Jordanien individuell: Auf eigene Faust im Königreich

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In unserer digitalen Welt reisen wir, ohne die Couch zu verlassen, per Mausklick in die abgelegensten Winkel des Planeten, zoomen uns detailgenau in Straßenzüge der kleinsten Dörfer. Wir scrollen durch Instagram-Feeds und begleiten Fremde durch ferne Länder. Wir glauben eine Vorstellung von einem Ort zu haben, obwohl wir nie dort waren.

Ich habe mich selbst ertappt. Jordanien, dieser Wüstenstaat, faszinierte mich schon lange, doch glaubte ich nicht, dass dort Überraschungen auf mich warten würden. Den Mittleren Osten und Wüsten aller Art kannte ich, bin mehrmals auf schaukelnden Kamelrücken gesessen und mit dem Jeep durch Sanddünen gepflügt. Was sollte mich in Jordanien also noch aus den Socken kippen?

Raus in die Welt und Jordanien entdecken

Dann setzte ich meinen Fuß ins Land und alles war plötzlich ganz anders. Was einem nämlich niemand und nichts übermitteln kann, ist, wie es sich anfühlt von herzlichen Menschen zu süßem Tee eingeladen zu werden, wie man in sternenklaren Wüstennächten erbärmlich frieren und dabei überglücklich sein kann.

Wie lange der Schock in den Gliedern sitzt, nachdem man einem kühnen Kamel auf dem Highway ausgewichen ist, oder welches Bauchkribbeln ein senkrechtes Gefälle auf ungesicherten Bergpässen hervorruft. Das und noch mehr erfährt nur, wer raus in die Welt zieht. Sie mit eigenen Augen, Leib und Seele erkundet, riecht und schmeckt.

Der sichere Hafen

Jordanien ist ein Land voller magischer Geschichten, wo Kreuzritterburgen, biblische Schauplätze und uralte Handelsstädte eine Landschaft zeichnen aus Wüsten, Bergen und Wadis (Canyons) – und dem tiefsten Punkt der Erde am Toten Meer. Dramatische Landschaften gibt es zuhauf und bieten sich für individuelle Entdecker, Natur- und Kulturliebhaber geradezu an.

Angst ist fehlangebracht. Das kleine Königreich ist ein friedvolles, offenes und relativ tolerantes Land, ein sicherer Hafen in dieser so konfliktreichen Region. Ein Land, das gerade deshalb nicht in Vergessenheit geraten sollte.

“Welcome to Jordan!”: Jordanien im Mietwagen

Die Schrecksekunde mit dem lebensmüden Kamel und die vermeintliche, aber landschaftlich überaus lohnenswerte, Abkürzung durch halsbrecherische Gebirgspässe außer Acht gelassen, erweist sich in Jordanien das Auto als ein bequemes Transportmittel. Die Hauptstraßen sind gut ausgebaut und aufgrund der kompakten Größe des Landes gelangt man in kurzer Zeit (dennoch die Distanzen nicht unterschätzen!) zu den Hauptattraktionen.

Jordanier sind freundliche, gesittete Menschen, das zeigt sich auch auf der Straße. Lastwagen- sowie Pkw-Fahrer halten sich an ihre – nicht immer evidente, aber offenbar vorhandene – Spur und die gängigen Fahrregeln. Auffallend, aber verständlich in Anbetracht der Krisenherde ringsherum, ist nur die Häufigkeit der Polizeikontrollposten. Selten hört man allerdings von den Polizisten neben der Frage nach der Herkunft mehr als ein freundliches “Welcome to Jordan!” Und mit etlichen guten Wünschen für die weitere Reise wird man durchgewunken.

Von Nord nach Süd und wieder zurück: Highlights einer Rundreise

Ich bin kein Planer und weiß Flexibilität zu schätzen. Halten, wo der Hunger es befiehlt oder der fantastische Ausblick lohnt. Ein eigener Mietwagen ermöglicht es mir, meine Jordanien-Rundreise individuell nach eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu gestalten. Die Reiseroute ergibt sich spontan vor Ort. In Jordanien liegt sie fast auf der Hand und unterscheidet sich bei vielen Reisenden nur an der Muße und Zeit, die man den einzelnen Sehenswürdigkeiten zu widmen bereit ist.

