Apulien: Slow Travelling in Italiens bezauberndem Süden

Es gibt Orte, in die ich verliebt bin, bevor ich dort jemals gewesen war. So geht es mir mit manchen Destinationen, und Apulien, die Region am Stiefelabsatz Italiens, war sehr lange eine davon. Genauer gesagt die Halbinsel Gargano, die als Sporn des Stiefels bezeichnet wird und mit weißen Kalksteinfelsen, himmlischen Ausblicken und wunderschön versteckten Meeresgrotten lockt.

Zugegeben: Wenn das Navi ausfällt und man alleine im Auto sitzt, kann man zu Beginn des Urlaubs schon ins Schwitzen geraten. Die Fahrweise der Italiener tut ihr Übriges dazu. Doch alles hat glücklicherweise ein Ende und so auch diese erste Strecke, die mich von Bari nach Vieste führte. Ich kam in der Dunkelheit auf der Halbinsel an. Als ich die Serpentinen entlangfuhr, funkelte das Meer im Abendlicht von Vieste, meinem ersten Stopp, rechts von mir.

Traumhaftes Vieste: Mit dem Boot zu den Meeresgrotten

Am nächsten Tag und nach einem typisch süßen Frühstück – Cappuccino und Schokocroissant zum Niederknien – schlenderte ich am Hafen entlang. Ich wollte unbedingt eine Bootstour buchen, denn schon vor meiner Ankunft hatte ich gelesen: „Den Gargano hat man nur wirklich gesehen, wenn man ihn vom Meer aus gesehen hat.“ Und nach einer dreistündigen Fahrt kann ich sagen: Oh ja, das stimmt. Aber von vorne!

Ein zu empfehlender Anbieter für eine Bootsfahrt ist Desirèe Motobarca, hier gibt es vormittags und nachmittags eine Tour. Ich stieg am Nachmittag mit rund vierzig anderen Touristen auf das Motorboot und fuhr an der Küste entlang Richtung Süden.

Vorbei an Vieste, das vom Wasser aus noch spektakulärer aussieht als vom Land, und seinem bekannten Monolith, dem Pizzomunno, der direkt am Strand steht, ging es zu den schönsten Meeresgrotten Apuliens. Manche von ihnen waren so schmal, dass ich sie nur vom Boot aus betrachten konnte, mit dem türkisblauen Wasser, das hineinschwappte und den majestätischen Felsen darüber. Doch in andere schipperten wir gekonnt durch den Eingang, es wurde geklatscht, sich umgeschaut, geknipst und auch ein bisschen was gelernt. Zum Beispiel, welcher Tatsache die Grotta dei pomodori, die „Tomatengrotte“, ihren Namen verdankt: Weil in dieser Grotte kleine, rote Nacktschnecken leben, interessanterweise nur da, und diese tatsächlich aussehen wie Cocktailtomaten.

Nach knapp drei Stunden war die Bootstour inklusive eines kurzen Badespaßes zu Ende. Es blieb dieses selige Gefühl, das einen nur durchtränkt, wenn man den ganzen Tag am Meer verbracht hat, sich einen leichten Sonnenbrand geholt und den Kopf hat durchpusten lassen.

Wissenswertes zur Tour: Sie kostet 15 Euro pro Person, Italienischkenntnisse sind von Vorteil. Die Reservierung erfolgt ganz unkompliziert vor Ort, ein paar Stunden vor der Tour oder einen Tag vorher. Vom Ticketverkäufer bis zum Skipper spricht niemand Englisch. Wer also nicht nur die Grotten bestaunen, sondern auch etwas verstehen möchte, sollte ein paar Worte Italienisch können oder vorab eine Übersetzungs-App für die wichtigsten Schlagworte herunterladen.

Die Altstadt von Vieste – verwinkelte Gassen und einheimische Köstlichkeiten

Sich in die Kleinstadt Vieste, deren Altstadt sich schwindelerregend nah an den Klippen der Felsspitze San Francesco erstreckt, zu verlieben, geht verdammt schnell. Kleine, verwinkelte Gassen, Nonnas sitzen vor den Türen, in denen weiße Vorhänge wehen. Frisch gewaschene Wäsche flattert auf jedem noch so kleinen Balkon im Wind, das Salz des Meeres liegt in der Luft und über alledem liegt ein frischer Knoblauchgeruch, der aus den Küchen duftet.

Meine kulinarische Empfehlung: Orecchiette, die kleinen Muschelnudeln, die übersetzt „Öhrchen“ heißen und auch genauso aussehen. Es gibt sie auch in der Vollkornvariante und vor allem in Apulien werden sie entweder als Souvenir verkauft oder am Abend aufgetischt – mit Sahne- oder Weißweinsoßen, mit Garnelen oder mit anderen Meeresfrüchten oder in einer vegetarischen Variante, mit frischem Gemüse vom Markt.

Tipp: Der Markt am Rande der Altstadt, wo sich jeder Olivenliebhaber durch die leckersten probieren kann oder Gewürzmischungen, kolorierte Pasta, Käse und viele einheimische Leckereien bekommt.

