Geheimtipp Vilnius: Die schöne Unbekannte

Litauens Geheimtipp: Vilnius, die unbekannte Schöne und die Dritte im Bunde der baltischen Hauptstädte. Neben Riga und Tallinn fliegt das litauische Vilnius unter dem Radar. Zu Unrecht, wie unsere Bloggerin Alexandra auf einer winterlichen Städtereise feststellen konnte. Hier hat sie Tipps und die besten Sehenswürdigkeiten der Stadt für euch zusammengetragen.

Vilnius? Wo ist das denn? Selbst die Vielreisenden in meinem Umfeld hatten Fragezeichen in den Augen, als ich von meinen Reiseplänen erzählte. Riga und Tallinn, damit können die meisten noch was anfangen, als alternative Städtereiseziele, wenn man die europäischen Metropolen zwischen London und Lissabon und Prag und Paris schon alle abgeklappert hat. Doch die Dritte im Bunde der baltischen Hauptstädte, das litauische Vilnius, scheint unter dem Radar zu fliegen.

Zu Unrecht: In Vilnius wartet eine der charmantesten und entspanntesten Altstädte, die ich je durchstreift habe, ein barockes Wunderland mit den besten Bagels jenseits von New York. Ich treffe auf eine bewegte Geschichte, viele Kirchen, viel moderne Kunst und eine freiheitsliebende Kultur mit einem hippen Lifestyle. Und nicht nur wegen des „funky“ Weihnachtsbaums an der Kathedrale, der regelmäßig zu den schönsten der Welt gekürt wird, lohnt ein Besuch in Vilnius auch im Winter.

Vilnius von oben: Glockentürme, Kirchturmspitzen und Burgberge

„Wir treffen uns am Glockenturm.“ Wer sich in Vilnius verabredet, wird in den meisten Fällen diesen Treffpunkt vorschlagen. Auch ich steuere den Turm neben der Kathedrale für meine Verabredung an. Für mein Blind Date mit Vilnius. Denn ich gebe zu, mir ging es wie den meisten und ich wusste nicht wahnsinnig viel über das Reiseziel für meinen Städtetrip im Winter. Der Ort ist perfekt für ein Blind Date, man kann das Ganze erst einmal aus der Ferne beäugeln. 140 Treppenstufen höher schweift mein Blick über prächtige Gründerzeitbauten und rote Dächer, bleibt an Kirchturmspitzen hängen und verliert sich in den Gassen der Altstadt. Rasch habe ich das Gefühl, das Blind Date mit Vilnius könnte gut verlaufen …

Die Kathedrale St. Stanislaus ist die wichtigste der sage und schreibe 50 Kirchen in Vilnius. Egal, wo man in Vilnius ist, man sieht mindestens zwei Kirchen, sagen die Einheimischen. Wer auf dem Platz vor der Kathedrale Menschen sieht, die sich um ihre eigene Achse drehen, sollte sich nicht wundern. Sie stehen höchstwahrscheinlich auf der roten Bodenplatte mit der Aufschrift „Stebuklas“ und wünschen sich was. Der „Wunderpflasterstein“ markiert auch ein Ende der Menschenkette, die während der Singenden Revolution 1989 von Vilnius bis Tallinn führte und bei der 200 Millionen Litauer, Letten und Esten für die Unabhängigkeit von der Sowjetunion demonstrierten.

Tipp: Für einen Panoramablick über Vilnius lohnt es sich, zum Gediminas-Turm hochzulaufen. Einen der schönsten Sonnenuntergänge über Vilnius erlebt man auf dem dahinter liegenden Hügel mit den drei weißen Kreuzen. Wer etwas über die frühe Geschichte erfahren möchte, stattet dem Nationalmuseum im Palast der Großfürsten von Litauen einen Besuch ab.

Sehenswürdigkeit: Die Altstadt von Vilnius, ein architektonisches Gesamtkunstwerk

Ich biege in die Pilies Gatve ein. Schon die paar hundert Meter bis zum Rathausplatz sind wie eine Zeitreise durch die europäische Architekturgeschichte. Zwischen rote Backsteingotik mischen sich Barockkirchen und stuckverzierte Gründerzeitbauten, Klassizismus trifft auf Renaissance. Was sofort auffällt: Im Gegensatz zu vielen europäischen Städten fehlt der altstadttypische Touristenkitsch ebenso wie die Touristenmassen. Zumindest im Winter scheint die Altstadt den Vilniussern zu gehören, die hier wohnen und hier ihre Besorgungen machen. Sei es in der altehrwürdigen Universitätsapotheke oder den Interior-Läden in der Stikliu-Straße, wo früher Glasbläser und Kunsthandwerker ihre Werkstätten hatten.

