Ein Tag in New York: Kleine Tipps für den Big Apple

Wenn es einen Song gibt, den ich immer und immer wieder hören kann, am liebsten in einer Endlosschleife, dann dieser: Empire State of Mind, Part II. Nicht nur wegen der Gänsehautstimme von Alicia Keys, sondern wegen New York. Oh, New York. Oh, New York. Diese Stadt, die glitzernde Augen und klopfende Herzen verursacht. Deren Boden ich das erste Mal an einem lausig-kalten Neujahrsabend betrat. Als ich an der Grand Central Station aus dem Flughafenbus stieg und ein gelbes Taxi heran winkte, das mich zu den Webster Apartments bringen sollte, in der 34. Straße, nur wenige Blocks vom Empire State Building entfernt. Mitten im Hochhausdschungel der Stadt, in der angeblich Träume wahr werden. Von denen ich damals viele hatte und einer wahr geworden war: drei Monate bei einer New Yorker Zeitung arbeiten.

New York versetzte mich damals in einen Taumel. Die Stadt, die zu schade ist zum Schlafen. So viele Bars, Clubs, Theater, Museen, Galerien, Konzerte, Lesungen und die weltberühmte Oper. Oder einfach nur durch die Straßenschluchten wandern und staunen. Alle paar Jahre brauche ich es wieder, dieses unvergleichliche New York Flair. So auch im Sommer 2016.

Wir wohnen in Downtown, in einer Nachbarschaft, in der fremdartige Wortfetzen in unsere Ohren dringen, wenn wir morgens die enge Treppe herunterkommen und die grüne Stahltür öffnen, die auf die Straße führt. Wo Kisten herumgeschleppt werden, mit Zitteraal und anderem frischen Fisch. Wo sich der Geruch getrockneter Krabben mit dem penetranten Duft überreifer Durians mischt, der asiatischen „Stinkfrucht“. In der Mott Street riecht New York wie China. Die Straße mit den Fisch- und Gemüseläden und Garküchen ist das Herz Chinatowns.

In den Tag starten: Frühstücken in Nolita und Tribeca

Doch frühstücken wollen wir lieber woanders. Um die Ecke, in der Mulberry Street in Little Italy, ließe sich der Tag mit Espresso und Cornetto beginnen. Gerne in Napoli oder Roma, aber nicht in New York, finden wir. Uns ist eher nach „New York Style“, das bedeutet, American Breakfast oder Clean Eating. Beides finden wir nur wenige Hundert Meter nördlich von Little Italy, in Nolita, North of Little Italy. Im The Grey Dog aßen wir bereits saftiges French Toast mit knusprigen Spiegeleiern und Bratkartoffeln. Eine Sünde. Weniger sündhaft war das Frühstück im Ruby’s, Rührei mit Kale, dem grünkohlähnlichen Superfood, auf das nicht nur New Yorker Hipster schwören, und Chia-Pudding mit Datteln und Cranberries. Ähnlich gesund frühstückten wir einmal im The Butcher’s Daughter in der Kenmare Street, wo man sich mit Elixier Shots, Raw Smoothies und Superfood-Bowls fit für den Tag machen kann. Oder mit Bagels mit Avocado, Käse aus Chashewnüssen und Speck aus roten Bohnen. Vegan ist hip in Nolita.

Aber heute wollen wir nach Süden. Wir lassen die chinesischen Krimkramsläden und Massagesalons hinter uns und passieren den Columbus Park, wo ältere chinesische Paare tanzen, andere Mah-Jong spielen; Straßenleben wie in Shanghai oder Beijing. Wir biegen rechts ab, nach Tribeca, das „Triangle below Canal Street“. Nur wenige Touristen verirren sich in die kopfsteingepflasterten Straßen, die von ehemaligen Lagerhäusern mit schmiedeeisernen Feuerleitern gesäumt sind. Dabei sind die Straßenzüge des Viertels, in dem einst New Yorks Textilindustrie beheimatet war, architektonische Schmuckstücke. Und es gibt neben Galerien hübsche Boutiquen, in denen man seine Dollars in die Mode junger, amerikanischer Designer investieren kann. Nicht zuletzt hat man vielleicht sogar Chancen, Robert de Niro, Gwyneth Paltrow oder Harvey Keitel über den Weg zu laufen, die angeblich alle in Tribeca wohnen. Robert de Niro betreibt übrigens mehrere Restaurants hier – das Nobu, den Tribeca Grill und das Locanda Verde.