Slow Travelling – von Vieste die Küste entlang nach Alberobello

Bei strahlendem Sonnenschein brach ich in Vieste auf und fuhr zum ersten Mal die Serpentinen bei Tageslicht entlang. Auch wenn die Strecke viel Aufmerksamkeit erfordert, lässt es sich gut und einfach an den vielen Ausbuchtungen herausfahren und die schönen Ausblicke genießen. Ich habe es mir gegönnt, eine Stunde länger für die Strecke zu brauchen, als meine Offlinekarte angegeben hatte. Weil die Meeresoberfläche aquamarin glitzerte, die Trabuccos – das sind ehemalige Fischergalgen, die früher zum Fischen genutzt wurden und heute nur noch selten bis gar nicht mehr laufen – gut von oben zu sehen waren und weil Slow Travelling sowieso das Beste ist.

Tipp: Wer Zeit mitbringt, fährt zwischen Vieste und Manfredonia rechts ab zum Monte Sant’ Angelo, wo der Legende nach Erzengel Michael im Jahr 492 den Hirten erschienen ist. In der Kleinstadt ist unter anderem eine Grottenkirche zu bestaunen, die zum UNESCO Welterbe gehört und dem Erzengel geweiht ist. Wer all seine Sünden vergeben lassen möchte, ist hier laut der Inschrift über der Tür an der richtigen Stelle.

Alberobello, das zuckersüße Hütchen-Städtchen mit den Trulli

Nach gut drei Stunden war ich in Alberobello angekommen und hatte von da an leider zwei Tage Pech mit dem Wetter. Regen war aufgezogen, die Temperaturen gefallen und die Touristen liefen mit Jacken und Schirmen durch die Straßen. Nichtsdestotrotz war Alberobello beeindruckend. Warum? Die Geschichte erklärt es:

Die Kleinstadt ist durch ihre Kegelbauten, die sogenannten Trulli, bekannt. Vorbild für diese ungewöhnliche Bauweise waren vor langer Zeit die Hirtenhütten, die in dieser Gegend häufig vorkamen. Das Besondere an den Kegelbauten ist, dass sie ohne Mörtel gebaut sind und die Kegeldächer, die aussehen wie Hütchen, aus Kalkstein bestehen. Schön ist außerdem, dass sie überall in der Gegend zu sehen sind. Das heißt allen, denen Alberobello zu überlaufen und touristisch ist, kann ich raten, einfach über das sowieso schöne Land zu fahren, beispielsweise von Alberobello nach Locorotondo, Noci oder Ostuni, an einem Agritourismo zu halten und etwas Regionales zu essen und dabei die für die Gegend charakteristischen Trulli zu besichtigen.

Wissenswertes: Die Trulli kamen vermehrt rund um Alberobello auf, weil es im 17. Jahrhundert ziemlich teuer wurde, neue Ortschaften zu gründen. Die Erlaubnis dazu kostete Geld. Also wurden die Einwohner dazu angehalten, bei dieser alten Bauweise zu bleiben, da sie sowohl schnell aufzubauen als auch genauso schnell wieder abzubauen war. Für den Fall, dass die Geldeintreiber auftauchten, konnten vor allem die Dächer sehr schnell abgenommen werden. Diese Italiener!

Der zweite Teil ihres Roadtrips durch Apulien führt Anika von Ostuni über Polignano a mare zurück nach Bari, die Hauptstadt Apuliens.

Mehr zu Anikas Reise findest Du auch auf ihrem Blog Ani denkt.

Wer sich musikalisch auf einen Roadtrip durch Italien mitnehmen lassen will, dem sei zudem die Playlist von Anika empfohlen.


Diese Reise wurde ermöglicht mit freundlicher Unterstützung von Transavia.

3 Kommentare

  1. Michele Ferrandino

    Hallo Julia, habe dein Reisebericht über “ meine Heimatstadt “ gelesen, war sehr interessant….ich komme aus dem Gargano. Viel Spaß noch.

    Michele

    • Lieber Michele,

      vielen Dank für deine Nachricht. Es freut uns, dass dir Julias Bericht so gut gefallen hat.

      Liebe Grüße, dein Blog-Team

  2. Liebe Anika, eine kleine Ergänzung zu Alberobello: Warum Gian Girolamo die Bauern anwies, die Rundhäuser in Alberobello nach dem Vorbild ehemaliger Viehschuppen in Trockenbauweise zu errichten, ist bis heute rätselhaft. Eine Erklärung lautet, dass er nicht im Besitz der königlichen Erlaubnis gewesen sei, einen neuen Ort zu errichten. Die Trulli hätte man im Falle einer Inspektion in einer Nacht abreißen und in der nächsten wieder aufbauen können. Mir persönlich und einigen Apuliern, mit denen ich gesprochen habe, erscheint das allerdings unwahrscheinlich, denn so schnell auf- und abzubauen sind die Trulli nun auch wieder nicht. Eine andere Erklärung lautet, der Adelige hätte für eine gemauerte Siedlung Steuern an den König von Neapel zahlen müssen.
    Ich liebe die Kultur und Geschichte Apuliens und habe eine Weile in der Nähe von Alberobello in der ökologischen Landwirtschaft gearbeitet. Diese und andere Geschichten über Apulien auf meinem Blog: https://www.dasmeerundapulien.com/
    Ganz liebe Grüße, Alexandra

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