Von mewuschal bis halal: Speisevorschriften weltweit

Wer sich auf Reisen begibt, dem begegnen nicht nur kuriose Gerichte, wunderliche Zutaten und teils befremdliche Gerüche, sondern auch allerlei Essensregeln. Meist Jahrhunderte alt und in den Religionen der jeweiligen Länder verankert. Wir verraten Euch, welche Rituale und Entstehungsgeschichten hinter den bekanntesten Speisevorschriften stecken. Denn der ein oder anderen davon werdet Ihr auf Euren Reisen mit Sicherheit begegnen.

Essensregeln im Judentum: Milch und Fleisch strikt getrennt!

„Das ist mir nicht ganz koscher.“ War meiner Oma etwas suspekt, kam ihr dieser Satz über die Lippen. Dass hinter dieser Redewendung eine Speisevorschrift aus dem Judentum steckt, wurde mir allerdings erst als Jugendliche klar. Ich befand mich auf meinem ersten Flug von München nach Tel Aviv und die Stewardess servierte ein eingeschweißtes Hühnchen mit Koscher-Zertifikat auf der Verpackung. Was ich da noch nicht ahnte: Das Zertifikat entpuppte sich auf dem Weg durchs Heilige Land als mein treuester Begleiter …

Koscher heißt so viel wie „erlaubt“ oder „geeignet“ und bezeichnet alle Lebensmittel und Gerichte, die den Kaschrut, den jüdischen Speisevorschriften, entsprechen. Ganz zentral dabei: Fleisch muss von erlaubten Tieren stammen und darf niemals mit Milch oder Milchprodukten in Berührung kommen. Zurück geht diese Regelung auf einen Ausspruch Moses: „Du sollst das Böcklein nicht in der Milch seiner Mutter bereiten.“ Die Trennungsregelung beschränkt sich dabei nicht nur auf die Zubereitung der Speisen. Häufig gibt es in einer jüdischen Küche sogar getrennte Schränke, Spülbecken, Bestecke und Teller für Milchiges und Fleischiges. Manchmal sogar zwei Kühlschränke. Fleisch und Milchprodukte werden auch niemals zusammen auf einem Tisch serviert.

Judentum: Was koscher ist

Zu den erlaubten Tieren zählen Rinder, Schafe, Rehe und Ziegen. Geflügel ist koscher, wenn es sich ausschließlich von Pflanzen ernährt hat, außerdem alle Fische mit Flossen und Schuppen. Schweinebraten oder Garnelen werdet Ihr auf einer koscheren Speisekarte nicht finden: Der Verzehr von Schalen- und Krustentieren, Reptilien, Würmern, Insekten und Schweinefleisch ist verboten.

Essensregeln im Judentum: Blut als Sitz der Seele

Nach jüdischem Glauben sitzt im Blut die Seele des Menschen. Deshalb muss Fleisch auch völlig blutleer sein, bevor es verzehrt werden darf. Wie das funktioniert? In dem die Tiere geschächtet werden. Dabei öffnet idealerweise ein Schochet – ein jüdischer, ausgebildeter Schächter – nach einem Segensspruch mit einem einzigen Schnitt die Halsschlagader und lässt die Tiere vollständig ausbluten. Letzte Blutreste werden mit Salzwasser ausgewaschen und bei Säugetieren einige Sehnen entfernt.

Ziemlich viele Vorschriften, nicht wahr? Wer denkt, dass die Zubereitung der Speisen streng gehandhabt ist, wird gleich überrascht sein: Besonders streng ist die Auslegung der Kashrut-Gesetze im Weinanbau. So darf unter anderem kein Obst oder Gemüse zwischen den Weinreben wachsen. Die Trauben eines neuen Weinstocks werden erst im vierten Jahr nach der Pflanzung für die Weinproduktion verwendet, jedes siebte Jahr müssen die Weinberge und Felder ruhen (Schmittah). Außerdem gibt es das Koscher-Zertifikat nur, wenn ausschließlich männliche Juden, die den Sabbat einhalten, in der Produktion arbeiten. Überprüft wird das alles von speziell ausgebildeten Rabbinern. Berührt ein Nicht-Jude koscheren Wein, gilt er als verunreinigt. Ein beliebtes Hintertürchen: Wurde der Wein bei der Produktion kurz erhitzt, wird er „mewuschal“, und darf auch von Nicht-Juden ausgeschenkt werden.

Halal, das islamische Pendant zu koscher

Ähnliche Speisevorschriften treffen wir auf der Reise durch islamisch geprägte Länder wie die Türkei, Marokko, den Oman oder die Vereinigten Arabischen Emirate. Hier allerdings unter dem arabischen Begriff „halal“, was ebenfalls „erlaubt“ bedeutet. Nicht halal sind Alkohol, Schweinefleisch und Produkte, die Bestandteile von Schweinen enthalten. Gummibärchen etwa oder Chips mit Schweinefett. Der Verzehr anderer Tiere ist erlaubt, solange sie artgerecht gehalten und geschächtet wurden.

