Lublin: Geheimtipp in Polen mit charmanter Altstadt

Artikel teilen

Artikel teilen

Reisen hat für mich etwas damit zu tun, sich immer wieder überraschen zu lassen und aus der eigenen Komfortzone zu treten. Das ist einer der Gründe dafür, warum ich gerne abseits ausgetrampelter Pfade unterwegs bin. Nicht Klischees und Erwartungen sollen sich erfüllen, sondern der eigene Horizont durch unvoreingenommenes Entdecken und Wahrnehmen erweitert werden. Was das heißt? Bei Städtereisen innerhalb von Europa vermeide ich gerne bewusst die großen, überlaufenen Hauptstädte oder Touristenhochburgen. Viel mehr angezogen fühle ich mich von kleinen, wenig bekannten und authentischen Destinationen. Ein solcher Ort ist Lublin. Hier stoße ich auf Geschichte und Gastlichkeit. Ich komme mit interessanten Menschen ins Gespräch und sie erzählen mir, was ihre Stadt ausmacht. Statt zwischen Hochglanzfassaden finde ich mich im authentischen Alltagsleben wieder.

Lublin: Ein Ort zum aktiven Erkunden

Und so bin ich auf die 350.000 Einwohner zählende Stadt Lublin gestoßen. Sie liegt im Osten Polens, nach Weißrussland und in die Ukraine ist es von hier aus nicht mehr weit. Während polnische Städte wie Krakau oder Breslau sehr bekannt und dementsprechend überlaufen sind, ist Lublin noch ein Geheimtipp. Das merke ich auch daran, dass noch nicht alle Informationen auf Englisch verfügbar sind, aber immerhin erhalte ich im lokalen Tourismusbüro freundliche Auskunft. Auf den Straßen höre ich eher polnische und ukrainische Besucher miteinander reden als Deutsche oder Briten. Das sonst so häufig verbreitete touristische Überangebot ist hier zum Glück noch nicht angekommen, aktives Erkunden auf eigene Faust lautet die Devise.

Zweitgrößte Altstadt Polens

Das Herzstück von Lublin ist die Altstadt – nach Krakau die zweitgrößte Polens. Lublin feiert in diesem Jahr das 700-jährige Bestehen – das Stadtrecht reicht bis ins Jahr 1317 zurück. Die ehemals große jüdische Gemeinde wurde während des Zweiten Weltkriegs fast vollständig ausgelöscht. Außerhalb der Stadt entstand ein großes Konzentrationslager namens Majdanek, das heute Besuchern offensteht. Viele Häuser in der Altstadt sind heute restauriert und beherbergen urige Bars und Restaurants. Typisch sind auch die auf Holzbühnen arrangierten Gastgärten. Andere Gebäude haben seit mehreren Hundert Jahren dieselbe Fassade und warten noch darauf, wieder im neuen Glanz zu erstrahlen. Das ist gar nicht so leicht, denn der Zweite Weltkrieg hat im Nachhinein viele Besitztümer ungeklärt gelassen.

Was mir beim Durchstreifen der engen, mit Pflastersteinen ausgelegten Gassen auffällt: In den Fenstern einiger Altstadthäuser sind historische Porträts ausgestellt. Auf Nachfrage erklärt mir eine Frau: „Handwerker haben bei der Renovierung eines Dachbodens einige Hundert Glasnegative aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg gefunden.“ Die daraus entwickelten Fotos prägen nun das Bild der Altstadt. Die Namen zu den meisten der Gesichter kennt man aber nicht.

Marktplatz und Untergrundtour

Besonders beeindrucken mich bei meinem Rundgang die zwei Stadttore und der große, prächtige Marktplatz, der in Polen „Rynek“ genannt wird. Viele der ursprünglich gotischen Bürgerhäuser erhielten später Elemente aus Renaissance und Barock. Viele Gebäude tragen eine sehr individuelle Handschrift mit prunkvollen Mustern und Verzierungen. In der Mitte des Marktplatzes steht das ehemalige Rathaus. Hier ist der Treffpunkt für die „Untergrund-Route“, eine rund 45 Minuten dauernde Tour, die mich auf mehr als 200 Metern unter der Altstadt durchführt. Zwischen dunklen Gemäuern werden rund 1000 Jahre Stadtgeschichte anschaulich dargestellt, von den ersten Siedlungen bis zum großen Feuer im Jahr 1719. Die Strecke führt durch 14 Kellerräume, die einst von Händlern als Lagerräume genutzt wurden. Die Bilder und Panoramen der Stadt sind filigran und kunstvoll angefertigt und vermitteln mir ein Gefühl für diesen geschichtsträchtigen Ort. Die Führungen werden bislang nur auf Polnisch angeboten, ich erhalte aber Informationsblätter auf Deutsch.

Rundturm mit weitreichendem Ausblick auf die Studentenstadt

Wenige Schritte außerhalb der Altstadt thront das Lubliner Schloss. Das cremefarbene Gebäude wurde früher gerne von polnischen Königen besucht und diente später als Gefängnis. Heute ist darin das Stadtmuseum untergebracht. Einen weitreichenden Ausblick auf die Altstadt, aber auch auf die monotone Hochhauslandschaft außerhalb des Zentrums habe ich vom Rundturm aus.

