Stockholm: Design, Kunst und Fika

Stockholm kann mehr als Tradition. Puristische Mode in Norrmalm, avantgardistische Kunst in Vasastan, Vintage und Ökochic in Södermalm, die Stockholmer mögen es trendy und hip. Unsere Autorin Alexandra Lattek hat sich auf einen Streifzug durch die Design- und Kunstszene von Schwedens Hauptstadt gemacht.

Wasserfronten, kreischende Möwen, Stadtpaläste und Königsschlösser, das ist das Stockholm auf den Postkarten in der Altstadt. Doch Stockholm hat mehr drauf. Ist es eigentlich opportun, einen Städtetrip mit Shopping zu beginnen? Wo so viele historische Sehenswürdigkeiten locken? Die Stockholmer Altstadt Gamla Stan mit den Kaufmannshäusern und Adelspalästen und dem Königsschloss? Das berühmte Vasa-Museum mit dem königlichen Kriegsschiff und Skansen, das älteste Freilichtmuseum der Welt? Für Altstädte habe ich normalerweise eine große Schwäche, doch irgendwie fühle ich mich in Gamla Stan wie in einem Puppenhaus. Und Souvenirgeschäfte sind mir ein Gräuel. Ich konzentriere mich lieber auf das, was Stockholm vielleicht noch mehr kennzeichnet als prachtvolle Gebäude umgeben von Wasser: Design. Gespickt mit einer Portion moderner Kunst und dem Stockholmer Lebensgefühl, das sich für mich in Fika, der Kaffeepause zwischendurch, manifestiert.

Norrmalm – Mekka für schwedische Mode in Stockholm

Mein erstes Ziel heißt Biblioteksgatan. Das hat nichts mit Büchern zu tun, wie der Name vermuten lässt, sondern ist ein Mekka für alle Liebhaber schwedischer Mode. Damit meine ich nicht H&M, sondern Labels wie Tiger of Sweden, die puristische, zeitlose Mode von Filippa K, kleine Boutiquen wie Nygårds Anna und das coole Jeanslabel Acne. Hier kann ich der Versuchung nicht widerstehen, in die ein oder andere Jeans zu schlüpfen. Die Schweden sind irgendwie sehr schlank, am Nachmittag wohl besser keine Fika für mich .… „Hey!“ Das, was danach aus dem Mund der Verkäuferin mit den kurzrasierten, weißblonden Haaren und der Jeanslatzhose mit den weiten Beinen im Marlenestil kommt, verstehe ich leider nicht. Schwedisch. Ich fühle mich geehrt, trotz meines nicht so hippen, unschwedischen Outfits und der umgehängten Kamera werde ich für eine Einheimische gehalten.

Das passiert mir auch in den Einrichtungsgeschäften, in die ich bei meinem Bummel durch Norrmalm meine Nase hineinstecke wie bei Norrgavel, GAD oder Syster Lycklig. Die Schweden können beides: funktionales, minimalistisches, zeitloses Design mit klaren Formen und blumig-pastellig, schnörkelig mit weiß, hellblau und rosa, so wie man sich das schwedische Sommerhaus von Großmutter vorstellt. Mir gefällt ersteres besser. So fühle ich mich auch sofort wohl bei Rolfs Kök, wo ich zum Lunch halt mache. Das Lokal mit den an der Wand hängenden Stühlen ist eines der angesagtesten Mittagslokale in Norrmalm. Auch wenn die Uhr erst 11.30 zeigt, herrscht High Noon. Ich kann den gestressten Kellner tatsächlich überzeugen, mir einen Platz im Fenster zu geben und schaffe es, innerhalb von 20 Minuten zu bestellen und meine Fiskgryta zu verspeisen, ein köstlicher Fischeintopf mit Krabben, Muscheln und Aioli.

