Kambodscha-Rundreise: Von Phnom Penh nach Angkor

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Als ich vor ziemlich genau zehn Jahren das erste Mal nach Kambodscha gereist bin, hatte ich ein klares Ziel: Angkor Wat, jene geheimnisumwobene Tempelanlage, deren Türme die Nationalflagge des Königreichs Kambodscha zieren und die in einem Atemzug mit Weltwundern wie Machu Picchu und Taj Mahal genannt wird. Wie viele Kambodschareisende sah ich außer den Tempeln vor den Toren Siem Reaps nicht viel. Eine Stippvisite in der Hauptstadt Phnom Penh und ein paar faule Tage an den puderweißen Palmenstränden von Sihanoukville rundeten meine Südostasienreise ab.

Dabei gibt es so viel mehr zu sehen in dem kleinen Land, das trotz des weltberühmten Angkor Wat irgendwie im Schatten seiner großen Nachbarn Thailand, Laos und Vietnam zu stehen scheint: charmante Kolonialstädte, idyllische Inseln und noch weitgehend unberührte Dschungel- und Bergregionen. Zwölf Tage habe ich mir dieses Mal Zeit genommen für meine Kambodscha-Rundreise. Eine erste Etappe führte mich von Phnom Penh Richtung Nordwesten nach Battambang und weiter nach Siem Reap.

Gemächliche Hauptstadt Phnom Penh: Ein Sonntagsspaziergang

„Ma’am, Tuk-Tuk?“ Nein, danke. „But it’s raining, Ma’am!“ Wie zum Beweis zupft der Fahrer des Motorrads mit dem überdachten Anhänger mit Sitzbank an seinem durchsichtigen rosa Cape, an dem die Regentropfen abperlen. Doch ich will in kein Tuk Tuk steigen. Im Gegensatz zu anderen südostasiatischen Hauptstädten wie Singapur, Bangkok oder Hanoi ist die kambodschanische Kapitale klein und überschaubar mit ihren zwei Millionen Einwohnern und den wie ein Schachbrett anlegten Straßen. Außerdem ist mein Ziel heute nicht, die Hauptsehenswürdigkeiten Phnom Penhs abzuklappern, ich möchte einfach nur hier gucken, da schauen.

Schulterzuckend fährt der Tuk Tuk-Fahrer weiter. Viele potenzielle Kunden sind nicht unterwegs, die Straßen sind wie leergefegt. Den Kaffee, den der Straßenverkäufer mit einem Handfilter zubereitet, trinkt er selbst. Der klapprige Friseurstuhl an der mit Ornamenten verzierten Mauer ist verwaist. Ich finde heraus, dass diese Mauer zum Wat Botum gehört, dem „Lotusblütentempel“, einem der ältesten Tempel Phnom Penhs. Hier also treffen sich die Einheimischen an einem Sonntagmittag, zumindest den Dutzenden Paaren Schuhe nach zu urteilen, die auf den Treppenaufgängen stehen. Aus einem überfüllten Raum ertönt ein monotoner Singsang. Ein buddhistisches Mantra, das über eine Stunde lang immer wiederholt wird, erklärt mir einer der wartenden Tuk Tuk-Fahrer. Und plötzlich ist alles vorbei. Ältere Frauen und Kinder mit ihren Eltern strömen aus den Gemeinschaftsräumen des Wat Botum, an den Händen Henkelmänner mit den Resten des gemeinsamen Essens, und steigen in die Tuk Tuks, um zurück nach Hause zu fahren. Nur die hier lebenden Mönche in ihren orangefarbenen Roben bleiben zurück.

Ich lande am Wasser, am Sisowath Quay, der Uferpromenade am Tonle Seap, dem größten Süßwassersee Asiens, der in Phnom Penh in den Mekong mündet. Für die die abendlichen Flaneure und die Jogger und Aerobic-Anhänger, die zum Sporteln hierherkommen, ist es noch zu früh. Dafür sind die Lokale in den restaurierten Kolonialgebäuden auf der anderen Straßenseite voll besetzt. Der Mann, der auf dem Sitz seines Motorrads einen Grill befestigt hat, zieht weiter. Unter den an Bier und Cocktails nippenden Touristen findet er keine Abnehmer für seine gegrillten Bananen. Wer am Sisowath Quay einkehren möchte, dem sei unter anderem der Foreign Correspondents Club empfohlen. Zu Zeiten des Bürgerkriegs war der „FCC“ Treffpunkt der Auslandskorrespondenten in Phnom Penh, heute befinden sich in den Räumen ein schickes Restaurant mit Bar und ein paar Hotelzimmer.

