São Vicente: Die Seele der Kapverden einfangen

„Bitte alle einmal aus dem Fenster schauen“, weckt uns die Stimme des Piloten aus dem dösenden Schlaf. Wir überfliegen die Kanaren. Durch die Wattewolken spitzt rechts in der Ferne ein kegelförmiger Berg. Das muss der Pico de las Nieves sein, die höchste Erhebung Gran Canarias. Wer auf der linken Seite sitzt, erhascht einen Blick auf Fuerteventura. Doch wir setzen noch nicht zur Landung an, sondern fliegen immer weiter Richtung Südwesten. Unser Ziel befindet sich mitten im Atlantik, auf der Hälfte der Strecke zwischen Portugal und Brasilien und etwa 600 Kilometer vor der Küste Senegals. 15 kleine Vulkaninseln liegen dort, angeordnet wie ein Hufeisen: die Kapverden.

Paradies für Surfer, Sonnenhungrige und Wanderliebhaber

„Wann genau fliegst Du auf die Kanaren?“, wurde ich von einigen gefragt. Kapverden, nicht Kanaren. Man sieht, die kapverdischen Inseln, von denen nur neun bewohnt sind, gelten in Deutschland noch als Geheimtipp. Die touristisch am meisten erschlossenen Inseln Sal und Boa Vista mit ihren goldgelben, kilometerlangen Sandstränden sind vor allem Surfern und Tauchern ein Begriff. Auf die schrofferen, gebirgigen Inseln des Archipels zieht es Wanderliebhaber wie mich. Da ist Brava, die „Wilde“. Und Fogo, die „Feuerinsel“ mit den bizarren Mondlandschaften und einem noch aktiven Vulkan. Und Santiago, die größte Insel mit der Hauptstadt Praia und dem mittelgebirgigen Charakter. Und nicht zuletzt Santo Antão, die immergrüne Insel mit den tiefen Schluchten, das Wanderparadies der Kapverden schlechthin.

Zwei Stunden später heißt es Anschnallen für den Anflug auf die von Bergen flankierte Landebahn von São Vicente. São Vicente, eine der kleineren Inseln der Kapverden, dient den meisten als Sprungbrett für die Nachbarinsel Santo Antão. Doch es wäre schade, direkt die zweistündige Fährfahrt anzutreten, ohne die Inselhauptstadt Mindelo kennengelernt und die eine oder andere Wanderung unternommen zu haben.

Die heimliche Hauptstadt der Kapverden: Mindelo

Wer Mindelo nicht kennt, kennt Cabo Verde nicht, heißt es in einem berühmten, kapverdianischen Lied. Cabo Verde, das grüne Kap – der Name scheint nicht ganz zu passen. Zumindest nicht zu São Vicente, das sich karg und trocken präsentiert auf der kurzen Fahrt nach Mindelo in den Norden der Insel. Mindelo gilt als heimliche Hauptstadt der Kapverden, der einstigen portugiesischen Kolonie, die seit 1975 eigenständig ist, offiziell Republik Cabo Verde heißt und geografisch zu Afrika gehört. In Mindelo sind sie noch heute an jeder Ecke spürbar, die kulturellen Einflüsse all derer, die hier in den über 550 Jahren seit der Entdeckung der Kapverden Station machten – ob freiwillig oder unfreiwillig: portugiesische Seefahrer, die auf dem Weg nach Südamerika, Indien und Afrika ihre Schiffe mit Kohle und Wasser befüllten, englische und holländische Handelsleute, indische Beamte aus Goa, westafrikanische Sklaven und viele mehr.

Einen Bummel durch Mindelo startet man am besten an der palmengesäumten Uferpromenade, der Avenida Marginal. Fast komme ich mir vor wie an der französischen Riviera: Schmucke Segelyachten dümpeln in der Hafenbucht, hinter der sich eine gezackte Bergkette erhebt. Wer von Europa den Atlantik Richtung Südamerika überqueren will, macht Stopp in Mindelo. In der schwimmenden Bar der Marina nippt man an einem kalten Bier und lässt sich die warme Sonne auf die Nase scheinen. Der Blick schweift vom Hausberg Mindelos, dem Monte Verde, über die pastelligen Kolonialbauten an der breiten Uferstraße. Hier liegt unter anderem das ehemalige Zollgebäude, das ein Kulturzentrum mit wechselnden Ausstellungen und ein Café beherbergt.

