48 Stunden in Lissabon: Über sieben Hügel musst Du gehn

Einen Plan für meine Städtereise nach Lissabon habe ich nicht. Keine Liste, welche Sehenswürdigkeiten und Highlights ich unbedingt abhaken muss. Eine leichte Unruhe steigt hoch, als ich auf den Flug nach Lissabon warte. Nicht, dass ich etwas versäume, das ich partout gesehen haben sollte in den zwei Tagen, die ich in Lissabon habe. Als ich am nächsten Morgen das zentral an der Avenida de Liberdade gelegene BessaHotel Liberdade verlasse, stelle ich zum Glück schnell fest: Einfach loslaufen und mich treiben lassen vom Rhythmus der Stadt ist der beste Plan, um Lissabon auch während eines kurzen Trips kennenzulernen.

Lissabon, das ist die Stadt auf den sieben Hügeln, so wie Rom. Doch im Vergleich zur quirligen, italienischen Schwester ist der Rhythmus der portugiesischen Hauptstadt gemächlicher. Zumindest, wenn man tagsüber durch die ruhigen Straßen und Gassen des alten Lissabons spaziert. An die Hügel der Stadt schmiegen sie sich, die Altstadtviertel Graça, Mouraria, Alfama und Bairro Alto mit ihren zahlreichen Aussichtspunkten, den Miradouros.

Städtereise Lissabon: Streetart in der Galeria de Arte Urbana

Bergauf, bergab – Lissabon scheint nur diese beiden Wegrichtungen zu kennen. Wem das Erklimmen der Hügel zu Fuß zu mühsam ist, steigt in eine Eléctrico. Das sind die alten, elektrisch betriebenen Straßenbahnen. Oder in eine Standseilbahn, Elevador. Es wäre noch genügend Platz in dem knallgelben Waggon der Elevador da Glória unweit des Praça de Restauradores. Doch ich entscheide mich für die Treppen.

Ich bin fast genauso schnell wie das Bähnchen, das den steilen Hügel im Schneckentempo hinauf rumpelt, rasselt und schnauft. Der Vorteil meines Fußmarschs: Ich kann nicht nur die mit Mosaikfliesen verzierten Häuser bewundern, sondern mir auch in Ruhe die Graffiti der Galeria de Arte Urbana anschauen. Die Straße Calçada da Glória ist einer der vielen Orte in Lissabon, an denen sich Streetart-Künstler legal austoben dürfen.

Neben der Bergstation finde ich einen Platz, von dem man sich gar nicht mehr fortbewegen möchte: den Miradouro São Pedro de Alcântara. Eine sanfte Brise, kreischende Möwen, Liegestühle – fast könnte man sich am Strand wähnen. Wäre da nicht das Läuten der Kirchenglocken aus dem Kloster São Pedro de Alcântara und der Blick auf das Häusermeer und den Burgberg mit dem Castelo de São Jorge. Ich nehme mir vor, am Abend wiederzukommen, um an dem schmucken Kiosk bei einem Sparkling Martini den Sonnenuntergang zu genießen. Miradouro heißt übersetzt nicht umsonst „Gold anschauen“.

Lissabons Trendviertel mit altem Charme: Príncipe Real und Bairro Alto

Ich schlendere weiter die Rua Dom Pedro V hinauf. Vorbei an der Lost In Esplanada Bar, an Boutiquen mit ausgefallen Klamotten, die jedoch allesamt noch geschlossen sind am Vormittag. Das trendige Viertel Príncipe Real ist etwas für Spätaufsteher. Gleiches gilt für Bairro Alto, durch dessen verschlafene Gassen ich langsam hinab spaziere. Die Stühle in den Fado-Restaurants und den Cocktailbars sind hochgestellt. In den Lebensmittellädchen ordnen in die Jahre gekommene Verkäuferinnen das Gemüse. Der Hutmacher kurbelt die Jalousie seines Geschäfts hoch. Fast dörflich geht es zu in dem ehemaligen Arbeiterviertel, das mit den bröckelnden Fassaden einen leicht morbiden Charme versprüht und am Abend DIE Anlaufstelle für Nachtschwärmer ist.