Ein Paradies für Hipster: das Kreativviertel Vasastan

Weiter geht es Richtung Odenplan, vorbei an grünen Parks und Bürgerpalästen aus dem 19. Jahrhundert. Ein sehr bürgerliches Viertel, würde man vermuten. Doch in Vasastaden, oder kurz Vasastan, schlägt das Herz der zeitgenössischen, schwedischen Kunst. Vorbei an Antiquitäten- und Vintageläden, steuere ich die Hudiksvallagatan an, wo sich eine Galerie an die andere reiht. Ich habe Glück, heute ist ist der letzte Tag, bevor die Ausstellungen schließen für die Sommerpause.

Das Flair des Galeriekarrés nahe des Vanadisplan erinnert mich an die Kunstdistrikte in New York und Shanghai, die Räumlichkeiten sind im Industriechic gehalten, die Kunst sehr avantgardistisch. Bei Andréhn-Schiptjenko schaue ich mir Installationen aus Holz an, in der Galerie Flach eine Kombination aus nordischer und afrikanischer Kunst. Bei Andersson/Sandstrom habe ich Gelegenheit, mit der ausstellenden Künstlerin zu plaudern, sie fotografiert ihre Werke zum Abschluss der Ausstellung. Wir sprechen darüber, ob skandinavische Kunst wirklich so avantgardistisch ist wie wir in Mitteleuropa denken und was sie vom Kunstbetrieb in Deutschland hält. Anastasia Ax stellt nämlich auch regelmäßig in Deutschland aus. Und findet die deutsche Kunstszene viel progressiver. Interessant …

Ich hätte noch Stunden Vasastans Kreativszene durchstöbern können, doch es ist mittlerweile Abend. Ein architektonisches Juwel, die retro-futuristische Stadtbibliothek aus den 1920ern, schaue ich mir zumindest noch von außen an. Das Sven Harry’s Museum und die Bonniers Konsthall müssen bis zum nächsten Mal warten. Dafür bekomme ich noch ein wenig Kunst in der Metro präsentiert, Stockholm ist berühmt für seine „unterirdische“ Kunst in den U-Bahnhöfen.

„SoFo“ – das nachhaltige und coole Stockholm

Einige „Söder“ sind der Meinung, Södermalm habe seinen Zenit bereits überschritten. Die wirklichen Bohemians und Intellektuellen, die aus dem ehemaligen Arbeiter- und Handwerkerviertel das gemacht haben, was es heute ist, sind längst weitergezogen, Richtung Süden, nach Söderort. Die klassische Welle der Gentrifizierung. Zurückgeblieben sind trendige Hipster, vor allem südlich der Folkungagatan in „SoFo“. Das ist die Abkürzung für „South of Folkungsgatan“. In SoFo finden sich Dutzende Cafés, Restaurants, Second-Hand- und Vintage-Shops und Boutiquen aufstrebender Designer.

Retro, nachhaltig, lässig, cool, so lässt sich das „Söder-Feeling“ auf den Punkt bringen. In einer upgecycleten Lederjacke von Deadwood und einer Jeans aus nachhaltig angebautem Denim von Nudie Jeans mit einer Einkaufstasche aus dem Concept Store Grandpa im Urban Deli nachmittags einen Rosé trinken und an Käsespezialitäten knabbern, das ist SoFo. SoFo ist auch, mit Kaffee und Zimtschnecke in einem der Straßencafés zu sitzen. Fika, die klassische, kleine Kaffeepause, ist in, auch in SoFo. Wahlweise mit Buch, Zigarette und Espresso, wie Lilli, eine Alt-68erin, die ich in der Skänigen-Kaffeebar kennenlerne. Lilli wohnt schon seit 20 Jahren hier, lange, bevor SoFo ein In-Viertel wurde.

Im Grandpa, in dem es neben Mode auch Wohndeko gibt, habe ich mir einen Plan von SoFo eingesteckt mit einer Auswahl der besten Shops und Restaurants. Da im Urban Deli Fußball läuft, gehe ich zum Kotbüllar essen ins Meatballs for the People. In nordisch-klarem Ambiente mit viel Holz kann man zwischen 14 Sorten Kotbüllar wählen. Elch ist aus an dem Abend, Wildschwein ist mir zu wild, ich wähle Kalb, dazu gibt es eine leckere Soße, Kartoffelpüree und die obligatorischen Preiselbeeren. Der Preis für ein Bier lässt mich zwar schaudern, aber ich finde, das Sleepy Bulldog Pale Ale ist eine perfekte Begleitung für meine Hausmannskost in diesem coolen Laden, in dem sich hauptsächlich Locals tummeln.

