Teheran: Von Dunstglocken und Traumpalästen

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Anflug auf den Imam-Khomeini-Flughafen in Teheran, 18:35 Uhr. Wie ein kleiner Junge presse ich meine Nase an das kalte Flugzeugfenster. Vor meinen Augen entfaltet sich eine schier endlose Stadt, die sich anmutig an das schneebehangene Elburs-Gebirge bettet. Als sei dies nicht schon überwältigend genug, wird die ganze Szenerie in ein rötlich schimmerndes Abendlicht getaucht. Salaam Iran!

Teheran – ein Moloch im Smog

Dass Teheran auch ganz anders kann, merke ich beim ersten spontanen Spaziergang am nächsten Morgen. Die iranische Hauptstadt ist ein Paradebeispiel eines Großstadtmolochs und versinkt im Smog. Rund um den Imam Khomeini Platz reihen sich endlose Staulawinen aus uralten Autos aneinander, allesamt so luftverpestend, dass jeder deutsche TÜV-Mitarbeiter wohl sofort in Ohnmacht fallen würde. Tatsächlich steht Teheran in Sachen Smog der chinesischen Hauptstadt Peking in nichts nach. Nur die Berichterstattung darüber ist in Europa vergleichsweise gering. Wer interessiert sich schon für den Iran?

Teheran – ein Paradies der Düfte

Meine Neugierde allerdings treibt mich immer weiter die Boulevards entlang, vorbei am Park-e Schahr, einer der grünen Lungen der Stadt und hinein in die kleinen Gassen. Ehe ich mich versehe, stehe ich an einem der Haupttore des Großen Basars. Und dieser hat seinen Namen redlich verdient, denn er ist der weltweit größte seiner Art. Das merke ich auch am eigenen Leib. Kaum fünf Minuten im Markt, habe ich mich schon im heillosen Durcheinander des zehn Kilometer langen Labyrinths verloren. Ich passiere wohlduftende Gemüse- und Gewürzläden und Teppichverkäufer locken mich mit einem Çay in ihren Laden, nachdem ich mit dem Saftverkäufer minutenlang angeregt über die tiefere Bedeutung von Granatäpfeln philosophiert habe. Im Großen Basar lässt sich wundervoll die Zeit vergessen, auch scheint sie hier schon vor vielen Jahren stehengeblieben zu sein.

Wieder am Tageslicht und in der Hitze Teherans, stoße ich nur ein paar Straßen weiter auf das nächste Highlight der Stadt: den Golestan-Palast. Schon von außen beeindruckt der „Palast der Blumen“ genannte einstige Regierungspalast der Kadscharen durch knallbunte Fliesenarbeiten an den Wänden – eine schöner als die andere.

Das Meisterwerk der Qajar Ära ist seit Sommer 2013 als UNESCO-Weltkulturerbe gelistet und umfasst mehrere Bauwerke rund um einen sorgfältig gepflegten Garten mit weitläufigen Grünanlagen und pompösen Springbrunnen. Der Prunk im Inneren jedoch toppt alles. Dort stoße ich auf riesige Zimmer mit prachtvollen Gemälden und detailreichen Spiegelmosaiken an der Wand und Stuck an der Decke. Massive Holztische stehen neben riesigen Marmor-Skulpturen – Gold und Glitzer überall.

Völlig erschlagen vom Prunk der vergangenen Jahrhunderte begebe ich mich wieder ins Gewusel, diesmal aber unter die Erde, nämlich in die Teheraner Metro. Hier herrscht wie in allen öffentlichen Verkehrsmitteln strikte Geschlechtertrennung. Ein gelbes Schild mit der Aufschrift „Women Only“ kennzeichnet ausgeschriebene Waggons – ein Hinweis, der tatsächlich nur an Männer gerichtet ist. Denn anders als im oberirdischen Nahverkehr, wo Geschlechter ohne Ausnahmen voneinander getrennt werden, haben Frauen in der U-Bahn freie Platzwahl.

An der Haltstelle Sa’adi steige ich aus. Zurück an der Erdoberfläche führt mein Weg zur nahegelegenen Zentralbank des Irans, nicht etwa, um in Persische Wertpapiere anzulegen, sondern um das dort ansässige Nationale Juwelenmuseum zu besuchen. Wie sich herausstellt, sind die Sicherheitsvorkehrungen am Eingang extrem hoch. Ich werde durchleuchtet und abgetastet. Rucksäcke und Kameras sind nicht erlaubt. Wieso das so ist, wird mir schon beim ersten Anblick der Ausstellung klar. So viel Gold, Diamanten und Juwelen habe ich noch nie auf einem Haufen gesehen. Alles funkelt und glitzert. Absolutes Highlight der Ausstellung ist die Pahlavi-Krone mit 3.380 Diamanten von insgesamt 1.144 Karat. Wäre Dagobert Duck ein Perser, das Juwelenmuseum wäre mit Sicherheit sein Spielzimmer.

