Tbilissi – bröckelnde Fassaden und Glaspaläste

Eine Reise nach Tbilissi reizte mich schon lange, denn die georgische Hauptstadt wird gerade von allen Medien als „the place to be“ gefeiert. Am Rande Europas findet man hier ein multikulturelles und multireligiöses Miteinander. Die kaukasische Metropole war schon früher Schnittpunkt der großen Handelsrouten von Heer- und Seidenstraße, wurde vierzigmal zerstört und wiederaufgebaut. Die meisten Gebäude sind nicht älter als 200 Jahre. Und doch haben sie einen unverwechselbaren Charme.

Manch einer mag sich über den Namen wundern. War das nicht Tiflis? Jein. In Deutschland ist die georgische Hauptstadt auch als Tiflis bekannt, der korrekte und offizielle Name lautet aber Tbilissi.

Moderne Architektur und die Öffnung zum Westen

Offen, freundlich, transparent – so begrüßt mich die georgische Hauptstadt Tbilissi schon am Flughafen. Auf dem Weg in die Stadt ziehen futuristische Bauten an mir vorbei, die Polizeistation gleicht einem gläsernen Palast. Man kann den Polizisten fast von der Straße auf den Schreibtisch schauen – das ist gewollt. Der einstige Staatschef Micheil Saakaschwili wollte Anfang des Jahrtausends das Land erneuern. Mit gläsernen Fassaden und futuristischen Strukturen, die oftmals aus den Händen westeuropäischer Architekten stammten, ließ er das neue Gesicht Georgiens gestalten.

Ob gläserne Polizeistationen oder das Bürgeramt der Stadt, das von Dächern, die Eierschalen gleichen, überspannt ist, die futuristische Friedensbrücke, die beide Flussseiten des Mtkvari miteinander verbindet und nachts als Lichtinstallation von 30.000 LED-Leuchten bestrahlt wird oder die zwei ungenutzten Glas-Röhren am Ostufer, die als Konzerthalle und Ausstellungshalle geplant waren – sie alle setzen im Stadtbild einen besonderen Akzent.

Eine Funikular-Fahrt auf den höchsten Berg von Tbilissi

Am besten sieht man diesen Kontrast von oben, zum Beispiel vom 750 Meter hohen Hausberg Mtatsminda, den ich mit der Standseilbahn erreiche. Der Berg bot einst der Stadtbevölkerung bei Angriffen Zufluchtsraum. Heute befinden sich auf seinem Gipfel ein Restaurant und ein Vergnügungspark. Das Riesenrad und der 274 Meter hohe Fernsehturm erstrahlen nachts weit sichtbar über der Stadt. Mein Blick schweift von der Aussichtsterrasse über Holzhäuschen mit Ziegel- und Wellblechdächern, inmitten derer moderne Glasfassaden und mittelalterliche Kirchtürme aufragen.

Ich laufe ein Stück hinab zur Mittelstation. Hier befindet sich die Davitskirche, die als einziges Gebäude der Stadt allen Zerstörungen getrotzt hat. Neben ihr befindet sich das Pantheon. Berühmte Georgier fanden hier ihre letzte Ruhestätte.

Sololaki und sein alter Jugendstil-Charme

Mit der Standseilbahn fahre ich zur Chonkadze-Straße zurück und spaziere durch die ruhigen Straßen von Sololaki, einer Wohngegend, die besonders im 19. und zum Beginn des 20. Jahrhunderts sehr angesagt war. Metallbalkone und verzierte Balustraden schmücken die vor sich hin siechenden Jugendstil-Häuser, durch deren Fassaden sich häufig Risse ihren Weg bahnen. Wäre da nicht das viele Grün in den Straßen, würde sich ein morbides Gefühl ausbreiten. Von Blütezeit ist hier keine Spur, dabei waren es gerade diese Straßenzüge, die Tbilissi einst den Namen Paris des Kaukasus verliehen haben. Doch den Reiz der Vergangenheit entdecken Café- und Restaurantbesitzer sowie deren Gäste immer mehr. In einem grünen Hinterhof mit plätscherndem Brunnen befindet sich beispielsweise das EZO, das mit seiner organischen Küche die kulinarische Restaurantszene von Tbilissi bereichert.

Unteres Kala – Ein Spaziergang zwischen verfallenen und restaurierten Häuserfassaden

Über die Lemontov Straße gelange ich in immer verfallenere Straßenzüge. Rund um den ruhigen Lado-Gudiashvili werden nicht nur Balkone und Terrassen von Stahlpfeilern gestützt, sondern auch gleich ganze Hauswände. Ich bin im engen Gassengewirr des Unteren Kala angelangt, in dem ich mich schnell verliere. Weinreben umschlingen zart das Gemäuer und Gitterkonstruktionen.

