Venedigs geheime Ecken

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„Hast du gewusst, dass es vor hunderten Jahren alle diese Inseln gar nicht gab, Meer und Küstenlinie viel näher beieinander lagen?“ Luana tippt auf die mitgebrachte Landkarte und verdeutlicht mir die enorm veränderte Land-/Wasserlinie.

Nein, das wusste ich nicht – auch nicht, dass Venedig nicht nur auf Pfählen gebaut ist – und so vieles mehr, das ich noch über die Stadt meiner (Alb-)Träume erfahren sollte. Mythen und mein leicht verschrobenes Weltbild werden von Luana innerhalb der nächsten Tage schnell zurechtgerückt.

Venedigs Lagune – der Mensch hatte seine Hand im Spiel

„In Venedigs langer und aufregender Geschichte hatte nicht nur die Natur, sondern vor allem der Mensch seine Hand im Spiel“, weiß sie. Schon früh überließ man die, sich durch Naturgegebenheiten stets verändernde, Lagune nicht mehr sich selbst. Nicht nur die Flüsse wurden in groß angelegten Maßnahmen umgeleitet. Venedig versuchte auf diese Art Schlamm, Sand und einen zu hohen Süßwasseranteil zu bekämpfen, eine Trias, die zu einer allmählichen Verlandung Venedigs geführt hätte.

Venedig war niemandem untertan. Eine Anbindung an das Festland war nicht im Sinne der auf Unabhängigkeit bestrebten Lagunenpolitik.

Ich lausche gebannt Luanas Ausführungen und bemerke kaum, wie schnell wir den Trubel von Venedigs prominentesten Stadtteil, San Marco, hinter uns lassen. Das Vaporetto 14 bringt uns von San Zaccaria bei strahlender Herbstsonne nach Punta Sabbioni. Es sind nur wenige Fahrgäste an Bord, die alle große Ohren bekommen haben und sachte ein Stückchen näher rücken, um Luanas Ausführungen zu lauschen. Luana ist Naturführer und Kopf hinter Slow Venice, ein eingesessenes Unternehmen, das sich dem sanften Tourismus verschrieben hat: ethisch, nachhaltig, authentisch. Mit profundem Wissen und einer intensiven Verwurzelung zur Region.

Lio Piccolo – ein kostbares und einzigartiges Naturgebiet

Ein Netzwerk an lokalen Betrieben aus Tourismus, Landwirtschaft und Hospitalität stehen Slow Venice zur Seite. So auch Armando. Er erwartet uns freudig am Hafen und kutschiert uns weiter auf Lio Piccolo, eine kleine Insel in der Lagune. Er ist so was wie der „Don“ der Insel. Er kennt jeden Stein. Winkt hier, grüßt da. Für ein Schwätzchen am Straßenrand ist auch immer Zeit und hast du nicht gesehen, stehen wir mit Prosecco in der Hand inmitten einer heiteren Gruppe italienischer Radler auf dem Dorfplatz rund um die Kirche Santa Maria della Neve (den Ausblick vom Turm nicht auslassen!).

Dort beginnt auch unsere Fahrradtour, die uns auf einer schmalen Deichstraße ins Herz der nördlichen Lagune führt. Flachwasserzonen und Salzwiesen durchsetzt von Kanälen und Lagunen bestimmen das Bild. Sensible Feuchtgebiete, die von den Lagunengewässern umspült werden. Sie sind wichtige Vogelbrutgebiete und reiche Fischgründe. In der Sommerzeit gestalten rosa Flamingos diese Kulisse noch eindrucksvoller.

In den „Valli da pesca“ wird seit vielen Jahrhunderten Fischzucht gemäß den Regeln der Ökologie, im Sinne eines natürlichen Ökosystems, betrieben. „Feinkost!“, raunt mir Armando zu. Angeblich beliefern sie sogar den Käfer in München. Ich verfluche insgeheim den Tag, an dem ich Vegetarier wurde, als ich sehe, was Luca seinen Gästen im rustikalen All Notturno auftischt. Ohne Reservierung läuft hier nichts, eine Karte gibt es nicht und auf den Tisch kommt nur was Lio Piccolo´s Gemüsegärten und die Lagune gerade zu bieten haben.

Das landwirtschaftlich geprägte Lio Piccolo wird manchmal als Insel bezeichnet, ist aber eher eine „Ansammlung von Inseln“, getrennt durch schmale Kanäle. Der Ort ist von zahlreichen Gemüsegärten umgeben, in denen besonders die Violette Artischocke sowie die Rote Dattel wachsen. Siehe da, die traditionelle Küche der Lagune hält letztlich auch für mich schmackhafteste Spezialitäten bereit.