Unser Ziel heißt Bubby’s, in der Hudson Street, ein Brunch-Mekka für die Locals aus der Nachbarschaft und darüber hinaus. Bei köstlichsten Pancakes mit Blaubeeren planen wir den weiteren Tag. Auf meinen Cappuccino muss ich verzichten, im Bubbys gibt es nur Filterkaffee, der aber wirklich gut schmeckt. Und Cold Brew, kalt gebrühter Kaffee, nach hauseigenem Rezept.

New York soweit der Blick reicht: One World Observatory

Tribeca ist der perfekte Ausgangspunkt für Erkundungen im südlichen Manhattan. Vorbei an der Trinity Church wandern wir zum Memorial Plaza. Am blauen Himmel, der zwischen den Art-Deco-Hochhäusern hervorlugt, ist kein Wölkchen zu sehen. Perfekte Voraussetzungen, um New York von oben zu bestaunen. Mein liebster Ort dafür ist eigentlich das Empire State Building. Doch ich lasse mich überreden, mich raketenähnlich in einem Aufzug namens Skypod in nur 47 Sekunden auf 541 Meter hinauf schießen zu lassen – in das One World Observatory, die neueste Aussichtsplattform New Yorks, die im Mai 2015 eröffnet wurde.

Als ob man die Spannung bis ins Unerträgliche steigern möchte, wird nach dem Ausstieg aus dem Aufzug noch eine Multimedia-Show gezeigt über die Entstehung New Yorks. Dann endlich öffnen sich die Türen. New York liegt uns zu Füßen. Bei guter Sicht kann man 80 Kilometer weit gucken. Unser Blick reicht bis weit über die Nordspitze Manhattans, vor uns erstreckt sich all das, zu dem man sonst staunend aufblickt. All die markanten Gebäude in Midtown, das Empire State Building und das Chrysler Building. Die schachbrettmusterartigen Straßen, auf denen die Yellow Cabs wie Spielzeugautos aussehen. Wir erkennen die Brooklyn Bridge, die sich über den East River spannt, die Freiheitsstatue, erspähen die Staten Island Ferry, ein orangefarbener Tupfen auf dem blauen Wasser. Oh, New York, Du machst mich erneut sprachlos.

Kunst auf geheimnisvoller Militärinsel: Governors Island

Noch etwas benommen von der Fahrt im Skypod, laufen wir weiter zu den Ferry Terminals an die Südspitze Manhattans. Neben dem Empire State Building muss heute ein weiteres New-York-Ritual ausfallen: auf der Staten Island Ferry den Ausblick auf die Skyline und die Freiheitsstatue zu bewundern. Stattdessen setzen wir für 2 Dollar auf eine Insel über, die es bis vor kurzem offiziell gar nicht gab, zumindest tauchte sie lange Zeit in keinem Stadtplan auf – Governors Island. Die Insel zwischen Manhattan und Brooklyn war militärischen Zwecken vorbehalten, bis sie in ein Naherholungsgebiet umgewandelt wurde, das von Mai bis September Kunst, Kultur und Kulinarik bietet.

Er komme häufig her, erzählt uns der Herr, der auf einer der Bänke mit Blick auf die glitzernden Wolkenkratzer Zeitung liest. Governors Island sei seine kleine, grüne Oase. Er empfiehlt uns, die Insel, die seit 2014 für die Öffentlichkeit zugänglich ist, mit dem Rad zu umrunden. Doch die neueste Errungenschaft auf Governors Island erkundet man am besten zu Fuß – „The Hills“, eine künstliche Hügellandschaft, die im Juli 2016 eröffnet wurde. Von hier blicken wir nicht nur auf Häuser aus rotem Backstein, die heute anstatt Soldatenwohnungen Künstlerateliers beherbergen, sondern auch auf die glänzenden Bürotürme des Financial Districts, deren Spitzen den Himmel zu berühren scheinen.

