Uruguay: Entschleunigen im Land der sanften Reize

Uruguay ist ein Reiseziel ohne Massenpublikum. Ein Underdog, der sich ganz leise verhält und dabei eine ungeheure Ruhe und Zufriedenheit ausstrahlt. In ihrem Reisebericht nimmt Bloggerin Eva euch mit in das südamerikanische Land.

Ethik spielt bei der Wahl des Urlaubsziels für die wenigsten Menschen eine Rolle. Wirklich schade, denn sonst hätte Uruguay als Reiseziel die Nase weit vorne. Die gemeinnützige Organisation Ethical Traveler gibt jährlich eine Top-10-Liste der politisch korrekten Reiseziele heraus, die sich verstärkt um Menschenrechte, Umweltschutz und Sozialwesen bemühen. 2016 hat es Uruguay, wie schon 2015, wieder in diese Liste geschafft.

Eine Destination, die eher kein Massenpublikum anzieht, ein Underdog, eingeklemmt zwischen den zwei schillernden Giganten Brasilien und Argentinien. Wo beide protzen und mit Superlativen um sich werfen, verhält sich Uruguay ganz leise und strahlt eine ungeheure Ruhe und Zufriedenheit aus. Trotzdem hat das zweitkleinste Land Südamerikas in den vergangenen Jahren eine beeindruckende Entwicklung hingelegt und sich zur „Schweiz Südamerikas“ gemausert: ein stetig steigendes Bruttosozialprodukt, hohe Sicherheit, gestiegene Löhne bei gesunkenen Arbeitslosenzahlen und ein starker Fokus auf erneuerbare Energien.

Uruguay, die Biobanane unter den Reisezielen: ethisch korrekt, fair, vielseitig

Des Weiteren lobt man Uruguay für sein hohes ökologisches Engagement. Dazu kommt seit jeher ein hoher Bildungsgrad und eine liberale Einstellung: Uruguay ist das erste Land der Welt, das Cannabis komplett legalisiert hat und 2013 wurde die Ehe zwischen homosexuellen Paaren gesetzlich erlaubt. Uruguay hatte bis letztes Jahr zudem den vielleicht unprätentiösesten und bemerkenswertesten Präsidenten der Neuzeit: „Pepe“ genannt, ein Krawattenverweigerer, Ex-Guerillero, politischer Gefangener, Bauer und VW-Käferfahrer. Über 80 Prozent seines Einkommens gibt er an soziale Einrichtungen und politische Organisationen ab.

Mit dieser Einstellung hat es das Land durchaus weit gebracht. Uruguay ist quasi die Biobanane unter den Reisezielen: ethisch korrekt, fair, vielseitig, exotisch und lecker, aber auch ein bisschen langweilig. Wem macht man heutzutage denn noch mit Bananen den Mund wässrig?

Reisebericht Uruguay: Im Land der Einarmigen entdecke ich die Langsamkeit

Schon wahr, im Vergleich zu seinen Nachbarn hat der kleine Staat, mit 176.000 Quadratkilometern gerade mal halb so groß wie Deutschland, keine herausragenden „Musst Du gesehen haben“-Naturspektakel oder -Attraktionen zu bieten. Wohl deswegen wird das Land gerne links liegen gelassen. Uruguay ist das Land neben dem Weg. Ignoriert vom Nord-Süd-Pilgerzug durch Südamerika. Nur vereinzelt verirren sich Reisende mit einem volleren Zeitkonto ins „Land der Einarmigen“ – so genannt, weil ein Arm der Uruguayer meist durch die obligatorische Thermoskanne unter dem Arm und den Matebecher in der Hand blockiert ist.

Uruguay in Zahlen sagt jedoch nichts über das Land aus. Es ist die Lebensart, der Mut zur Stille, die Duldsamkeit, die Freundlichkeit und die Herzlichkeit der Einwohner, die es ausmacht.

Für mich ist Uruguay vor allem die Entdeckung der Langsamkeit. Unsere Reise war von Beginn an im Entspannungsmodus. Als ob jemand das Grundtempo des Lebens gedrosselt hätte, Richtung Zeitlupe. Keiner läuft, keiner schreit, keiner hetzt. Hier hat die Zeit ihren eigenen Takt. Wo wir Deutschen übereifrig unserem perfekten, wettbewerbsorientierten Weltbild hinterher hecheln, zuckt der Uruguayer nur milde mit den Achseln und schlürft an seinem Mate, denn hier funktioniert alles ohne Hast und Eile.

Reisebericht: Uruguays sanfte Reize

Es heißt, das Land bestehe nur aus den zwei Kernelementen Rind und Wasser. Das ist nicht vollkommen falsch, auf jeden Einwohner kommen immerhin 3 Rinder, aber es hat doch noch viel mehr zu bieten: endlose Weiten und schier unendliche Strände mit besten Surfbedingungen. Menschenleer und kilometerlang schlängelt sich der weiße Sand bis zur brasilianischen Grenze. Manchmal gibt es ein bisschen Nordseeflair dazu, wenn kalte Luft mit Stärke Fünf aus Süden weht. Die salzige, klare Luft bläst die Lungen auf wie Luftballons und der Wind zaust an Haar und Ohren. An der Küste lassen sich Wale und Delfine beobachten, außerdem befindet sich vor Punta del Este die größte Seelöwenkolonie Südamerikas. Uruguay setzt auf Naturliebhaber und Ökotourismus. Man strebt an, verschiedene Naturschutzgebiete weiter auszubauen.