In versteckten Passagen entdecke ich Galerien, in den Gassen stoße ich auf Antiquariate und Buchhandlungen wie das LTS Bookafe. In die Innenhöfe der Universität, die eine der ältesten Europas ist, sollte man ebenso einen Blick werfen wie in die Literatai Gatve. An der blauen Mauer findet man Plaketten mit Zeichnungen und Texten, kleine Büsten und ein Gebiss mit bleckenden Zähnen – eine Hommage an Schriftsteller, bekannte und weniger bekannte. Eine der ältesten Gassen der Altstadt ist die Bernadinu Gatve, von hier gelangt man zur St.-Anne-und-Bernadine-Kirche, mit die schönste Kirche in Vilnius.

Vilnius jüdisches Erbe: Jüdisches Museum und Choral Synagoge

Wer durch die Stickliu Gatve und die Zydu Gatve läuft, dem werden die weißen Schilder mit blauem Davidstern auffallen. Hier befand sich früher das jüdische Viertel. Vilnius war über 700 Jahre lang das Zentrum jüdischen Lebens in Europa mit 100 Synagogen, mehr als ein Drittel der Bewohner in Vilnius waren jüdischen Glaubens. 1941 nahm dies mit dem Einmarsch der Deutschen ein jähes Ende. 90 Prozent der Juden in Vilnius wurden getötet.

Während der 50 Jahre währenden sowjetischen Besatzung wurde die Erinnerung an die jüdische Geschichte von Vilnius fast völlig ausradiert. Erst seit den 1990ern kam das Bewusstsein langsam zurück. Man gründete das Jüdische Museum mit verschiedenen Ausstellungsorten. Durch Zufall laufe ich am Freitagnachmittag an der Choral Synagoge vorbei, der einzigen erhaltenen Synagoge in Vilnius. Ich habe die Besichtigungszeit knapp verpasst. An dem blauen Tor klingeln schon die Besucher des Sabbat-Gottesdiensts.

Einblicke in die jüngste Geschichte Litauens: KGB-Museum und MO Museum

Nach dem zweiten Weltkrieg marschierte die Rote Armee in Vilnius ein und verleibte sich Litauen ein. Repressalien und Deportationen waren an der Tagesordnung. 100.000 Litauer wurden gefoltert, ermordet oder fanden ihr Ende in der nordsibirischen Eiswüste. Ihre Namen sind eingraviert an der Mauer des Gebäudes, das während des zweiten Weltkriegs Gestapo-Zentrale, später Sitz des KGB war. Im Museum der Opfer des Genozids, auch als KGB-Museum bekannt, findet man eine detailreiche Aufarbeitung dieses düsteren Teils der litauischen Geschichte. Der Gedanke, dass die Zellen und Folterkammern vor nicht einmal 30 Jahren noch genutzt wurden, löst mehr als nur ein Gefühl der Beklemmung aus.

Ein architektonisches Überbleibsel aus dieser Zeit ist der modernistische Betonbau, der heute das Contempory Art Centre beherbergt. Die ziemlich avantgardistischen Ausstellungen dürften unter den Sowjets als ebenso unideologisch gegolten haben wie die im brandneuen MO Museum. Die Sammlung in dem von Stararchitekt Daniel Liebeskind entworfenen Museum beleuchtet den kulturellen und sozialen Wandel der letzten 60 Jahre und gibt Einblicke in den Alltag vor der Unabhängigkeit. Insbesondere die Fotografie-Ausstellung ist zu empfehlen, auch das Gebäude an sich ist schon einen Besuch wert.

Rund um den Bahnhof von Vilnius: Street Art und trendy Bars

Für Aufbruch steht die Gegend rund um den Bahnhof. Hier findet man haufenweise hippe Bars, Indie-Rock-Läden und Street Art. Das bekannteste Graffiti ist das Mural an der Wand von Keule Ruke, wo es angeblich den besten Pulled Pork Burger der Stadt gibt. Das Bild mit dem Bruderkuss zwischen Trump und Putin ging 2016 um die Welt. Nachdem es verschandelt wurde, hat man es übermalt, heute teilen sich Trump und Putin einen Joint. Das Haus nebenan zeigt ein Mural des brasilianischen Duos Os Gêmeos, deren Großvater aus Litauen stammt. Auch eine echte Sehenswürdigkeit: Das Graffiti gegenüber Hales Turgus, den Markthallen.