Wieder am Tageslicht, schwinge ich mich in ein Taxi und verliere mich schon kurz nach dem Einstieg in Gedanken darüber, wie das Leben im alten Persien wohl gewesen sein muss. Die Herrscher haben sich auf jeden Fall nicht lumpen lassen, denke ich mir noch, als ein lautes Hupen meine Gedanken zerreißt. Beinahe ist uns ein schwarzer Peugeot, wohl gut 35 Jahre alt, in die Seitentür gerauscht. Mein Fahrer Arash konnte gerade noch so bremsen. Und nun? Anstatt die Situation zu klären, schreien sich beide Beteiligten rund zehn Sekunden lang mitten auf der Kreuzung an. Dann steigen sie wieder in ihre Wagen und fahren weiter, als sei nichts gewesen. Während meine Augen wohl noch vor Adrenalin überquellen, dreht sich der Taxifahrer lachend zu mir um: „Welcome to Iran,“ sprudelt es aus seinem breiten Mund heraus.

Teheran – eine Stadt am Gebirge

Zu meinem Glück führt uns der nun eingeschlagene Weg etwas aus der Stadt heraus und hinauf auf den Totschāl, so etwas wie der Hausberg Teherans. Wie eine Wand erhebt sich das 3964 m hohe Ungetüm hinter der Stadt und bildet dabei den Übergang zum Elburs-Gebirge, wo man im Winter, so erfahre ich von Arash, auch prima Skifahren kann. Bald werden aus vierspurigen Straßen serpentinenartige Wege. Die Luft wird dünner und doch glaube ich, fast durch das aufgekurbelte Autofenster Sauerstoff riechen zu können. Na, das wäre ja was.

Oben angekommen, verschlägt es mir vollkommen die Sprache. Mir offenbart sich ein atemberaubender Anblick auf Irans Hauptstadt. Mittlerweile hat sich die Nacht wie ein blau-schimmernder Teppich über die Szenerie gelegt. Während der Horizont noch sachte in orange-roten Farben wabert, beginnt die Stadt allmählich zu glühen. Wie flüssige Lava bewegen sich die erleuchteten Automassen durch die Boulevards und Straßen, füllen sie aus bis den letzten Winkel. Ich setze mich auf eine Mauer, schaue in mich gekehrt hinunter auf das bunte Treiben und lausche dem sachten Rauschen der Metropole. Zum ersten Mal seit der Landung am Vorabend kann ich spüren, wie sich mein Puls senkt und sich die ersten Eindrücke unsortiert in mein Gedächtnis brennen. Der königliche Blick hinunter auf die Stadt fühlt sich erstaunlich gut an. Frische Luft füllt meine Lunge. Endlich komme ich mal zur Ruhe. Und doch spüre ich, wie ich so da sitze, noch etwas anderes: den unbändigen Drang, mich sofort wieder mitten hinein zu stürzen ins wilde Treiben Teherans.

5 Kommentare

  1. Ein schön geschriebener Bericht, sehr treffend, auch was das Abenteuer des Taxi-Fahrens angeht. Da kann man schon mal kleine Wunder erleben, also wenn der Taxifahrer gerade eine Mail auf seinem Smartphone liest und dennoch gekonnt einem plötzlich von rechts anpreschenden Wagen ausweicht. Und abends zeigt Teheran einen Lichterschmaus ohnegleichen, dann über die Basare zu gehen, ist schon beeindruckend (sehr empfehlenswert: der Tajrish-Basar in Nord-Teheran, der im Dunklen leuchtet, als wäre er der Geburtstagkuchen Teherans). Was man bei einer Reise in den Iran aber stets beachten muss, sind neben den üblichen Besonderheiten auch die religiösen Feiertage, an denen Geschäfte und Basare geschlossen sein können, und wo man sich in der Öffentlichkeit besonders zurückhält. Während der Fastenzeit sollte man z.B. nicht in der Öffentlichkeit essen oder trinken, während religiöser Trauertage sollte man keine bunte Kleidung tragen usw.. Die Bevölkerung hat allerdings Touristen gegenüber zumeist Verständnis und ist im Übrigen sehr offen, jedenfalls in Teheran.

  2. Schöne Geschichte! War dort 1976 und möchte gerne noch mal hin. Hat mich sehr inspiriert das bald zu machen!

  3. Clemens Sehi | Anekdotique.com

    Da geb ich dir vollkommen Recht Ralf. Die Perser sind ein sehr offenes und sehr freundliches Volk. Danke auch für den Tipp mit dem Basar in Nord-Teheran. Den Geburtstagskuchen werde ich nächstes Mal ausprobieren!

  4. Clemens Sehi | Anekdotique.com

    Wow, 1976? Da war ich noch nicht mal geboren, geschweige denn im Iran… Freut mich, dass dir die Geschichte gefällt.

  5. Pingback: Mit der Eisenbahn auf Rundreise durch den Iran - Travellers Insight

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