Geheimtipp Certosa – die Dornröscheninsel

Armando hat Gefallen daran gefunden, der „giornalista tedesca“ diese gänzlich andere Seite Venedigs näherzubringen. Er lässt es sich unter keinen Umständen nehmen und kutschiert mich in seinem Boot auf die Insel Certosa, wo ich die nächsten Tage nächtigen werde – natürlich nicht, ohne mir noch ausgiebig alle Facetten der Lagune näherzubringen.

Grandioso! Als ich in der warmen Abendsonne an Deck lümmle, schippern wir an verlassenen, schicksalhaften Inseln und goldfarbenen Sandstränden mit grünen Pinienhainen vorbei, hinüber zur Friedhofsinsel San Michele. Wir cruisen um das, im Abendlicht noch bunter wirkende, Burano, während im Hintergrund stets die unverwechselbare Silhouette von Venedig auszumachen ist. Erleuchtet von den letzten Sonnenstrahlen.

Ich habe mich längst dem melancholischen Rhythmus der Lagune hingegeben, die Augen auf das Wasser gerichtet, das in der sinkenden Sonne funkelt, als ob jemand alle Swarovski-Kristalle der Welt darauf ausgeleert hätte. Und Armando erzählt noch immer …

Luana ist der Meinung, ich sei nun völlig überfrachtet mit Informationen, daher entlassen mich die beiden auf La Certosa, meiner kleinen einsamen Insel. Wie im Dornröschenschlaf liegt sie da. Bloß ein paar hundert Meter Luftlinie von Venedigs quirligem Zentrum entfernt. Die winzige Insel, einst Kloster, danach Waffendepot, ist ein Naturparadies und soll irgendwann erweckt und nachhaltig entwickelt werden.

Venice Certosa ist das einzige Hotel auf der Insel und in praktisch keinem Reiseführer enthalten – eine reizvolle Alternative zum Rummel Venedigs. Wer hierherkommt, hat Certosa meist zufällig entdeckt. Nur mit den Vaporetto Linien 4.1 und 4.2 gelangt man auf das Eiland – vorausgesetzt man vergisst nicht, dem Fahrer beim Einsteigen seinen Haltewunsch mitzuteilen.

Schon vor dem Frühstück am Morgen habe ich alles getan, was es auf der Insel zu tun gibt: Einen Blick in die Werft geworfen, die Biennale Exponate gewürdigt und ein paar Runden im Kreis um die Insel gejoggt. Nun sitze ich mit dem Gewürzduft von Rosmarin und Thymian in der Nase auf der Frühstücksterrasse, während die Vögel zwitschern und die Kaninchen auf der angrenzenden Wiese auf Futtersuche gehen.

Genug der Idylle, Zeit für Venedig, um das ich nun seit zwei Tagen herumschleiche.

Venedig wiederentdecken

Venedig, die Stadt meiner Träume, diese Besucher umwerbende, einmalige, faszinierende, verwirrende und begeisternde Stadt. Die letzten 20 Jahre bin ich ihr aus dem Weg gegangen, denn durch den nie versiegenden Touristenstrom und mit all ihren Problemen ist sie auch zu meinem Albtraum geworden.

Ich habe ihr Unrecht getan und mich abschrecken lassen durch die wiederkehrenden Negativ-Schlagzeilen: „Venedig droht im Meer zu versinken und im Müll der Touristen zu ersticken“.

Luana verdreht die Augen. Die Venezianer können es nicht mehr hören. Es sind keine Unwahrheiten, „aber glaub mir, wir kämpfen für unsere Stadt.“

In Venedig wird gebaut, saniert und gesichert, das Meer abgeschirmt, Kreuzfahrtschiffe an den Stadtrand verbannt und den Touristen Benimmregeln nahegelegt. Doch Fakt ist auch, der Tourismus ist nicht ohne finanzielle Bedeutung für diese Projekte. „Venedig wäre nichts ohne Touristen.“

Aus diesem Grund gibt es auch vermehrt Initiativen wie von Slow Venice und Air Dolomiti weg vom schnellen Tourismus auf ausgetretenen Pfaden, hin zu nachhaltigeren Initiativen, eine Stadt von unbekannten, neu zu entdeckenden Seiten zu zeigen.