Melancholisches Morna: Die Kapverdianer und ihre Musik

„This is where Cize sang in the bohemian nights and parties that lasted until dawn broke over the skies of Mindelo“, lese ich an der ziegelrot gestrichenen Hauswand des Café Royal in der Rua Lisboa. Die Rede ist von Cesária Évora, der großen Dame der kapverdischen Musik, die sich mit ihrer melancholischen, warmen Stimme schon als Jugendliche in die Herzen der Kapverdianer sang. Später füllte sie die Konzertsäle der Welt und gewann 2004 sogar einen Grammy. Aus Solidarität mit den Armen trat sie stets barfuss auf.

Es ist wenig los um diese Zeit im Café Royal. Fast trägt der Wind die Musik, die aus den knarzenden Boxen ertönt, durch die geöffneten Fenster fort. Der Verstärker wird einfach noch mehr aufgedreht. Die Kapverdianer lieben Musik, allen voran Morna. Jene dem portugiesischen Fado ähnelnde bittersüße, moll-lastige Musik, die die Sorgen, Träume und Sehnsüchte der kapverdischen Seele zum Ausdruck bringt und die „Cize“ in die Welt hinaus trug.

Ich biege in eine der vielen kopfsteingepflasterten Gassen, die von der Rua Lisboa abgehen. Bonbonfarbene Häuser, von denen der Putz abbröckelt, wechseln sich ab mit in knalligem Gelb, Grün, Orange, Rot und Blau gestrichenen Gebäuden. Jedes zweite scheint eine Bar zu beheimaten. Die Musik, die aus den Häusern schallt, ist das einzige Geräusch, das die an diesem Sonntagnachmittag fast menschenleere Altstadt erfüllt. Kein traurig-sehnsuchtsvolles Morna, sondern etwas Schnelleres, Tanzbares, das an die brasilianische Samba und afrikanische Rhythmen erinnert. Coladeira und Funaná, wie ich später lerne.

Mindelo by night: Wahoo, Grogue und Live-Musik

Langsam wird es dunkel und Mindelo erwacht. In den Restaurants wie dem Archote in der Alto São Nicolau und dem Le Goût nahe des Torre de Bélem werden üppige Platten mit Thunfisch, Tintenfisch, Juwelenbarsch und Wahoo herumgetragen. Im Innenhof der Alliance Française wird Cachupa aufgetischt. Cachupa ist das Nationalgericht, ein Eintopf aus gestampftem Mais mit Bohnen, Yamswurzel und Fleisch, das die Kapverdianer auch schon zum Frühstück essen.

Spätestens beim Dessert, Ziegenkäsepudding mit Karamelsoße, und einem abschließenden Gläschen des Zuckerrohrschnapses Grogue hat die Band ihre Instrumente aufgebaut und die kapverdianische Nacht kann beginnen. Es sei denn, man geht am nächsten Tag wandern. Dann gibt es nur noch einen kurzen Bummel über den Praça Nova. Das ist der lauschige Platz mit dem Art-Déco-Kiosk, an dem man sich abends trifft – zum Reden, Sehen und Gesehen werden. Vielleicht noch ein Pastéis de Nata, ein mit Pudding gefülltes Blätterteigtörtchen, auf die Hand und dann wird brav das Licht ausgeknipst.

Monte Verde, der im Nebel versunkene grüne Berg

Die Ausläufer von Mindelo schmiegen sich sanft an die Hänge des Talkessels. Eine der gepflasterten Straßen, die aus dem Ort hinausführen, geht hinauf auf den Monte Verde, mit 750 Metern der höchste Berg auf São Vicente. Man kann sich mit einem Aluguer, einem Sammeltaxi, hochfahren lassen oder wandern, so wie wir. Das Plateau des Tafelbergs ist an diesem frühen Morgen von dichtem Nebel umhüllt. Das sei leider häufig so, erklärt unser lokaler Guide Alveno, während er die Tupperdosen mit unserem Picknick verteilt. Nudelsalat, höchstpersönlich von Alveno zubereitet.

