noch viel mehr. Das gefällt Zukunftsforschern, neugierigen Amsterdamern und Touristen. So hat sich De Ceuvel längst zum Treffpunkt für Bohemiens und urbane Nomaden entwickelt.

Im etablierten Café De Ceuvel versucht man so nachhaltig wie möglich zu arbeiten. So stehen selbstgemachte Limonaden auf der Speisekarte, um auf Flaschen zu verzichten. Ein vegetarisches Lebensmittelkonzept, das über „Bio“ hinausgeht, unterstützt Philosophie und Umweltgedanken. Bei einem BBQ-Teller aus selbst gezogenen Austernpilzen lassen wir den Tag am Wasser ausklingen. Noord wirkt nachhaltig auf uns. Am Ende des Tages sind Noord und die etwas anderen Amsterdam Sehenswürdigkeiten nicht nur ein Kulissenwechsel, sondern auch Augenöffner und Zukunftsvision.

Tipps für Amsterdams Künstlerviertel NDSM und Noord

  • Die kostenlose NDSM-Werft-Fähre legt von der Anlegestelle 1 hinter dem Hautbahnhof ab. Sie fährt von 7.00 Uhr bis Mitternacht im halbstündigen Rhythmus.
  • Das Viertel eignet sich auch hervorragend für eine Shopping-Tour – von Wochenmärkten reicht das Angebot bis hin zu Vintage-Kleidung: Wenn ihr Proviant für ein gelungenes Picknick braucht, dann seid ihr im Landmarkt genau richtig, einem sehr coolen Supermarkt mit besten nachhaltigen Leckereien. Der riesige IJ-Hallenflohmarkt findet nicht mehr wie früher am ersten Wochenende des Monats statt. Alle Termine findet ihr hier. Tipp: Bequeme Schuhe einpacken! Es gibt bei rund 750 Ständen viel zu entdecken.
  • Die NDSM-Werft ist nicht die einzige alternative Sehenswürdigkeit im Norden Amsterdams. Ein Geheimtipp, der in kaum einem Reiseführer steht ist der Nieuwendammerdijk, ursprünglich eine mittelalterliche Kaufmanns- und Fischersiedlung mit kleinen urigen Häusern, gemütlichen Cafés, einem Yachthafen und Fahrrad-Idylle. Konträr zur Hafen-Atmosphäre kommt hier echtes „Holland-Feeling“ auf. Die Gebäude mit den Nummern 301-309 gehörten Kapitänen aus dem 18. Jahrhundert. Es lohnt sich auch, auf die neoklassizistische Villa von 1909 unter den Nummern 202-204 zu achten.
  • Komplett macht die Runde an der IJ entlang das Eye Filminstitut in einem architektonisch spektakulärem Gebäude, nebst der Ausichtsplattform A'dam-Lookout mit Schaukel für Adrenalinjunkies auf dem Dach und der virtuellen 5D Flugexperience „This is Holland“ Vom Buiksloterweg oder Ijplein setzt man dann mit der Fähre wieder rüber ins Zentrum.

Koffer schon gepackt? Oder noch mehr Tipps? Wir freuen uns auf deinen Kommentar!