Mir weht der Duft von Frischgebackenem in die Nase. Alle paar Meter lockt eine Pastelería, in denen das wohl bekannteste Gebäck Portugals kredenzt wird – Pastel de Nata. Ich lande in der Padaria São Roque, die erst vor kurzem umgezogen ist in die Rua de Rosa 192 und angeblich die besten Vanillecremetörtchen der Stadt herstellt. Abgesehen von der berühmten Variante aus Belém natürlich. Sie kosten nur 1 Euro das Stück. Ich nehme direkt zwei.

„Miradouru Mania“ in Lissabon: Von Aussichtspunkt zu Aussichtspunkt

Mein Weg führt mich wieder hinauf, zum Miradouro Santa Catarina. Noch besser als direkt beim Kiosk sitzt man auf der Terrasse des Noobai. Bei einem Papayasaft genieße ich den Ausblick auf den im Sonnenlicht glitzernden Fluss Tejo und das wohl markanteste Wahrzeichen Lissabons – die Ponte 25 de Abril. Die Brücke hat tatsächlich eine große Ähnlichkeit mit der Golden Gate Bridge. Wäre ich schon wieder hungrig, würde ich dem Pharmácia einen Besuch abstatten, dem Restaurant im Apothekenmuseum oberhalb des Miradouro Santa Catarina. Der Garten: eine grüne Oase. Das Interior: wie eine alte Apotheke. Das Restaurant Odomastor unweit der Station des Elevador da Bica sieht ebenfalls einladend aus.

Chiado: Aperitif vor der Klosterruine am Largo do Carmo

Irgendwann gelange ich auf meiner kleinen Städtereise zum Largo do Carmo, einem lauschigen Platz vor den Ruinen des Convento do Carmo. Am gleichnamigen Kiosk, hübsch anzusehen mit den schmiedeeisernen Verzierungen im Jugendstil, wird schon mittags zu brasilianischer Musik Rotwein getrunken. Rotwein und italienische Kleinigkeiten gibt es auch auf der Dachterrasse des Bella Lisa. Das Lokal findet man direkt neben dem Elevador de Santa Justa, der mit seiner gusseisernen Konstruktion der eindrucksvollste Aufzug Lissabons ist.

Eindrucksvoll ist auch der Blick auf die Klosterruinen und die bunten Häuser mit den roten Dächern. Dazu ein knallblauer Himmel und selbst im Winter frühlingshafte Temperaturen – Lissabon, Du wickelst mich immer mehr um den Finger. Fast wäre ich schon weiter gegangen, als ich an der Rückseite des Klosters noch ein wahres Kleinod entdecke: die Bar Topo Chiado. In den Nischen der dicken Mauern laden Sofas und Sessel ein, den Nachmittag zu vertrödeln.

Städtereise Lissabon per Tram: Mit der Eléctrico nach Mouraria und Alfama

Am Praça da Figueira in der Unterstadt steige ich tatsächlich in eine Tram. Mit einer historischen Eléctrico schaukele ich durch die engen Straßen von Baixa hinauf nach Graça und das alte maurische Viertel Mouraria. Paciênca gilt es mitzubringen, Geduld. Der Fahrer kurbelt und kurbelt, lehnt sich immer wieder aus dem Fenster. Ein Auto hat zu dicht an den Gleisen geparkt. Mit Fingerspitzengefühl und Hydraulik schafft er es schließlich, den Waggon so in Position zu bringen, dass wir vorbeifahren können.