Wer nicht über Israel einreist, startet aufgrund der Flughafennähe in Amman oder Madaba, macht allenfalls einen kurzen Abstecher in den Norden nach Jerash, die vielleicht besterhaltene römische Provinzstadt im Mittleren Osten, wenn nicht der Welt. Jene mit mehr Zeit im Gepäck sollten den Wüstenschlössern im Nordwesten Beachtung schenken, bevor es auf dem „Dead Sea Highway“ ganz nach Süden bis nach Aqaba ans Rote Meer geht.

Auf der Wegstrecke liegen nacheinander, wie an der Perlenkette aufgereiht, lohnenswerte, teilweise biblische Stopps: Bethany Beyond the Jordan (die Taufstelle Jesus), der Mount Nebo – von hier überblickt Moses das Gelobte Land –, die heißen Quellen von Ma´in, das Tote Meer mit seinen Badestellen, das Mujib Nature Reserve zum Wandern und Canyoning und allen voran Petra, die verloren geglaubte Königsstadt der Nabatäer.

In Aqaba verdaut man das bisher Erlebte und widmet sich der bunten Welt unter der Wasseroberfläche des Roten Meeres, bevor es zurück über den Desert Highway ins pittoreske Wadi Rum geht. Lawrence von Arabien hat Jordaniens größte und prächtigste Wüstenlandschaft als „vast, echoing and God-like“ beschrieben. Ich nicke an dieser Stelle heftig und stimme ihm zu. Diese Gegend ist wahrlich ein umwerfendes Meisterwerk der Natur – nahezu unberührt von Menschenhand.

Der Desert Highway wird zum Kings Highway, mit einem fantastischen Abstecher ins Dana Nature Reserve und zu den Kreuzritterburgen in Shobak und Karak, bevor man seine Heimreise nach zwei abwechslungsreichen Wochen von Amman aus antritt.

Amman, Hauptstadt auf Hügeln

Amman – die jordanische Hauptstadt, die Stadt der vielen Hügel – ist vielleicht nicht so glanzvoll wie einst Damaskus und nicht so lebhaft wie Kairo, aber einen kurzen Aufenthalt wert. Die freundliche Kontaktaufnahme mit der jordanischen Gastfreundschaft und ihren Bräuchen ist mir positiv in Erinnerung geblieben. In Amman sollte man das römische Theater nicht missen und bis zur Zitadelle hinaufsteigen, die Ausgrabungsstätte auf dem mit beinahe 900 Metern höchsten Hügel, auf dem jordanische Kinder ihre Drachen steigen lassen.

Orientalischer wird es in der Altstadt auf dem belebten Markt hinter der Al-Husseini-Moschee. Hier kann man fast alles kaufen: Weintrauben und Passionsfrüchte, alte und neue Schuhe, Pullover, Schrauben und Werkzeug. Im Glaskasten vor dem „Cairo“-Restaurant drehen Grillhähnchen über dem Feuer. Die Rufe der Marktschreier vermischen sich mit denen des Muezzins zu einem Gewirr aus Stimmen und Gesängen. In der Luft liegt der Geruch von frischen Gewürzen, Abgasen und brutzelndem Speisefett. Auch wenn der Andrang am Nachmittag groß ist, Touristen sind zwischen den Marktständen kaum zu sehen.

Alle Wege führen nach Petra

Alle Wege der Reisenden führen hingegen nach Petra, Jordaniens größter Touristenattraktion. Allzu voll wird es trotzdem nicht, wenn man sein bestes Reiseequipment, seine Beine, zu nutzen weiß.

Die rosa Stadt wurde vor über 2000 Jahren in die Steine des Arava-Tals gemeißelt. Die von den Nabatäern gegründete Stadt immensen Ausmaßes hütet wertvolle archäologische Funde. Soweit die Informationen, die jeder findet, wenn er „Petra“ in den Internetbrowser eingibt.

