Borneo entdecken: Von Menschen und Affen

Wer „Indonesien“ hört, denkt vielleicht an Bali, die weißen Sandstrände der Gilis, Schattenspiele auf Java oder den Sonnenaufgang über dem Mount Bromo. Doch abseits der Touristenpfade gibt es in diesem wunderbaren Land mit seinen geschätzten 18.000 Inseln noch viel mehr zu entdecken – zum Beispiel auf Borneo. Bernhard Dietz, Redakteur bei der Kommunikationsagentur trurnit und bekennender Asien-Fan hat auf Reisen die Kultur & Gesellschaft Vietnams und Indonesiens intensiv erkundet und nimmt euch mit auf seine Reise nach Borneo.

Die Republik Indonesien teilt sich die größte Insel Asiens mit Malaysia und dem Sultanat Brunei, die zusammen etwa ein Viertel der Fläche beanspruchen. Der Rest gehört unter dem Namen Kalimantan zum indonesischen Staatsgebiet. Und hier könnt Ihr ein ganz anderes Indonesien fernab der Klischees erleben und in die reiche Kultur des Landes eintauchen.

Zentralkalimantan: Vom Tourismus unberührt

Kaum auf dem Flughafen von Palangka Raya, der Provinzhauptstadt Zentralkalimantans gelandet, spüre ich: Hier betritt man eine Welt, die noch nicht an den Gesetzmäßigkeiten des Massentourismus ausgerichtet ist. Keine Shuttlebusse warten auf dem Flugfeld und in der Ankunftshalle braucht es keine elektronischen Anzeigetafeln, an welchem Fließband man sein Gepäck in Empfang nimmt – es gibt nur eines.

Dieses läuft nicht im Kreis, sondern endet nach wenigen Metern, wo alle Gepäckstücke, die nicht vom Band gezogen wurden, wie reife Früchte auf den Boden fallen. Ich stürze mich ins Getümmel – und siehe da: Ein freundlicher Indonesier schiebt mir lächelnd meinen Rucksack rüber. Nicht schwer zu raten, wem der gehört; ich war der einzige Westler im Flieger.

Wohnen wie im Garten Eden – Bukit Raya

Für Unterkunft ist bereits gesorgt – an einem Ort, der Komfort mit dem Charme des naturverbundenen Lebens vereint: das Bukit Raya Guesthouse. Hier haben Beatrice und Thomas Brönnimann, die seit 18 Jahren in Palangka leben, eine Oase der Ruhe und Gemütlichkeit geschaffen. Alles ist grün, sämtliche Gebäude und Anlagen wurden von dem gelernten Zimmermann Thomas in Eigenregie aus Bambus und einheimischen Hölzern gebaut.

Es gibt einen Schildkrötentümpel, schattige Sitzecken, eine Liegeschaukel – und ein Naturpool lädt ein, sich in Gesellschaft der Koi-Fische abzukühlen. Neueste Errungenschaft der Brönnimanns: das in mühevoller Arbeit errichtete Baumhaus, das als „Villa“  zwei Gästen in einem voll ausgestatteten Raum unter den Baumwipfeln Unterkunft bietet. Mehr Entspannung geht nicht!

Begräbnisriten der einheimischen Dayak

Doch entspannen kann man sich auch andernorts – mir geht es darum, Neues zu entdecken. Zum Beispiel die Grabstätten des Volksstammes der Dayak, die seit jeher die Insel bewohnen und zu den austronesischen Völkern zählen. Ich treffe mich dazu mit Fiona, die aus Deutschland kommt und in Palangka in einem Entwicklungshilfeprojekt tätig ist.

Die Dayak glauben, erklärt sie, dass die Toten als Geister in einer „Zwischenwelt“ leben und die Lebenden besuchen können. Erst nach einer Zeremonie, der Tiwah, fährt die Seele ins Paradies auf und vereint sich mit den Seelen der Vorfahren. Diese Tiwah findet aufgrund der Kosten oft erst viele Jahre nach dem Tod statt. Wenn es soweit ist, öffnen die Dayak das Grab des Verstorbenen. Die Überreste – oftmals nur noch Zähne und Knochen – werden geweiht, gründlich gesäubert und mit allen Beigaben in eine oberirdische Grabstätte, ein kleines Holzhaus auf Stelzen umgebettet.

Tagelang tanzen die Dayak zu traditioneller Musik, Gesängen und Gebeten. Den Abschluss des Rituals bildet ein großes Fest, zu dem die Bewohner der Nachbardörfer eingeladen sind. Es werden Hühner, Schweine und Kühe geopfert, bei Wohlhabenden die teuren Wasserbüffel, und ja: Auch der Alkohol, in Form des indonesischen Reisschnapses Arrak, der hier Baram heißt, fließt in ordentlichen Mengen. Mit feierlichem Geschrei werden die Seelen in den Himmel gesandt, danach sind die Seelen der Toten erlöst.

Für Reisende ergibt sich künftig leichter die Chance, eine solche Tiwah mitzuerleben: Ab Herbst 2018 findet in Palangka Raya einmal jährlich eine öffentliche Tiwah für die ärmeren Bevölkerungsschichten statt. Und diese taugt auch als pittoreskes Spektakel für die Augen der auswärtigen Besucher.