Södermalm – die letzten Holzhäuser in Stockholm

Wenn man sich von SoFo losreißen kann, sollte man unbedingt das Viertel nördlich der Folkungagatan durchbummeln. Mit einem Kanebülla-Zimtschneckeneis von 18 Smaker Glassmaker in der Hand, schlendere ich an den kleinen Ateliers auf dem Hornsgatspuckeln vorbei, begebe mich in der Bellmansgatan und der Mosebacke auf die Spuren von Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander, den Hauptfiguren von Stieg Larssons Bestseller-Trilogie Verblendung, Verdammnis, und Vergebung. Es gibt auch geführte Millenium-Touren, aber mit einem Stadtplan ausgerüstet findet man die Orte auch selbst.

In Södermalm gibt es sogar noch ein paar alte Holzhäuser, die wurden im übrigen Stockholm aus Angst vor Bränden irgendwann verboten. Über Kopfsteinpflaster geht es hoch auf die Hügel zu den zwei Aussichtspunkten, von denen man einen wunderbaren Blick auf die Altstadt hat – Fjällgatan und Monteliusvägen. Hier kommen nicht nur Touristen zum Gucken, im Hochsommer findet man auf dem Rasen neben dem Spazierweg Anwohner beim Grillen.

Ein steiler Weg führt den Hügel hinunter Richtung Wasser. Mit so einer langen Schlange vor dem 1906 erbauten ehemaligen Zollhaus habe ich nicht gerechnet. Doch nicht nur die Eröffnung der Bryan-Adams-Fotoausstellung macht aus dem Fotografiska einen Magneten an diesem frühen Samstagabend. Das Museum für zeitgenössische Fotografie beherbergt eines der besten Restaurants der Stadt. Bevor ich mir die großartigen Fotos von Rockstar Bryan Adams anschaue, genieße ich noch ein wenig den Ausblick auf das Wasser durch die riesigen Panoramafenster. Natürlich bei einer Fika. Was sonst?

In Stockholm lässt es sich stillvoll wohnen

Obwohl Stockholm ein cooles Nachtleben hat, lasse ich die Abende meistens im Hotel ausklingen. Das Hotel Scandic No 53 (Früher: HTL Kungsgatan), ein Boutique-Hotel in Norrmalm, hat nämlich eine tollen Innenhof mit Lounge, wo ich mich bei einem Glas Wein um 23 Uhr wundere, dass es immer noch nicht dunkel wird. Mitsommer in Schweden, und auch die letzten Wolken haben sich verzogen. Die Bar und die Lounge im Atrium vom HTL Kungsgatan sind übrigens so angesagt, dass auch Stockholmer auf ein Glas Wein am Abend herkommen. Ich muss morgens beim Frühstück immer aufpassen, dass ich irgendwann loskomme, ich blättere gerne noch in den Fotobänden, die überall rumliegen und zapfe mir den dritten Cappuccino ab. Aber die Stockholmer mögen es gemütlich, also passe ich mich dem Rhythmus der Stadt einfach an.

Ein zweiter Teil der Reise nach Stockholm führte Alexandra in die Schärengarten, die Inseln vor Stockholm.

Die Reise wurde mit freundlicher Unterstützung von Norwegian, dem Hotel Scandic No 53 (Früher: HTL Kungsgatan) und Visit Stockholm ermöglicht.

1 Kommentar

  1. Michael Kausch

    Kleiner Tipp für Schwedenfahrer: Das schwedische Tourismus-Büro veröffentlichte umfangreiche Tipps für „Goldsucher“: Von der Goldsuche in Smaland über den „Goldenen Saal“ in Stockholm bis zum Restaurant „Zum goldenen Frieden“: http://bit.ly/schwedengold. Lesenswert. Besuchenswert.

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