Am Miradouro de Santa Luzia hüpfe ich aus dem wackeligen Gefährt. Hier starte ich meinen Spaziergang durch Alfama. Doch nicht, ohne vorher einen Blick über die ziegelroten Dächer schweifen zu lassen, aus denen zwei der schönsten Bauwerke der Stadt ragen: die Klosterkirche São Vicente de Fora und das Pantheon. Kein Wunder, dass die Lissaboner ihre Stadt auch „Stadt des Lichts“ nennen. Die weiß getünchten Häuser von Alfama leuchten im Sonnenlicht.

Wo die Mauren lebten: Das Gassengewirr von Alfama

Das einst von Mauren bewohnte Gassenlabyrinth ist der älteste Stadtteil Lissabons. Die windschiefen Häuschen mit den Vogelkäfigen in den Fenstern und die Torbögen über den steilen Treppen haben das große Erdbeben von 1775 fast unbeschadet überstanden. Sardinenduft liegt in der Luft. Vielleicht sollte ich in einer Taca einkehren, eine der kleinen Snackbars. An dem wackeligen Tisch der zwei Bauarbeiter, die hier ihre Mittagspause verbringen, wäre noch ein Stuhl frei. Do what the locals do.

Ich werfe noch einen Blick in die Kathedrale Sé, die älteste Kirche Lissabons, und gelange in eine der Straßen, die den Burgberg hinauf führen. In der Costa do Costelo entdecke ich das Chapitô à Mesa. Das Haus beherbergt eine Zirkusschule und ein Restaurant. Paciênca ist auch hier gefragt. Doch das Warten auf einen freien Tisch wird belohnt mit einem Fensterplatz mit Ausblick und köstlichem Kalbsfilet mit Pilzrisotto und grünem Spargel. Nicht zu vergessen den Traum aus weißem Mousse an Birne.

Abseits der sieben Hügel Lissabons: Das MAAT in Belém und der Time Out Market

Am Bahnhof Cais do Sodre steige ich abermals in die Électrico, nach Belém. Nicht wegen der Pastéis de Belém, auch nicht wegen des Torre de Belém oder des Hieronymusklosters. Mein Ziel ist das alte Elektrizitätswerk am Tejo und ein mit glänzenden Fliesen verkleideter Bau, der aussieht wie ein offenes Haifischmaul. Das Museum of Art, Architecture and Technology – kurz MAAT – ist das neueste Museum in Lissabon. Am besten besucht man die im Oktober 2016 eröffnete Kunsthalle, die als Antwort auf die Modern Tate in London gilt, am frühen Abend. Dann wird der Himmel über der Ponte 25 de Abril in ein zartes Blaurosa getaucht, während die Sonne im Westen langsam orangerot im Tejo versinkt.

Zurück am Cais do Sodre ist es nur ein Katzensprung zum Mercado da Ribeira. Die alte Markthalle ist der perfekte Ort für alle, die sich während ihrer Städtereise Lissabon nicht zwischen der Fülle an hervorragenden Restaurants entscheiden können. Im Time Out Market haben knapp 30 der besten Lokale der Stadt einen Ableger. Nach Austern bei Sea Me ist die Zeit reif für Bacalhau, die Lissaboner Spezialität schlechthin. Bei Cozinha de Felicidade gibt es den Stockfisch in einer modernen Variation, mit Olivenstaub und Süßkartoffelchips an einer cremigen Soße. Lissabon, wann darf ich wiederkommen?

2 Kommentare

  1. Vielen Dank für den tollen Artikel! Die Art wie die Autorin die Stadt beschreibt, lässt einen selbst schon förmlich auf den Straßen schlendern sehen. Die Vorfreude auf die Reise Ende Mai steigt. 🙂 Muito obrigado!

    • Alexandra Lattek

      Liebe Leena, das freut mich sehr zu hören! Lissabon ist wirklich eine traumhaft schöne Stadt, es wird Dir bestimmt gefallen dort. Wünsche Dir schon jetzt eine wunderbare Reise und ganz viel Spaß beim „Miradouro Hopping“! LG, Alexandra

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