Reisebericht Montevideo – charmante Hauptstadt mit bezaubernder Architektur

Durchaus reizvolle Architektur und Kultur bietet Montevideo, eine charmante Hauptstadt, in der ein Hauch von betulicher Vergangenheit durch die Gassen der Altstadt zieht. Von überall sieht man das Wasser. Mal ist es rechts, mal links, mal geradeaus. Denn die Altstadt liegt da wie eine Halbinsel. Bäume in verwinkelten Straßen spenden Schatten, Plätze mit Cafés und kleinen Flohmärkten laden zum Verweilen ein. Außer, wenn das Kreuzfahrtschiff kommt. Dann ist es kurzzeitig vorbei mit dem Dornröschenschlaf.

Gäbe es einen Preis für die entspannteste Großstadt, Montevideo hätte ein Anrecht auf einen Spitzenplatz. Die Uhren ticken langsam. Niemand stresst sich. Oldtimer tuckern durch die Gassen. Autos halten am Zebrastreifen. Ja, sie halten sogar ohne Zebrastreifen, wenn Fußgänger über die Straße wollen.

Reisebericht Uruguay: Von saftigen Wiesen, Estanzias und Gauchos hoch zu Ross

Auf dem Land dann trifft man sie noch, die echten Männer, die Gauchos. Viele mit Schnauzer, noch mehr mit Mateteekannen und hoch zu Ross. Man galoppiert durch die Prärie oder verweilt mit Stil auf alten Landgütern aus der Kolonialzeit, den sogenannten Estanzias; trinkt Wein, isst Fleisch. Die Liebe des Uruguayers gilt – ich spreche nicht vom Fußball, denn das ist mehr als Liebe – dem Fleisch. Fleisch in allen Variationen, am liebsten vom Grill und vor allem in rauen Mengen. Von glücklichen Rindern, die ihr Leben auf fetten, grünen Wiesen und in salziger Meeresluft verbracht haben.

All das reizt uns. Ein entspanntes Land, das leicht und komfortabel auf eigene Faust mit dem Mietwagen zu bereisen ist. Ein Land, in dem sich das Gefühl von Entschleunigung schon auf der Autobahn, die von Rindern, Fußgängern und Autos gleichermaßen genutzt wird, einstellt. Und der Anblick der vielen schönen Oldtimer, die beschaulich dahin tuckern und das Gefühl einer Zeitreise aufkommen lassen.

Uruguay lockt mit der Möglichkeit, viel in kurzer Zeit sehen zu können, wenig Tourismus, viel Freiheit und Lebensgefühl, ohne um Sicherheit bangen zu müssen. Und mit stets angenehmen Badetemperaturen.

Orte wie Brandmale fürs Gedächtnis: Colonia del Sacramento

Dann sind da noch diese ganz besonderen Orte, weltweit einmalig, unaufgeregt, die sich aber doch tief ins Gedächtnis einbrennen. Colonia del Sacramento heißt der eine, Cabo Polonio der andere.

Man nehme ein paar verwinkelte, steinalte, gepflasterte Straßen, eine fesselnde Schmugglervergangenheit, schmucke Häuschen, herausgeputzte Oldtimer und platziert das Ganze an einem großartigen Ort direkt am Fluss, schräg gegenüber von Buenos Aires und fertig ist einer der Hauptanziehungspunkte des Landes: Colonia del Sacramento. Die ehemals portugiesische Kleinstadt am Río de la Plata ist völlig relaxt. Mit vielen Cafés, Bars, Restaurants und einem Nachtleben, das schon so manchen Besucher länger als geplant im Griff hatte. Uns eingeschlossen.

Reisebericht Cabo Polonio: Hippie-Charme hinter den Wanderdünen Uruguays

Cabo Polonio ist ungefähr genau das Gegenteil. Ein Ort, der zu Nichts außer Müßiggang einlädt. Auf einer Landzunge, scheinbar am Ende der Welt, steht ein pittoresker Leuchtturm. Auf den warmen Felsen davor lümmeln sich träge die Seelöwen. Dahinter liegt weitläufig in die Dünen gekleckert ein Dorf mit Hippie-Charme, in dem es keine Straßen, keine Autos und elektrischen Strom nur aus Sonnenkollektoren gibt. Nirgendwo anders ist der Sternenhimmel so nah wie im stromlosen Cabo Polonio. Und nirgendwo sonst ist es so still wie hier. Kein Fernseher, der nervt. Kein Radio, das uns voll dröhnt. Irgendwann ist selbst der Akku meines Smartphones leer. Statt ständig auf mein Handy zu gucken, schweift mein Blick nun zwischen Wasser und Sand.