Essen in Vilnius: Zwischen Cepelinai, Rote Bete und Bagels

Die Hales Turgus sind der perfekte Ort, um sich Litauen kulinarisch zu nähern. Wo früher mit Pferden und Getreide gehandelt wurden, duftet es heute nach eingelegtem Kürbis, würzigem Ziegenkäse und cremiger Rote-Bete-Suppe. Im Sommer wird die Saltibarsciai kalt gegessen, mit Kefir, Gurke und Ei, im Winter wird das Rezept abgewandelt, man genießt sie heiß mit einer ordentlichen Portion Sauerrahm. Herrlich wärmend, wenn draußen minus zehn Grad herrscht. Probieren sollte man in den Hales Turgus die knusprig-weichen Bagels von Beigelista, mit Frischkäse und Feigenmarmelade bestrichen und Spinat belegt sind sie ein Gedicht. Dass es in Vilnius so viele Bagelläden gibt, kommt nicht von ungefähr: Das runde Gebäck mit dem Loch in der Mitte wurde von jüdischen Bäckern in Litauen erfunden.

Ansonsten ist die litauische Küche sehr kartoffellastig. Für den Sommer vielleicht zu deftig, doch bei einem Städtetrip nach Vilnius im Winter mit Cepelinai und Kugelis im Schaukelstuhl vor dem Kamin zu sitzen wie im Seimos Restoranas, ist der perfekte Tagesabschluss. Cepelinai sind mit Fleisch, Pilzen oder Quark gefüllte Kartoffelklöße, Kugelis knusprig gebackener Kartoffelkuchen, beides sehr lecker! Nach alten litauischen Rezepten gekocht wird auch im Leiciai und im Mykolo 4. Litauische Küche modern interpretiert gibt’s im Sweet Root.

Vilnius kulinarisch: Craft Beer und Kaffeekultur

Im Leicia kann man auch Bier verkosten. Litauen hat eine 1.000-jährige Biertradition mit vielen kleinen Brauereien, darunter auch eine Handvoll Craft-Brauer. Jetzt im Winter besonders zu empfehlen: das Winterbier mit Glühweingewürz, Zimt und Orange von Vilkmerges. Was immer geht: ein fruchtiges „Atomic Blonde“ von Bear & Boar oder das Craft-Bier mit Dattelsirup von Kuro Aprat.

Litauen hat auch eine ausgeprägte Kaffeekultur. Traditionell wurde der „Kavos“ in einer Tasse aufgebrüht, heute wird in Cafés wie dem Huracán die Kaffeezubereitung digital gesteuert, Steam Punk heißt das. Als Kaffeejunkie habe ich mich natürlich durch die vielen Kaffeeröstereien in Vilnius probiert – empfehlen kann ich noch Brew Kavors Virejai, Italala Caffè und Coffee1.

Sehenswürdigkeit Užupis: die freie Künstlerrepublik am Rand von Vilnius

Was haben der Dalai Lama und eine in einer Buchhandlung lebenden Katze, die leider vor ein paar Wochen verstorben ist, gemeinsam? Sie sind, beziehungsweise im Falle der Katze waren, Botschafter der Republik Užupis. Nach Užupis muss man von Vilnius aus nicht weit reisen, ein Spaziergang auf die andere Seite der Vilnia genügt. Gleich hinter der Brücke findet man den Regierungssitz, das Café Užupio Kavine, im benachbarten Art Incubator mit den Putten und den Klavierruinen im Garten ist die Passstelle. Klingt verrückt? Ist es auch ein bisschen.