Beim Blick nach unten frage ich mich, warum Lublins Altstadt so viele Bars und Restaurants hat. Wieder zurück im alten Stadtteil ist die Antwort schnell gefunden: „Wir sind eine Studentenstadt mit fünf Universitäten und rund 40.000 Studierenden, da ist immer was los“, erzählt mir Piotro Bednarski. Gemeinsam mit seiner Frau Beata Woycik hat er in Lublin Kunst studiert. Seit zehn Jahren betreibt das Paar die kleine Galerie „Galeria Q-fer“ in einem schmalen Altstadthäuschen. Zu kaufen gibt es allerhand Selbstgemachtes – von Keramiken über Schmuck bis hin zu Gemälden.

Ein Café für Schokoliebhaber und Bücherwürmer

Wo viele Studenten leben, gibt es auch bestimmt gemütliche, kleine Cafés, in denen man stundenlang herumhängt und sich die Zeit vertreibt, oder? Richtig! Ein besonders interessantes Exemplar ist das Schokoladencafé „Miedzy Slowami“. Schon beim Betreten des Altstadthauses stellt sich ein wohliges Gefühl ein: Der Holzboden knarrt, prall gefüllte Bücherregale zieren die Wände und im ersten Raum baumelt eine Schaukel von der Decke. Das kulinarische Konzept beinhaltet zig Sorten Tee, Kaffee, heiße Schokoladen sowie hausgemachte Kuchen. Kaffee mit Kardamom, Kokosnuss oder Honig hört sich zwar verführerisch an, aber ich kann der heißen Schokolade mit Zimt nicht widerstehen. Sie wird aus echter dunkler Schokolade hergestellt und ist fast so dickflüssig wie Pudding. In einem der Regale entdecke ich ein „Philosophisches Wörterbuch“ aus dem Jahr 1943 in deutscher Sprache. Ich blättere darin und versinke in Sätze wie: „Das Leben sowohl als Individuum als auch im Ganzen ist ein irreversibles Veränderungsgeschehen.“ Da ist wohl etwas Wahres dran.

Auf polnische Gemütlichkeit stoße ich auch außerhalb der Altstadt, wie im Café „Kawka“: Holzboden, Vintagemöbel, viele Polster, Bilder an den Wänden, lässige Hintergrundmusik. In einem Eck steht eine Gitarre. Oberhalb davon ist ein Zettel mit der Aufschrift „Please play me“ angebracht. Ich bin zwar eine miserable Spielerin, aber einige Akkorde habe ich noch drauf und freue mich über die spontane Möglichkeit, wieder einmal zu üben.

Traditionelle Snacks aus Lublin

Was in Lublin unübersehbar ist: „lody“, also Eiscreme, gibt es quasi an jeder Straßenecke zu kaufen. Auch an regnerischen oder nebligen Tagen machen die Eisdielen gutes Geschäft. Ob der herbstlichen Temperaturen mache ich mich aber lieber auf die Suche nach anderen lokalen Spezialitäten. Ich werde bald fündig: Viele Bäckereien verkaufen süße Teigtaschen in Form von Hörnern, gefüllt mit einer Art Puddingcreme und verschlossen mit einer dicken Schicht Schokolade und Nüssen. Bei den herzhaften Snacks sticht der „cebularz lubelski“ hervor. Die handgroßen, runden, flachen Teigstücke erinnern mich an eine Mini-Pizza. Belegt sind sie aber nicht mit Tomatensoße und Salami, sondern mit angeschwitzten Zwiebeln und Mohn.

European Festival of Taste in Lublin

Apropos Essen: In Lublin findet seit neun Jahren jeweils in der ersten Septemberwoche das „European Festival of Taste“ statt. Bei meinem Besuch steht es unter dem Motto „Italien“. Auf dem Marktplatz sind Stände aufgebaut, ausgewählte Restaurants laden zu Events und authentische Musik darf natürlich auch nicht fehlen. Beim Festival geht es darum, den Geschmack Europas nach Lublin zu holen und gleichzeitig unterschiedliche Lebensweisen und Kulturen kennenzulernen. Produzentin Jagoda Plywacz kommt aus Lublin und erzählt mir, warum sie sich in der polnischen Stadt so wohl fühlt: „Ich liebe die Stadt, weil hier wunderbare Menschen leben. Gastlichkeit wird hier sehr großgeschrieben. Es ist eine kleine Stadt, aber es gibt viele Konzerte, Kultur, Veranstaltungen – von allem etwas.“

Bildnachweis: alle Bilder ©Maria Kapeller

3 Kommentare

  1. Ein ganz wunderbarer Bericht. Polen ist wirklich ein spannendes und leider weitgehend unbekanntes Reiseland. Ich bin vor ein paar Jahren quer durchgefahren und habe mir zahlreiche Städte und Landschaften angesehen (http://bit.ly/reisezudenpolen) – Lublin war nicht dabei. Nach deinem schönen Artikel werde ich das nun nachholen. Einige deiner Erlebnisse kenne ich aus anderen Städten: die Portraits in alten Fenstern kenne ich aus dem Warschauer Ghetto, die Leidenschaft für Süßes aus Krakau. Danke für einen Beitrag, der Mut macht nicht immer nur in den Westen und Süden zu reisen, sondern auch mal in den Osten – und in die Mitte Europas.

  2. Danke, ich fahre in wenigen Tagen nach Lublin und habe jetzt schon ein paar Ideen…

    • Veronika Kramheller

      Hallo Heike, wir wünschen Dir viel Spaß beim Entdecken dieser wunderbaren Stadt. Lass uns doch wissen, welche Highlights Du entdeckst. Wir würden uns freuen. Viele Grüße, Dein Blog-Team

Hinterlasse einen Kommentar