Pristina: Ein Besuch in Europas jüngster Hauptstadt

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200.000 der rund 1,8 Millionen Einwohner des Kosovo leben in der größten Stadt des Landes, in Pristina. Die Hauptstadt bewegt sich. Man spürt regelrecht den Aufwind, der durch die Straßen zieht. Im Februar feierte die Republik ihr zehnjähriges Bestehen. Nach dem Zerfall der Bundesrepublik Jugoslawien war der Kosovo seit 2003 eine Teilregion der Republik Serbien. Am 17. Februar 2008 proklamierte das Parlament schließlich die Unabhängigkeit des Territoriums. Der völkerrechtliche Status des Landes ist dennoch umstritten, nicht alle Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen erkennen die Republik Kosovo als unabhängig an. Davon lassen sich ihre Bewohner aber nicht entmutigen – ganz im Gegenteil!

Besuch in Pristina – Aufbruchstimmung und Kaffeekultur

Im jüngsten Land Europas leben anteilsmäßig auch die meisten jungen Menschen, ein Großteil davon in Pristina. Auf der einen Seite besitzt die Stadt mit ihren alten Gebäuden noch den jugoslawischen Charme, auf der anderen Seite stößt man auf immer mehr hippe und moderne Cafés, Theater und Kunst.

Ich treffe mich mit einigen alten und neuen Freunden, die ich bei meinem letzten Besuch in Pristina kennengelernt habe. Unter ihnen auch die Bloggerin Lavdi, die mir ein paar echte Geheimtipps in Sachen Café-Szene gibt. Die Menschen auf dem Balkan sind leidenschaftliche Kaffeetrinker, das merkt man auch hier in Pristina. Zum einen wäre da das Dit‘ e Nat‘, in das Lavdi und ich am Abend gehen. Hierher zieht es viele Politiker und Abgeordnete, denn der Regierungssitz des Kosovo befindet sich direkt um die Ecke.

Wer gerne am Laptop arbeitet oder sich unter die Einheimischen mischt, der sollte es sich im Soma Book Station gemütlich machen, welches übrigens von einer Katze geführt wird. Naja, nicht ganz. Die Katze gehört dem Besitzer. Sie hält sich die meiste Zeit des Tages im Café auf und ist gegenüber den Gästen sehr kontaktfreudig. Außerdem zu empfehlen sind das Cup o Tea, Tartine, Tiffany, MIQT Pub, Kadare Bar Books und die Mana Board Game Bar, die eine große Auswahl an Brettspielen für ihre Gäste bereithält.

Interpretation erwünscht – die Nationalbibliothek des Kosovo

Pristina ist nicht allzu groß, die Innenstadt lässt sich zu Fuß bestens erkunden. Hier findet man auch die schönsten Gebäude, Attraktionen, Museen und Moscheen.

Zu den beeindruckendsten Sehenswürdigkeiten in Pristina würde ich die Nationalbibliothek des Kosovo zählen, die vom englischen Telegraph leider als eines der hässlichsten Gebäude der Welt betitelt wurde und sich auf dem Campus der Universität befindet. Nichtsdestotrotz ist sie die meistbesuchte Attraktion im Kosovo. Über die symbolische Bedeutung der 99 weißen, gläsernen Kuppeln mit dem großen gitterartigen Metallnetz gibt es bis heute viele verschiedene und kontroverse Interpretationen. Wer nach Pristina reist, kann im Rahmen der Walking Tour von Kosovo Holidays herausfinden, über was die Serben und Albaner hier genau diskutieren.

Ein paar Meter weiter befindet sich die Mutter-Teresa-Kathedrale. Muslime und Christen leben im Kosovo sehr friedlich miteinander und das schon seit langer Zeit. Für einen Euro fahren mein Tourguide Armend und ich mit dem Fahrstuhl die Kathedrale hinauf. Von oben hat man einen atemberaubenden Blick über die Stadt und die nahegelegenen Berge.

Pristinas Geschichte – erschütternd, aber mit Happy End

Die Geschichte des Landes spiegelt sich in fast allen Sehenswürdigkeiten der Stadt wider. So auch auf dem Ibrahim Rugova, dem Skanderbeg Square und im National Museum of Kosovo. Während im Erdgeschoß des Museums Funde der frühen Geschichte gezeigt werden, findet man in der ersten Etage die sehr interessante, aber auch erschütternde Ausstellung über den Kosovokrieg von 1998 bis 1999.