Es begann, wie es immer beginnt: Ein heruntergekommenes Viertel, das von Künstlern entdeckt wurde. Ein zweites Brooklyn-Williamsburg zu schaffen war zu Mainstream, statt dessen rief man 1997 einen eigenen Staat aus, eine Künstlerrepublik, mit eigener Verfassung. Gemäß des Artikels „Jeder Mensch hat das Recht, manchmal nicht zu wissen, ob er Verpflichtungen hat.“ kann man in Užupis den Bohemian-Lifestyle pflegen, im Sommer in der Hängeschaukel unter der Brücke über den Fluss schaukeln, im Winter bei einem heißen Getränk aus einem Café auf den bronzenen Engel schauen, das Wahrzeichen von Užupis. Als Heißgetränk wird in Užupis heute mit Vorliebe Flat White konsumiert, denn inzwischen ist Užupis trotz vieler Kunst- und Communityprojekte doch schon ziemlich hipsteresk. Aber das macht nichts. Es ist trotzdem schön hier und vielleicht habe ich der Užupis-Nixe am Flussufer auch zu lange in die Augen geschaut und bin gar nicht zurück nach München gekommen? Denn wer ihrem Zauber erliegt, bleibt angeblich für immer in Užupis …

Sehenswürdigkeit im Winter: Weihnachtsbaum am Kathedralenplatz in Vilnius

Noch ein Grund, Vilnius im Winter und vor allem in der Vorweihnachtszeit zu besuchen, ist der Weihnachtsmarkt am Kathedralenplatz. Die Vilniusser warten jedes Jahr mit Spannung auf das neue Design des Weihnachtsbaums. „Zeit“ ist das Thema in 2018, in Anspielung auf den Glockenturm. Die Beleuchtung an dem 27 Meter hohen Konstrukt aus Metall und 6.000 Tannenzweigen ist Zahnrädern nachempfunden. Von oben sieht das Ganze wie eine überdimensionale Uhr aus, die weißen Tische des Weihnachtsmarkts dienen als Ziffern. Wer sich beeilt, kann das Kunstwerk noch live sehen: Der Wintermarkt hat bis zum 7. Januar 2019 geöffnet.

Fakten und Informationen zu Vilnius

  • Litauen ist der südlichste der drei baltischen Staaten. Vilnius liegt im Osten des Landes, nur 35 Kilometer von der Grenze zu Belarus.
  • Vilnius erreicht man von München u.a. mit Air Baltic, entweder mit einem Umstieg in Riga oder einige Male pro Woche per Direktflug. Wer den Flug über Riga nimmt, sitzt im brandneuen Airbus A-220, dessen Kabine mit einem superschicken Design punktet.
  • Vilnius hat nur knapp über 500.000 Einwohner und ist eine Stadt der kurzen Wege. Vom Flughafen in die Innenstadt sind es mit dem Taxi ca. 15 Minuten. Die Altstadt ist kompakt und fußgängerfreundlich.
Logo airBaltic   Diese Reise wurde ermöglicht mit freundlicher Unterstützung von airBaltic und Go Vilnius.

4 Kommentare

  1. Eine tolle Inspiration. Auch ich bin stetig auf der Suche nach neuen Reisezielen und der Osten hat ein riesiges Potential. Ich reise am liebsten mit dem Auto, ich wäre als in ca. 12 Stunden in Litauen. 🙂 Kurzen Stop über Polen, dürfte dem nichts im Wege stehen. Auch ist jetzt genau die Saison, von der im Artikel berichtet wird, also perfekt! Allerdings bin ich der Sprache so gar nicht mächtig, sprechen die Leute da auch englisch oder bleiben sie vorrangig bei ihrer eigenen Sprache?

    • Alexandra Lattek

      Freut mich sehr, dass Dich der Beitrag zu einer Reise nach Vilnius inspiriert! Mich hat die Stadt total begeistert und ich denke, sie ist auch im Winter ein perfektes Reiseziel. Vilnius ist auf internationale Touristen eingestellt, d.h. sowohl in den Cafés und Restaurants als auch in den Museen und anderen Sehenswürdigkeiten kommt man mit Englisch prima zurecht. Viel Spaß und liebe Grüße, Alexandra

  2. Auch an meiner Stelle, lob für den Artikel. Als Osteuropa Fan, darf Littauen auf meiner Liste nicht fehlen.
    Habe meine Vilnius Reise für Ende Dezember bereits gebucht und mir hier denn einen oder anderen Tipp denn ich noch nicht kannte geholt.

    • Hallo „Modern Gopnik“,

      vielen Dank für Deinen Kommentar – unsere Autorin wird sich sehr über das positive Feedback freuen. Wir wünschen Dir einen wunderbaren Aufenthalt in Vilnius! Vielleicht hast Du ja nach Deiner Rückkehr noch ein paar Tipps für uns? 🙂

      Viele Grüße
      Janina von Travellers Insight

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