Ich nehme die Bethlehem-Treppen zu dem kleinen Weingarten vor der Betlemi-Kirche. Eine ältere Frau verkauft ein wenig Gemüse auf den Treppen, zwei Katzen rekeln sich im Schatten des Alten Feuertempels. Zwischen alte Tbilisser Balkon-Häuser, die dem Verfall preisgegeben sind, mischen sich auch restaurierte Fassaden. Am Abend kehre ich hierher zurück, um bei einem Drink und Musik auf der Dachterrasse des Art-Café Home den Ausblick über die Stadt zu genießen.

Zwischen alten Festungsmauern und Schwefelbädern

Über dem Unteren Kala wacht Mutter Georgien mit Weinbecher und Schwert in ihren Händen. Sie stehen als Symbole für die georgische Gastfreundschaft und die Landesverteidigung gegen Feinde. Daneben finde ich die Überreste der Festung Nariqala, die im vierten Jahrhundert von Persern erbaut wurde. Eine Seilbahn führt vom Rike Park auf der gegenüberliegenden Flussseite auf den Sololaki-Bergrücken zur Burg. Doch gerade der Weg ist eigentlich das Ziel. Entweder nimmt man die steilere Treppe von der Betlemi-Kirche, die nur wenige Touristen nutzen, oder man startet vom Bäderviertel Abanotubani und geht am Botanischen Garten vorbei. Das Bäderviertel ist bereits sehr hübsch restauriert. Steinerne Kuppelbauten aus Backstein ragen hier aus dem Boden. Schon im 13. Jahrhundert erholte man sich hier in den Schwefelbädern, die auch als Gründungsort der Stadt gelten. Hinter dieser Anlage sticht das Blaue Bad wegen seiner Mosaike besonders heraus. Hinter den Bädern zieht sich der Tsavkisitskali-Bach weiter an den Felsen entlang. Am Ende plätschert ein kleiner Wasserfall am Hang.

Touristenmagnet Oberes Kala – zwischen neuen Restaurants und alten Karawansereien

Ich spaziere weiter durch den Touristen-Hot-Spot Oberes Kala. Die Aneinanderreihung an Restaurants und Shisha-Bars wie in der Bambis-Gasse ist nicht das, was ich suche. Schräg gegenüber des Museums für Stadtgeschichte führen Treppen in einen Keller. Der Duft verrät, dass sich hier eine der besten Bäckereien der Stadt befindet. Ofenfrische Tonis Puris, wie die Brote hier heißen, und Quarktaschen liegen in der Auslage.

Nur wenige Meter weiter befindet sich die Sioni-Kathedrale, die als eine der heiligsten Stätten der georgischen Orthodoxie gilt. Sie war auch Sitz des Patriarchats bis zur Eröffnung der Dreifaltigkeitskathedrale 2004.

Die nahegelegene Shavteli-Straße ist auch von einigen Cafés gegenüber der Anchiskhati-Kirche gesäumt. Um das Gemäuer fast jeden Hauses ranken sich Pflanzen. Ein Haus fällt besonders durch sein schönes Dekor auf – das Café Leila. Bei einem türkischen Kaffee lausche ich dem Gesang einer jungen Frau, der durch die Gasse hallt. Ein Mann verkauft an der gegenüberliegenden Hauswand seine Kunstwerke.

Neu-Tiflis – ein neuer Hotspot zum Ausgehen

Nach der Stärkung überquere ich den Fluss über die Trockene Brücke, an der sich ein kleiner Flohmarkt mit Erinnerungsstücken aus der sowjetischen Ära  befindet. Oberhalb des Mtkvari leuchten die neuen Fassaden der frisch restaurierten Häuser in der Agmashenebeli Avenue. Ein Schild mit der Aufschrift „Neu-Tiflis“ ist das Eingangstor zu dem Viertel, das von überwiegend deutschen Kaufleuten erbaut wurde und heute mit seinen Cafés, Bars, Restaurants und Shops Touristen und Einheimische gleichermaßen anzieht.

Nicht weit von hier befindet sich mit der Fabrika ein Magnet kreativen Lebens. In Fabrikhallen, die sich um einen Hof reihen, haben Kneipen, Shops, Cafés und ein Hostel ihre Heimat gefunden und ziehen mit einem interessanten Kulturprogramm ein junges, internationales Publikum an. Hier trifft Hippness auf alten Charme.

Wer Gegensätze liebt und nicht nur Hochglanz-Orte sucht, der ist in Tbilissi richtig. Ein Streifzug durch die Stadt ist ein einziger Rausch an Schönheit, Coolness und Verfall, der einen zwischen Okzident und Orient sowie Geschichte, Tradition und Moderne wandeln lässt.

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