Essen wie ein Dayak

Nachmittags besuche ich das Balanga Museum, das einer Renovierung bedarf, aber für Interessierte an der Dayak-Kultur ein „Muss“ ist. Es bietet vielfältige Informationen zu den Traditionen dieses Volkes: Aufnahmen von Tiwahs, traditionelle Kleidung und Alltagskultur wie Essensbräuche. Spätestens jetzt merke ich: Kultur macht hungrig.

Ich folge einer Empfehlung meiner Gastgeber und begebe mich zum Abendessen ins Tjilik Riwut Resto. Das Restaurant ist der Küche der Dayak verpflichtet: Neben den exotischen und wohlschmeckenden Gemüsesorten Borneos, wie das gekringelte Bajei oder Rattan, gibt es den traditionellen Baram-Schnaps und Rendang, eines meiner Lieblingsgerichte: Geschnetzeltes vom Rind, das lange in Kokosmilch gekocht wurde.

Und noch ein Tipp für Fischliebhaber: Ihr kommt in Palangka auf jeden Fall im „Kampung Lauk“, einem Fischrestaurant direkt am Fluss Kahayan, auf eure Kosten. Dort habe ich ein halbes Dutzend einheimischer Fische wie Patin, Nila, und Lele probiert – einer so lecker wie der andere! Mein Favorit: Baung, eine Art Wels.

Blickkontakt zu Orang-Utans in freier Wildbahn

Am nächsten Tag erlebe ich das Highlight der Reise: Eine Flussfahrt entlang der Pulau Kaja – einer Insel, auf der die Borneo Orangutans Survival Foundation (BOS) ein Rehabilitationszentrum für diese Spezies unterhält. Waren Orang-Utans früher über weite Teile Südostasiens verbreitet, leben sie heute nur noch auf Sumatra und Borneo. Auch hier gehören sie längst zu den bedrohten Arten.

Da sich auf der Insel die „erste Klasse“ des Auswilderungsprogramms befindet, in der sich die Primaten an die Eigenversorgung mit Nahrung gewöhnen, kann ich sie während der Fütterungszeit vom Boot aus hervorragend betrachten. Die Tour ist ein preiswertes Vergnügen: Der Führer mit Boot kostet für mehrere Stunden 15 Euro; Unterkünfte können geeignete Führer vermitteln. Die BOS selbst freut sich über eine Spende, erhebt aber keine Gebühren oder Eintrittspreise.

„We love Orangutans“: Film über eine Aufzuchtstation

„1 Million Trees“ – Ökotourismus als Chance

Dem Erhalt des Lebensraums der Orang-Utans dient auch das Projekt, in dem Fiona arbeitet, die mich am letzten Tag begleitet. Die in Stuttgart ansässige, gemeinnützige Fairventures Worldwide (FVW) gGmbH betreibt ein Programm unter dem Titel „1 Million Trees“. Fiona erklärt mir, worum es geht: Die einheimischen Kleinbauern erhalten über nachhaltige Bewirtschaftung ihrer Anbauflächen und Ökotourismus eine wichtige Einkommensquelle.

Dies wirkt der Zerstörung des Urwalds durch illegale Holzgewinnung, Bergbau oder den Verkauf an die Palmölindustrie entgegen – und sichert den Orang-Utans ihre Rückzugsgebiete. Auswärtigen Besuchern bietet FVW eine Tour ins Projektgebiet an. Dort könnt Ihr Farmer bei ihrer Arbeit begleiten und selbst mit anpacken beim Bäume pflanzen.

Orang-Utans sind uns übrigens viel näher, als viele wissen: Wie die Erbgutanalyse einer internationalen Forschergemeinschaft gezeigt hat, ist die DNA des Orang-Utan zu 97 Prozent identisch mit der des Menschen! Ich hoffe, dass auch künftige Generationen diese faszinierenden Wesen auf Borneo beim Fressen beobachten dürfen und nehme mir beim Abschied von dieser außergewöhnlichen Insel fest vor, in einigen Jahren mit meinen Enkeln wiederzukommen.

Allgemeine Reisetipps zu Borneo

  • Reisen vor Ort: Mietwagen (Achtung: Linksverkehr!), Grab Car (Prinzip wie bei Uber; App nötig) oder auf dem Wasserweg mit den zahlreich angebotenen Klotoks (kleine motorisierte Boote).
  • Sprache: Lokale Guides sprechen etwas Englisch. Ein kleiner Sprachführer kann hilfreich sein, da die Aussprache des Indonesischen recht einfach ist.
  • Kleidung: Für Besuche der Nationalparks und der Dschungelgebiete am besten helle, leichte, lange Bekleidung wegen schwülwarmem Klima und Mücken. Auch festes Schuhwerk sollte man dabei haben.
  • Essen und Trinken: Viel trinken wegen des für Europäer gewöhnungsbedürftigen Klimas. Empfindliche Mägen aufgepasst: In Zentralkalimantan gibt es fast ausschließlich einheimisches Essen.
  • Beste Reisezeit: Juni bis September

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