Wir verlassen die Fahrstraße, folgen dem serpentinenartigen, schmalen Pfad, der sich langsam den Berg hochwindet. Ob sich das Wolkenband noch auflöst? Auf halber Höhe scheint der Himmel ein Einsehen zu haben. Der Nebel macht Platz für einen Panoramablick. Über die vulkanischen Berge, die hier im Norden der Insel ein wenig grüner sind als im felsigen Süden. Über die Bucht mit Mindelo und dem Hafen. In der Ferne erkennt man sogar für einen kurzen Moment Santo Antão. Je höher es hinauf geht, desto mehr verschluckt uns erneut der Nebel. Kein Picknick mit Aussicht, es schmeckt uns trotzdem.

Wandern zum weißen Sandstrand von Salamansa

Neuer Tag, neues Wanderglück. Kaum eine Wolke am blauen Himmel. Perfekt eigentlich, um die letzten Stunden auf São Vicente am Praia da Laginha, dem Stadtstrand von Mindelo, zu verbringen. Ein Strand lockt auch am Ende unserer heutigen Wanderung, in der Bucht von Salamansa. Ziemlich rasch hege ich allerdings Zweifel, ob ich dort ankommen werde, als wir in Cha d’Alecrim oberhalb von Mindelo starten. Dass der erste Teil der Route eine luftige Gratwanderung ist, lässt meine Knie weich werden, butterweich. So gerne und oft ich in den Bergen bin – mit steilen Abhängen zu beiden Seiten werde ich mich in diesem Leben nicht mehr anfreunden. Doch es ist zu spät, schon bin ich mittendrin, in den rotbraunen Felsen. Es gibt nur einen Weg: vorwärts. Schritt für Schritt. Den Tritt sichern auf dem Geröll, mich an den Felsen hochziehen.

Geschafft, denke ich, als wir endlich durch die Sanddünen bergab laufen. Doch der Schein trügt. Der Weg geht noch weiter, er führt uns parallel zum Berg, durch schwarzbraunes Vulkangestein, die Klippen entlang. Doch langsam hört mein Herz auf zu pochen. Ich kann wieder normal atmen und endlich den Ausblick auf das türkisblaue Meer genießen, dessen Wellen sich sanft an den Felsen und in den kleinen Buchten brechen. Etwas weiter östlich tauchen die bunten Segel der Kitesurfer auf, die den schräg auflandigen Wind in der Bucht von Salamansa nutzen. Das würde mich tatsächlich auch reizen. Doch die noch immer etwas wackeligen Beine vom erstaunlich warmen Atlantik umspülen zu lassen, hat auch etwas für sich. Spätestens bei dem frisch gebrühten kapverdianischen Kaffee unter dem schattigen Strohdach der Strandbar sind die Abhänge der Gratwanderung vergessen.

6 Kommentare

  1. Dieser Reisebericht liest sich so ansprechend gut…..
    Am liebsten würde ich direkt den Koffer packen und dort hin. Die Fotos sind super und zeigen mir wie abwechslungsreich es dort ist.

    • Alexandra Lattek

      Das freut mich sehr, vielen lieben Dank! Ich könnte mir auch gut vorstellen, direkt wieder in den Flieger zu hüpfen, die Kapverden sind einfach traumhaft. Nächste Woche gibt es übrigens die Fortsetzung – auf der Insel Santo Antão :-). LG Alexandra

  2. Ein toller Bericht, man kann die Musik fast selber hören….. Ich freue mich auf den zweiten Teil!

    • Alexandra Lattek

      Im Karneval geht es wohl noch musikalischer zu in Mindelo, das hat man sich von den Brasilianern abgeschaut, hat unser Guide berichtet. Ist sicherlich auch ein Erlebnis! Liebe Grüße, Alexandra

  3. Manfred ,15x a.T. lachen

    Hallo Alexandra.
    ein wirklich toller Bericht (gekonnt ist eben gekonnt) da kommen viele Erinnerungen an diese Reise wieder zurück
    und ich kann nur sagen, es war einfach ein Erlebnis und sie jedem empfehlen der ein
    Wanderfreund und Naturliebhaber, ist.
    Vielen Dank für den Bericht und ich freue mich schon auf den zweiten Teil
    LG
    Manfred

    • Alexandra Lattek

      Hallo Manfred,

      das freut mich wirklich sehr! Die Kapverden sind einfach ein Traum, denke auch gerne und oft an die schöne Reise unf unsere tollen Wanderungen zurück. Hoffe, ich habe irgendwann Gelegenheit, noch einige der anderen Inseln kennenzulernen!

      Liebe Grüße
      Alexandra

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