Riesige Wanderdünen trennen Cabo Polonio, das nur zu Fuß, auf dem Pferderücken oder per Truck erreichbar ist vom Rest der Welt. Ein Natur-Highlight allererster Sahne, ein Fata-Morgana-Land. Und im Winter kommt Besuch von Walen.

Reisebericht Uruguay: bunte Fahnen und das leuchtende Meer

Auf den Hütten und Baracken wehen bunte Fahnen, hier und da ein Peace-Zeichen, ein Marihuana-Blatt oder selbiger Duft, der uns in die Nase steigt. Nachts, wenn nur noch Kerzen in den Fenstern flackern, beginnt manchmal das Meer zu leuchten. Fluoreszierende Mikroorganismen, die in der Finsternis ihre aktive Phase haben, sorgen für diese Lightshow.

Cabo Polonio ist mit Fug und Recht ein Naturschutzgebiet. Man kann nicht ohne Weiteres mit dem Auto dorthin fahren. Nur zugelassene, offene Gelände-Trucks bringen Besucher in den Ort. Die Fahrt durch die Dünen ins Dorf hat durchaus Abenteuercharakter. Die Neuankömmlinge werden freudig mit Salut und Beifall von den Balkonen der wildromantischen, zusammengeschusterten Hostels begrüßt. Viel zu tun gibt es schließlich nicht. Schauen, Chillen und Staunen.

Reisebericht Uruguay: der Freiheit ganz nah

Dort, mit Sonnenstrahlen im Nacken, Wind im Haar, Salz auf der Haut, ohne Straßen, ohne Autos, ohne Strom, und ohne Entscheidungen fällen zu müssen, fühlt man sich der Freiheit ganz nah. Das Handy ist aus, der Laptop tot, aber die eigenen Akkus laden kräftig auf.

Alles gut und schön, und Du denkst wieder an den Vergleich mit den Biobananen – ist Uruguay vielleicht zu teuer und zu langweilig? Dann lass Dir gesagt sein: (Lebens-) Qualität hatte schon immer ihren Preis und Du wirst überrascht sein, was man aus Bananen noch so alles zaubern kann.

6 Kommentare

  1. Liebe Eva,
    das klingt fantastisch! Vielen Dank für deinen so gut recherchierten Beitrag. Wir haben das Glück auf unserer Südamerika Reise auch nach Uruguay zu kommen. Unser Bus wird von Montevideo zurück verschifft. Besonders gefällt mir die Gelassenheit und das scheinbar langsamere Leben dort. Wir hier in Bern sind ja auch bekannt als die laaangsamsten der Schweizer 😉 Das könnte doch ganz gut passen…
    Liebe Grüsse
    Tina

  2. Liebe Tina, wer sich auf Gemächlichkeit einlassen kann und nicht nur auf der Suche nach „schneller, höher, weiter“ ist, dem könnte Uruguay gut gefallen. Selbst im Hafen geht es geruhsamer zu als andernortes. Ihr tut gut damit, von Montevideo zu verschiffen. Schöne Reise!

  3. Danke für den schönen Einblick in dieses vergleichsweise wenig bereiste Land. Sollte ich es in den nächsten Jahren einmal nach Südamerika schaffen, steht Urugay fix auf meinem Plan. Bei der ITB Berlin 2015 habe ich übrigens den Tourismusminister des Landes getroffen – ein sehr sympathischer Kerl. Liebe Grüße, Maria

  4. Gerne, es freut mich wenn ich begeistern konnte. Wahrscheinlich haben wir uns knapp verpasst. Ich habe dem Herren auf der ITB auch kurz die Hand geschüttelt 😉

  5. Hallo! Ich lerne Deutsch seit etwa sechs Monate. Ich reise gerne, also hatte ich heute eine gute Idee, warum nicht deutscher Reiseblogs suchen (Zeitungen finde ich langweilig! ;)). So habe ich hier geendet. Ich bin aus Uruguay, und ich wohne hier. Ich freue mich, dass du dich in meinem Land genoßen hast. Mir gefiel deinem Artikel (was ich verstehen könnte :)). Also, ich möchte dir danken. Ich werde dein Blog wieder besuchen. Damit kann ich Deutsch lernen, während ich etwas interessantes lese.

    PS: Google Übersetzer half mir in einigen Teilen dieses Kommentars. Alle Fehler sind Googles, die richtigen Dinge gehören mir! 😉

    LG,

    Federico

    • Redaktionsteam

      Lieber Federico,

      vielen Dank für Deinen netten Kommentar. Es ist schön zu hören, dass Dir unser Beitrag über Dein Heimatland Uruguay gefällt. Wir wünschen Dir weiterhin viel Spaß und Erfolg beim Deutsch lernen und freuen uns, wenn Dir unser Reiseblog dabei behilflich ist. Viele Grüße, Dein Blog-Team

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