Nach 60-minütiger Geschichtsstunde geht es wieder nach draußen, kurz mal klarkommen. Eigentlich bin ich eher der Outdoor- und Naturfreund, aber die Geschichte um den Zerfall des ehemaligen Jugoslawiens hat mich so gefesselt, dass ich versuche, in jedes Museum zu gehen und mit Menschen darüber zu sprechen, sobald ich in dieser Region unterwegs bin.

Direkt neben dem Museum befindet sich die Große Moschee von Pristina. Armend bittet mich hinein, die Schuhe ziehen wir vorher aus. Eine sehr warme, friedliche und vor allem willkommen heißende Atmosphäre umgibt uns.

Verbundenheit mit dem Westen – Bill Clinton und der symbolische Legostein

So viele Eindrücke und Informationen. Und dabei waren wir noch nicht mal in der Innenstadt. Der große gelbe Legostein am Ibrahim Rugova Square symbolisiert nicht nur die sechs Regionen des Kosovo, sondern wird auch als fehlendes Puzzle- beziehungsweise Lego-Stück der EU gesehen.

Der Kosovo ist pro EU und Amerika, da die UN und einige große Politiker die Kosovaren damals im Krieg stark unterstützt haben. Als Zeichen ihrer Verbundenheit haben sie nicht nur die Bill Clinton Avenue geschaffen, sondern auch gleich noch eine Statue zu Ehren des ehemaligen US-Präsidenten errichtet. Viele Eltern haben ihre Söhne Bill oder gleich Bill Clinton genannt. Ich musste zweimal nachfragen, als ich das hörte.

Von Suxhuk bis Kifle – Pristinas kulinarische Überraschungen

Wer die Stadtpromenade vom Skanderbeg Square – hier befindet sich auch das Theater – herunterschlendert, sollte dies mit leerem Magen tun. Denn hier finden sich zahlreiche Stände mit albanischen, orientalischen und internationalen Köstlichkeiten. Besonders zwischen April und Oktober ist diese Food-Meile ein echtes kulinarisches Highlight.

Auf dem riesigen Bazar zeigt mir Armend die versteckten Gassen und die Händler, die neben Obst, Gemüse und Textilien auch orientalische Köstlichkeiten, Gewürze und traditionelle Gewänder anbieten. Wer hier etwas kaufen möchte, sollte auf jeden Fall verhandeln oder einen Einheimischen dabeihaben, da Verständigungsprobleme entstehen können.

Wer gerne die traditionelle albanische Küche probieren möchte, sollte in die Restaurants Pishat oder Liburnia gehen. Eine typisch albanische und sehr leckere Vorspeise ist Samun me Suxhuk, eine kräftig gewürzte Rohwurst aus Rind- und Lammfleisch auf Brot. Für das Gericht inklusive zweier Getränke zahlt man hier nicht mehr als 7 Euro.

#NewBornMonument – Pristinas kreatives Denkmal

Am südlichen Ende der Promenade steht man plötzlich vor einem Monument, das man jedes Jahr aufs Neue besuchen möchte, wenn man einmal in Pristina war: Das NewBorn Monument wird von den kreativen Köpfen der Stadt jährlich neu designed und sieht somit immer wieder anders aus – aber immer voller Sinnhaftigkeit und Inspiration!

Wer nicht jedes Jahr Zeit für einen Besuch in Pristina hat, sollte immer mal wieder auf Instagram unter dem Hashtag #NewBornMonument oder der Ortsangabe NewBorn Monument Pristina nachsehen. Letztes Jahr beinhaltete das Monument die Message „No Walls“ und dieses Jahr den zehnjährigen Geburtstag des Landes. Ich bin schon sehr gespannt, wie es nächstes Jahr aussehen wird.

Wer sich ausführlich über den Zerfall Jugoslawiens und die Rolle des Kosovo informieren möchte, für den habe ich hier eine YouTube Playlist, die auch die hochgelobte BBC Reihe „The Death of Yugoslavia“ beinhaltet.

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