So viel wurde schon über Petra geschrieben, so viel glaubt man zu wissen, gelesen oder auf Bildern gesehen zu haben und doch ist man nicht auf dieses Weltwunder der Neuzeit vorbereitet. Petra muss man mit eigenen Augen gesehen haben, um es zu glauben. Ob man es begreift, bleibt trotzdem dahingestellt.

Petra auf eigene Faust entdecken

Mehr als 800 Monumente und 500 Grabstellen auf 264 Quadratkilometern. Petra ist viel mehr als die Fassade des Schatzhauses. Es gibt unzählige Routen, auf denen man „die rosarote Stadt der Wüste“ erkunden kann. Zieht euch bequeme Schuhe an!

Ich habe versucht, in zwei Tagen und 37 gelaufenen Kilometern auf dem Schrittzähler, alle Winkel der Stadt zu entdecken und bin gescheitert. Was mir dagegen geglückt ist: die Atmosphäre Petras intensiv aufzusaugen, Geschichte und Genialität zu begreifen und mich in Anbetracht all der Grandiosität und Pracht von Natur und menschlichen Schaffens ganz klein zu fühlen.

Man kann Petra individuell entdecken, ein Guide ist auch für die meisten Wanderrouten nicht notwendig, unter Umständen zur Orientierung und für Hintergrundinformationen aber vorteilhaft.

Verabschieden sollte man sich vom Gedanken, alles sehen zu können. Empfehlenswert ist es, die untere Ebene zu verlassen, um von oben einen sagenhaften Blick auf die antike Stadt und Landschaft zu erhaschen.

Ein Petra-Rundgang auf anderen Wegen

Ich schwimme gegen den Strom, rolle das Feld von hinten auf. Von der sehenswerten kleinen Schwester „Little Petra“, steige ich auf zum Kloster (ad-Deir), das sich über der Stadt erhebt. Die Bezeichnung „Kloster“ ist irreführend: Der Bau wurde als Begräbnisstätte errichtet.

Die Route führt an Aussichtspunkten, an denen Fotofans am liebsten für immer verweilen würden, vorbei. Sie bieten eine herrliche Fernsicht auf die Mondlandschaft des Wadi Araba. Es ist ein mäßig anstrengender, aber langer Weg. Beim Abstieg dafür die Genugtuung: der der Blick in die roten Gesichter der Menschen, die sich die quälenden 800 Stufen vom Dorf aus nach oben kämpfen.

Im Verlauf des Tages wird es nicht weniger beschwerlich. Ich erobere Petra immer wieder von unten nach oben. Durch das Wadi Farasa hinauf zum Opferplatz mit einem beispiellosen Blick direkt ins Zentrum der Stadt.

Begleitet von Schatten und Lichtreflexen laufe ich durch den imposanten Siq, eine natürliche Felsschlucht. Das ist die einzige Route, die alle Besucher von Petra nehmen, denn sie verbindet den Ort Wadi Musa, das „Basiscamp“, mit dem Herzen der antiken Stadt. Fußfaule nutzen für diese Strecke oftmals einen der bedauernswerten Esel oder eine Pferdekutsche (bitte diese Praxis nicht unterstützen, wenn Ihr gut zu Fuß seid, die Tiere werden meist nicht gut behandelt).

Am Ende der Schlucht, an der engsten Stelle, taucht ein unvergesslicher Anblick auf: die Fassade des al-Khazneh, bekannt als „Schatzhaus“ oder „Treasury“, unsterblich gemacht von Harrison Ford in Indiana Jones und der letzte Kreuzzug.

Der Tag neigt sich zu Ende, die Sonne steht tief und das Licht hat Petra in warme Farben getaucht. Meine letzte Anstrengung des Tages beginnt hinter dem Theater, führt an den Gräbern vorbei, die die Nabatäer in die Felsen schlugen und mit aufwendigen Reliefs verzierten, über den Berg al-Khubtha, der jetzt bei Sonnenuntergang eine märchenhafte Szenerie zeichnet und auf al-Khazneh, das Schatzhaus blickt.