Essensregeln im Islam: Alkoholverbot und sein Ursprung

Dass streng gläubige Muslime keinen Alkohol trinken, ist bekannt. Aber wisst Ihr auch, warum? Sie sagen, Alkohol beeinträchtigt das klare Denken und hält damit von den täglichen Aufgaben und dem Gedenken an Allah ab. Ein striktes Alkoholverbot gab es im Islam übrigens nicht von Anfang an: Ursprünglich war es Muslimen nur verboten, betrunken zu beten oder in die Moschee zu gehen. Aber schon bald verbreitete sich die Meinung, dass der Schaden durch Alkohol größer ist, als sein Nutzen oder Genuss – und das Alkoholverbot war Gesetz. Nicht wahr ist allerdings, dass Muslime auf Alkohol in Parfum und Putzmittel verzichten sollen. Ganz im Gegenteil: Sauberkeit ist ein wichtiges Gebot im Islam.

Fleischlos in Varanasi, dem heiligen Ort am Ganges

Auch wenn das Essen von Fleisch im Hinduismus nicht generell verboten ist, leben viele Hindus vegetarisch. Der Grund dafür ist ihr Glaube an die Reinkarnation. Demnach kann die Seele eines Menschen auch im Körper eines Tieres wieder geboren werden. Und wer möchte schon seinem ehemaligen Vorgesetzten oder der Schwiegermutter als Lammcurry begegnen? Aus dem gleichen Grund ist der Beruf des Schlachters unter Hindus sehr unbeliebt, häufig übernehmen deshalb ortsansässige Christen oder Muslime diese Aufgabe.

Essensregeln im Hinduismus: die rechte Hand zum Löffeln

Bis vor gar nicht langer Zeit aßen Hindus nur mit Angehörigen ihrer eigenen Kaste an einem Tisch. Der Glaube, sich an Menschen einer niedrigeren Kaste verunreinigen zu können, war weit verbreitet. Glücklicherweise wird dieser Irrglaube aber immer seltener. Nichtsdestotrotz nimmt die Tischhygiene im Hinduismus eine tragende Rolle ein, denn statt Besteck dient die rechte Hand oder Fladenbrot zum Löffeln der Currys. Gänzlich tabu sind für Hindus Speisen mit Rindfleisch, denn Kühen wird eine gewisse Göttlichkeit nachgesagt. Verschiedene Gottheiten sollen sich in ihnen gezeigt haben, Krishna wuchs der Legende nach bei Kuhhirten auf. Darüber hinaus versorgen Kühe die Menschheit mit den fünf heiligen Gaben Ghee (Butterschmalz), Mist (Brennmaterial), Urin (Desinfektion), Milch und Joghurt.

Buddhismus: Von schlanken Buddhisten und dicken Buddhas

Wären wir alle Buddhisten, könnten die Anbieter von Diätprogrammen sofort dicht machen. Buddhisten sollen nämlich nur so lange essen, bis ihr Hunger gestillt ist. Lebensmittel dürfen nicht vergeudet oder weggeworfen und kein Tier nur um des Essens willen getötet werden. Ein richtiges Fleischverbot gibt es im Buddhismus nicht, die meisten Anhänger nehmen den Schutz der Tiere allerdings sehr ernst und ernähren sich vegetarisch.

Essensregeln im Buddhismus: Essen darf nicht abgelehnt werden

Es gibt allerdings eine Ausnahme: Wird ein Buddhist zum Essen eingeladen und ein Fleischgericht serviert, sollte er nach Buddhas Worten den Gastgeber nicht verletzen und beherzt zugreifen. In abgewandelter Form gilt das auch für buddhistische Mönche: Sie dürfen ihr Essen und Trinken ausschließlich erbetteln und keine Nahrungsmittel ablehnen, die ihnen angeboten werden.

Aber wie lässt sich bei all der geforderten Zurückhaltung erklären, dass Buddha selbst häufig mit einem ordentlichen Bauch und strammen Waden zu sehen ist? Hierfür gibt es zwei Erklärungen: Diese Darstellungen des Buddha stammen meist aus China. Hier glauben viele Menschen an den Gott Hotei, der ebenfalls sehr dick dargestellt wird. Vermutlich kam es zu einer Verwechslung und das Bild des stämmigen Buddhas verbreitete sich weltweit. Zum anderen war Fettleibigkeit in Asien früher ein Zeichen für Weisheit und Güte. Logisch also, dass Buddha entsprechend beleibt dargestellt wurde.

Gastronomie: Essensregeln als Erfolgsmodell

Eine interessante Anekdote zum Schluss: Nicht nur Reisende müssen sich mit Speisevorschriften arrangieren, sondern auch Gastronomie-Unternehmen, die in die jeweiligen Länder expandieren möchten. Besonders anpassungsfähig zeigt sich dabei eine bekannte Fast-Food-Kette: Ihr Fischburger fand seinen Ursprung bereits 1963 in einem katholischen Stadtviertel von Cincinnati, in dem freitags kein Fleisch gegessen wurde. Seit 1993 gibt es in Israel und seit 1999 auch in Buenos Aires rein koschere Restaurants ohne Cheeseburger, die am Sabbat geschlossen sind. Die Gerichte in islamisch geprägten Ländern sind halal, in Marokko gibt es im Fastenmonat Ramadan sogar ein landestypisches Gericht mit der Fastensuppe Harira. Und auch im hinduistischen Indien werden die landestypischen Speisevorschriften beachtet: Hier gibt es Geflügel- statt Rindfleischburger und den „McMaharadscha“ mit Lamm.

Bildnachweise in der Reihenfolge des Erscheinens:

1 Kommentar

  1. Vielen Dank für Ihre Bemühungen und ausgezeichneten Recherchen zu diesem Thema, das so viele Facetten hat ebenso Freunde und Feinde.
    MfG

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