Das Venedig der Insider

Ich hab daher den „Alternative Guide Venedig“ der Fluggesellschaft im Gepäck. Insider plaudern hier aus dem Nähkästchen und verleiten dazu je nach Interessen und Vorlieben neue Wege in der Stadt zu gehen. Genau das will ich tun, doch hauptsächlich auch das, was man nirgendwo besser tun kann als in Venedig: Mich einfach treiben lassen – ohne Plan und ohne Ziel. Denn Venedig ist lebendige Geschichte, wie ein Gemälde, in dem man spazieren gehen kann. Dazwischen immer mal wieder anhalten, die herrliche Atmosphäre, die schönen Häuser wirken lassen. Oder eine kleine Pause in einer Bar bei einem Aperol Sprizz und Antipasti. Am Campo Santa Margherita zum Beispiel gibt es so viele Bars, dass die Auswahl schwer fällt, verrät mir der alternative guide. In der Tat entpuppt sich jener als einer der wenigen quicklebendigen Plätze Venedigs, an denen man noch Einheimische Kommen und Gehen und Kinder beim Spielen beobachten kann.

In Cannaregio, dem ehemaligen Handwerkerviertel Venedigs, gefällt mir der Stadtteil Miracoli. Er ist zentral und noch voller Leben. Dort lebt auch Piero Dri, ein Künstler der Rudergabeln für Gondeln baut, die mit zeitgenössischer Kunst gleichgesetzt werden und schon Beachtung in internationalen Ausstellungen wie der MoMA in New York fanden.

Einen ganzen Vormittag nehme ich mir für das verschlafene Castello Zeit. Es ist so malerisch, wie sich die Kanäle an üppig grünen Parks und Kirchen aus dem 12. Jahrhundert vorbeischlängeln. Über die Wasserstraßen des Viertels sind Wäscheleinen gespannt, auf denen Unterhemden in der Sonne trocknen – und dieser Anblick trägt noch zum Zauber von Castello bei. Auch wenn die Menschenmassen auf dem Markusplatz nur wenige Minuten entfernt sind, liegt hier zwischen Bootsrampen und winzigen Bücherläden eine erstaunliche Ruhe in der Luft.

In Castello liegt das Tor zum Arsenal, einem Komplex aus dem 12. Jahrhundert mit dem Zeughaus und einer Schiffswerft. Die Ziegelsteintürme sind seit ihrer Errichtung unverändert geblieben und dahinter verbirgt sich das Biennale Gelände.

Auch das Ufer der Isola della Giudecca mit Blick auf das zentrale Venedig hat seinen Charme und bietet andere Perspektiven, ist eine Welt für sich. Es gibt auf den ersten Blick wenig: keine Souvenirläden, keine Museen, keine bekannten Palazzi. Die Gebäude sind eher schlicht, die Gassen eher still aber die Menschen noch nett und geduldig. Ein Stück Venedig ganz ohne Klischees.

Geheimtipps zum Nachmachen

  • Reiseinspiration aus erster Hand und fernab aller gängigen Klischees bietet der „Alternative Guide Venedig“ von Air Dolomiti
  • Günstig, idyllisch und abseits des Trubels wohnt es sich auf La Certosa im Venice Certosa Hotel. Das Hotel verfügt über eine Bar und Restaurant. In den Sommermonaten verkauft am Yachthafen Verde Pisacchio frische Pizza aus seinem Piaggo Ape mit inkludiertem Holzhofen. Schicker und zentraler ist das Boutique Hotel Palazzo Barbarigo am Canale Grande.
  • Wenn man die augenscheinlichen Touristenfallen meidet, kann man restauranttechnisch gar nicht viel falsch machen. Lecker Sprizz und eine simple Pasta gibt es zu fairen Preisen abseits der Hauptattraktionen. Die Osteria Al Squero in Dorsuduro liegt gegenüber der alten Gondelwerft. Lecker Essen und Gucken.
  • Ein Galerie-Juwel für Photokunst: Ikona Gallery
  • Nicht alle venezianischen Masken sind gleich. Handwerkskunst und Sammlerstücke gibt es bei Ca´Macana.
  • Das wichtigste zum Schluss: Kauft euch einen Venezia Unica City Pass online oder an einem der ACTV Automaten. Der City Pass beinhaltet ein vergünstigtes Ticket für die öffentlichen Verkehrsmittel und ausgewählte Sehenswürdigkeiten.

1 Kommentar

  1. Und selbst bei Hochwasser wie zuletzt lassen sich die Menschen nicht unterkriegen. Gerade wieder erlebt.

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