Unter Beduinen

Im Beduinen-Dorf Umm Sayhoun habe ich mein Nachtlager aufgeschlagen. Zu Petras Blütezeiten residierten die Bewohner in Steinhäusern mit mehreren Stockwerken und Badezimmern – heute sind von den Wohnhäusern nur Ruinen übrig. Doch lebten in den Höhlen von Petra lange Zeit noch Beduinen: Bis in die 1980er Jahre waren dies Winterquartiere der „Bedoul“, die im Sommer in Zelten lebten. Mein Gastgeber Hammoud erzählt, dass er selbst als Junge eine Höhle mit seiner Familie bewohnte.

Als Petra dann als archäologischer Schatz entdeckt und zum Unesco-Welterbe erklärt wurde, wurden die Beduinen nach Umm Sayhoun umgesiedelt. Aber es heißt, dass einzelne Familien wieder in die Höhlen zurückgezogen seien.

Mein Rückweg ins Dorf führt durchs „Rainbow Valley“. Den wirklichen Namen kenne ich nicht. Ich habe ihn mir ausgedacht, weil der Sandstein in chan­gie­renden Farbbögen aus Weiß, Rot und Braun gemasert ist. Kinder begleiten mich und stellen mir Fragen. „Wo kommst du her?“, „Wie heißt du?“ Dann sind sie plötzlich abgebogen. In eine Höhle? Ich weiß es nicht.

Aber was weiß ich denn generell schon von den vielen Geheimnissen Petras, den Bergen und der Wüste Jordanien? Nur eines weiß ich gewiss: Ich möchte noch mehr davon mit eigenen Augen sehen.

Jordanien individuell – praktische Reisetipps

  • Beste Reisezeit: Frühling und Herbst. Im Winter kann es empfindlich kalt werden, im Sommer unerträglich heiß.
  • Einreise und Formalitäten: Visum für eine einmalige Anreise (2 Monate gültig, Kosten: 40 JOD, ca. 56 EUR). Voraussetzung: mind. 6 Monate gültiger Reisepass. Das Visum ist bei der Einreise am Flughafen erhältlich.
  • Tipp: Den „Jordan Pass“ (ab 70 JOD, ca. 85 EUR) besorgen. Die Kosten für das Visum sind darin enthalten sowie der Eintritt zu 40 Sehenswürdigkeiten inkl. Petra.
  • Übernachtung: Beduinen bieten besondere Übernachtungsmöglichkeiten (Wüstenzelte, Höhlen) oder ein Eco-Hotel mit Kerzenlicht. Einzigartiges Erlebnis: eine Nacht im Freien unter dem Sternenhimmel der Wüste.
  • Sicherheit: Insgesamt stabile Lage in Jordanien. Das Auswärtige Amt verweist jedoch auf die Gefahr von Terroranschlägen.
  • Kleidung: In von Beduinen bewohnten Regionen gelten kurze Hosen, Röcke und Tops als respektlos. Jordanien ist ein muslimisches Land, moderate, nicht zu freizügige Kleidung ist angebracht.
  • Mietwagen mieten: Gängige internationale Autovermietungen sind in Jordanien ansässig (Preise ab ca. 25€ pro Tag). Benzinpreise entsprechen den Europäischen, da Jordanien über keine Bodenschätze verfügt.
  • Navigation: Gutes Kartenmaterial (z.B. von Freytag Berndt), ein Navigationssystem oder eine App sind ratsam. Die Ausschilderung ist dürftig, aber in Arabisch und Englisch.
  • Generell: Die offizielle Website des Fremdenverkehrsamt bietet viele nützliche Informationen, auch auf Deutsch.

2 Kommentare

  1. Super toller Bericht, der mit unsere Reise vor einem Jahr wieder bildhaft in Erinnerung gerufen hat. Deine Erfahrungen decken sich so ziemlich mit meinen und auch unsere Reiseroute war sehr ähnlich. Vielen Dank für die schönen Erinnerungen!!!

    Christina von http://www.reiseweise.net, die gerade die Kanarischen Inseln unsicher macht… 😉

    https://reiseweise.net/2017/05/25/jordanien-faszination-und-abenteuer-bei-den-beduinen/

  2. Aber gerne. Freut mich dass du ähnlich schöne Erlebnisse hattest. Schönen Urlaub noch!

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