Vom nördlichen Ende des Sisowath Quays ist es nicht weit in das alte französische Viertel mit seinen breiten Boulevards und dem Platz mit dem alten Postgebäude, wo Szenen des Films „City of Ghosts“ mit Matt Damon und Gérard Depardieu gedreht wurden. Auch der Tempel, dem Phnom Penh seinen Namen verdankt, der Wat Phnom, ist hier zu finden. Wer Lust hat, macht einen Abstecher zum Central Market, der in einem Art-Deco-Gebäude aus den 1930ern untergebracht ist. Ich wandere noch ein wenig durch die Straßen hinter dem Sisowath Quay, wo es neben dampfenden Garküchen Cafés und Geschäfte mit Kunstgewerbe gibt. Durch Zufall bleibt mein Blick an einer halb verfallenen, fast zugewachsenen Villa hängen. Später finde ich heraus, dass dieses Haus 1910 von einem reichen kambodschanischen Geschäftsmann erbaut wurde, die vietnamesische Armee sich nach der Befreiung Phnom Penhs hier einnistete und es danach viele Jahre als Polizeirevier diente, bevor es als „The Mansion Heritage Bar“ zu einer In-Location wurde.

Ein wichtiger Blick in die Geschichte

Schließlich steige ich doch in ein Tuk Tuk, das mich in den Süden der Stadt bringt, zum ehemaligen Tuol-Svay-Prey-Gymnasium in der 103. Straße. Es ist besser bekannt als Tuel Sleng oder S-21, das berüchtigtste der über 200 geheimen Foltergefängnisse, die die Roten Khmer während ihrer Schreckensherrschaft von 1975 bis 1979 über das Land verteilt unterhielten. Von den 15.000 Menschen, die hier als vermeintliche Dissidenten inhaftiert waren, und denen die Schergen Pol Pots unter schlimmster Folter falsche Geständnisse abzuringen versuchten, um sie schließlich in Choeung Ek vor den Toren Phnom Penhs umzubringen, haben nur sieben überlebt. Das S-21 ist heute eine Gedenkstätte. Ein Besuch im Tuol Sleng Genocide Museum ist verstörend. Die verschwommenen Fotografien mit den ausgemergelten Leichen, die kargen Räume mit den Eisenbettgestellen, die winzig kleinen Zellen, die Vitrinen mit den Kneifzangen und den Äxten, die Stellwände mit den Tausenden von Fotos, „Geständnissen“ und Lebensgeschichten der Inhaftierten von S-21 und nicht zuletzt die Informationen des Audio Guides – sie wühlen auf, lassen den systematischen Terror und die Paranoia der Roten Khmer so viel näher erscheinen als es jedes Buch vermag. Ein Besuch in Tuol Sleng ist definitiv kein „Sonntagsspaziergang“ und vielleicht auch nicht jedermanns Sache während einer Urlaubsreise. Doch wenn man Kambodscha verstehen möchte, kommt man nicht umhin, sich auch mit der dunklen Geschichte des Landes auseinanderzusetzen. Denn wie ich bei meinen Begegnungen auf meiner Kambodscha-Rundreise noch lernen sollte: Obwohl seit dem Pol-Pot-Regime fast 40 Jahre vergangenen sind, ist diese Zeit immer noch sehr präsent, auch bei den jüngeren Kambodschanern.

„Killing Fields?“, fragt mich mein Tuk Tuk-Fahrer. Nein, heute nicht mehr. Ich lasse mich am Sihanouk Boulevard absetzen. Finde einen Tisch auf dem Balkon des Java Cafe and Gallery, wo ich mit Blick auf das bunt beleuchtete Independence Monument versuche, das Gesehene zu sortieren. Unter mir tost der Verkehr. Die roten Plastikstühle hinter den Garküchen in der Straße, die zu meinem Hotel führt, sind nun alle belegt. Phnom Penh scheint eine Nachteule zu sein. Gut, dass ich am Ende meiner Kambodscha-Rundreise noch mal anderthalb Tage hier habe.

Von Phnom Penh geht es morgen erst einmal nach Battambang (für 12 USD mit dem VIP-Bus von Mekong Express, der viermal täglich fährt und circa sechs Stunden braucht).

Verträumte Kolonialstadt Battambang und die Fledermäuse vom Phnom Sampov

Stille. Nur ein Mopedgeräusch ist zu hören und das Baby, das in der Hängematte im Inneren der Crêperie Battambang vor sich hin gluckst. Über den roten Ziegeldächern der blassgelb getünchten Häuser mit den bunten, zum Teil verwitterten Fensterläden und den schmiedeeisernen Balkonen liegt eine bleierne Hitze. Ich bin froh, dass ich unter einem überdachten Säulengang sitze mit meiner Gemüse-Crêpe und dem frischen Ananassaft. Diese Arkaden sind typisch für die Häuser im französischen Kolonialstil in Battambang, ebenso wie die offenen Ladenfronten, wo Baguettes verkauft werden, Nähmaschinen rattern – oder um diese Uhrzeit ein Mittagsschläfchen gehalten wird.

Es ist schwer zu glauben, dass Battambang die zweitgrößte Stadt Kambodschas ist. Schlendert man durch die staubigen Straßen, die parallel zum Stung Sanker Fluss verlaufen, fühlt man sich eher wie in einem verträumten Provinzstädtchen. Mehr ist Battambang eigentlich auch nicht, aber genau das macht seinen Charme aus. In schönen Cafés sitzen wie dem Battambang Café  in der Street 2.5 und sich eine kambodschanische Variante der belgischen Waffel schmecken lassen oder im Choco l’Art Café in der Street 117 auf einem der roten Sitzkissen einen Khmer-Kaffee trinken, die Werke einheimischer Künstler angucken und ein paar Worte mit dem Besitzer Ke wechseln, der selbst Maler ist – so verbringt man seine Zeit in Battambang. Ich besuche auch den Wat Dum Rey Sor beim Stadtmuseum und den Wat Phephittam nahe des Psar Naths Markts. Der Markt selbst ist ebenfalls einen Besuch wert, obwohl die Gerüche von getrocknetem Fisch und von in der Sonne hängendem Fleisch eine Herausforderung für die Nase sind.

Am Nachmittag, wenn es nicht mehr so heiß ist, nimmt man ein Tuk Tuk zum Phnom Sampov, einem Berg mit mehreren Tempeln, Pagoden, Schreinen und Kalksteinhöhlen zwölf Kilometer von Battambang Richtung Pallin. Meine Begleitung und ich lassen uns am Fuß des Berges absetzen. Nach dem Lösen unserer Eintrittskarten beschließen wir, das Angebot anzunehmen, uns ein Stück mit dem Motorrad hinauf fahren zu lassen. Also quetschen wir uns hinter den Fahrer und schlängeln uns die Serpentinen hinauf bis zum ersten Tempel. Auch der Phnom Sampov ist eng mit den Gräueltaten der Roten Khmer verbunden: der Wat wurde zu einem Gefängnis umfunktioniert, die umliegenden Höhlen als Tötungskammern genutzt. Über einen schmalen Weg gelangt man zum Gipfel. Wer sich traut, über die wackelige Holzleiter zu klettern, wird mit einem wundervollen Ausblick auf die umliegenden Reisfelder und die Berge im Hintergrund belohnt. Pünktlich zum Sonnenuntergang sollte man wieder unten sein, nämlich dann, wenn der blau-rosa Himmel plötzlich von hunderttausenden Fledermäusen überzogen wird, die Abend für Abend ihr Höhle auf der Suche nach Futter verlassen.

Apropos Essen: Für den Abend kann ich in Battambang das Lonely Tree Restaurant und das Jaan Bai empfehlen. Letzteres punktet mit einer Fusion-Küche aus Thai, Vietnamesisch und Khmer. Nach dem Lychee Martini gibt es Banana Flower Chicken.

Von Battambang reise ich weiter Richtung Nordosten, nach Siem Reap, wieder mit einem Bus von Mekong Express. Die Fahrt dauert etwa viereinhalb Stunden und kostet 7 USD.

Faszinierende Tempel von Angkor: das versunkene Reich vor den Toren Siem Reaps

„Und, haben sie sich verändert, seitdem Du das letzte Mal hier warst?“, fragt Meas, mein Guide. Er meint die Gesichter der steinernen Götter und Dämonen, die den Dammweg zum Südtor von Angkor Thom säumen. Die dicken Lippen haben vielleicht noch ein paar mehr Sprünge bekommen, die Patina ist etwas dicker geworden. Doch ansonsten erkenne ich alles wieder. Die gütig lächelnden Steingesichter auf den Türmen von Bayon, dem Haupttempel von Angkor Thom, die Elefantenterrasse mit den lebensgroßen Elefanten, die Terrasse des Leprakönigs, mit den Reliefs der tanzenden Götterfiguren. Angkor Thom war die Hauptstadt des Reichs der Khmer, die im Dschungel vor den Toren Siem Reaps zwischen dem 9. und 15. Jahrhundert die einst größte Stadt der Welt schufen. Eine Million Menschen sollen hier gelebt haben, Hunderte von Tempeln lagen verstreut in dem 400 Quadratkilometer großen Areal.

Von Angkor Thom geht es tiefer hinein in den Dschungel, zum „Tomb Raider Tempel“, der eigentlich Ta Phrom heißt und durch den Film mit Angelina Jolie weltberühmt wurde. Ich bin erneut fasziniert von dem Dschungeltempel, dessen halb verfallenes Mauerwerk tentakelartig von den mächtigen Wurzeln der Würgefeigen umklammert wird, die wie Kobras durch die Korridore schlängeln. Das dichte Blätterwerk lässt nur wenige Sonnenstrahlen durch, die Zikaden übertönen das Geräusch der klickenden Kameras unzähliger chinesischer Reisegruppen, die sich vor den Bäumen ablichten.

Dann Angkor Wat, das größte religiöse Bauwerk der Welt. Wir betreten das Gelände durch das Osttor. Und sind fast allein, denn die meisten Besucher sitzen noch beim Mittagessen. Ohne Wartezeit klettere ich die steilen Treppen des Hauptturms hinauf, wandele durch die verwinkelten Gänge und bestaune die langen Reliefs mit den Apsaras. Dann die fünf Türme, die an Lotusknospen erinnern sollen und ein bisschen aussehen wie Ananas. Die meisten kommen hierher, wenn sich die Türme wie ein Scherenschnitt vom orangeroten Morgen- oder dunkelblauen Abendhimmel abheben. Dann steht man zu Hunderten auf dem Rasen vor dem Lotusteich am Haupteingang, den ich um diese Uhrzeit fast für mich alleine habe.

Travellers Insight Reiseblog Kambodscha-Rundreise Angkor Wat
Eines der Highlights einer Kambodscha-Rundreise: Der Tempel Angkor Wat.

Am zweiten Tag steht die „Grande Tour“ auf dem Programm. Der Tuk Tuk-Fahrer zeigt mir auf der Karte, welche Tempel wir ansteuern – Bantey Kdei, Pre Rup, Bantey Samre, Bantey Srei, East Mebon, Ta Som, Neak Pan, Pra Khan und Phnom Bakheng. In Pre Rup, dem Tempel in den warmen Braungelbtönen mit den von Löwen bewachten Treppenaufgängen, wachsen Pfingstrosen zwischen den Steinen der steilen Treppenaufgänge. Vorbei an grünschimmernden Reisfeldern, Holzhäusern auf Stelzen und Touristen mit Mountainbike, die die Tempel mit dem Fahrrad erkunden, geht es weiter nach Bantey Samre und schließlich nach Bantey Srei, knapp 40 Kilometer außerhalb von Siem Reap. Wegen seines rosafarbenen Sandsteins wird Bantey Srei auch „pink temple“ genannt, einer der schönsten in ganz Angkor. Auch Ta Som, ebenfalls halb verfallen und von Dschungel überwuchert, und Prea Khan mit den kopflosen Wächtern faszinieren mich aufs Neue.

Für den 1-Tages-Pass des Angkor Archaeological Parks zahlt man 37 USD, der 3-Tages-Pass kostet 62 USD, der 7-Tagespass 72 USD. Man kann auch mit Karte zahlen.

Nach den Tempelbesuchen zieht es die meisten in das touristische Zentrum von Siem Reap rund um den Old Market, wo sich die berühmt-berüchtigte Pub Street befindet. Neben Bier für 50 US-Cent und zahlreichen Restaurants mit Pizza und Khmer-Essen gibt es Stände, an denen man gebratene Skorpione oder gegrillte Schlangen kosten kann. Ich gebe zu, ich bin kein großer Fan der Pub Street, finde stattdessen nahe meines Hotels in der Taphul Road ein paar schöne Lokale wie das Madame Moch Khmer Food und die Bang Bang Bakery.

In Siem Reap steige ich in den Flieger nach Sihanoukville im Süden des Landes, um die zweite Etappe meiner Kambodscha-Rundreise anzutreten: Kampot und Kep sowie die Cardamom Mountains.

1 Kommentar

  1. Das ist ein wunderschöner Bericht. Ich war auch letztes Jahr in Kambodscha, Siem Reap – eine tolle Stadt.
    https://www.asiatica-travel.de/kambodscha-reisen.html

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