Zwischen Delis und Synagogen in der Lower East Side

Zurück in Manhattan, steigen wir ausnahmsweise in die Metro. Unser Gesprächspartner auf Governors Island gab uns das Stichwort: Lower East Side. Von der Broad Street nehmen wir den J-Train zur Essex Street. Wer Hunger bekommt, steuert am besten den Essex Street Market an. Liebhaber von Bagels & Co. kommen ebenfalls auf ihre Kosten in der Lower East Side. Zwischen den hippen Cafés, Restaurants, Bars und Boutiquen in der Ludlow Street und der Orchard Street verstecken sich Delis mit Namen wie Kossar’s Bialy and Bagels und Yonah Schimmel Knish Bakery. Die Lower East Side war früher die erste Anlaufstelle für die Einwanderer aus Osteuropa, Russland und Deutschland, die ihre heimischen Rezepte mitbrachten. Das wohl berühmteste Deli: Katz’ Delicatessen. Das beste Pastrami Sandwich gibt es aber angeblich woanders, bei der Pastrami Queen in der Upper East Side.

Wer sich für jüdische Kultur und die Geschichte der Einwanderer interessiert, sollte die Eldridge Synagoge und das Tenement Museum besuchen. Liebhabern zeitgenössischer Kunst sei das New Museum empfohlen. Die Nachteulen kommen nochmal am Abend her, die Lower East Side ist ein Paradies für Bar-Hopper. Welche gerade angesagt sind, findet man im Time Out Magazin.

East Village: Cupcakes, Graffittikunst und Urban Gardening

Die Lower East Side geht nahtlos ins East Village über. Hier war das berühmte CBGB zu Hause, der Punkrockclub, in dem Bands wie die Ramones, Pattie Smith und die Talking Heads ihr Debüt hatten. Dass man in den Räumlichkeiten jetzt auf eine Boutique stößt, ist bezeichnend für den Wandel des Viertels, das einst Beatniks, Hippies und Punks zu seinen Bewohnern zählte und dessen „Alphabet City“ wegen Drogenkriminalität von sich reden machen. Als ich 2008 das letzte Mal im East Village war, fand ich hauptsächlich Tattoo- und Yoga-Studios sowie New-Age-Buchhandlungen vor. Die Buchhandlungen sind Restaurants mit makrobiotischer Kost gewichen, die Tattoo-Studios Cupcake-Bäckereien. Sehr zu empfehlen: der Cupcake Market in der 7. Straße nahe der 1. Avenue. Cupcake-Automaten, wie den von Sprinkles an der Upper East Side, haben wir keine gesichtet.

Geblieben sind im East Village die Graffitis. Viele tragen die Handschrift von Chico, einem bekannten Graffitikünstler. Zwischen den bunten Hauswänden: Gärten mit Sonnenblumen und Gemüse. Urban Gardening gibt es im East Village zwar schon seit den Siebzigern, erfährt jedoch gerade eine Renaissance. In einigen wird sogar Kunst ausgestellt.

Auf den Spuren der „Hipster“ in Williamsburg

Was wurde einst gelacht über die „Bridge and Tunnel People“, die am Wochenende aus den umliegenden Vierteln New Jersey, Queens und Brooklyn über Brücken und Tunnel auf die Halbinsel Manhattan strömten, um dort auszugehen. Heute ist es umgekehrt: Die Manhattanites steigen in den L-Train, um in den Bars in der Bedford Avenue Craft Beer zu trinken und sich in Restaurants wie dem Maison Premiere mit Austern und Absinth zu rüsten für eine lange Clubnacht mit Indie-Rock in den ehemaligen Lagerhallen aus rotem Backstein in der Wythe Avenue. Dort rümpfen dann die Williamsburger die Nasen über die Invasion aus Manhattan.

Es lohnt sich aber durchaus, schon tagsüber nach Williamsburg zu kommen, in den Vintage Shops in der Bedford Avenue zu stöbern, zum Beispiel im Pinkyotto oder im Awoke Vintage, einen Kaffee im Blue  Bottle in der Berry Street zu trinken und an einem Food Truck Ceviche zu essen. Ich könnte es tagelang hier aushalten. Und ich habe meine Begleitung überredet, heute am späten Nachmittag ein zweites Mal herzukommen. Wir steuern eines der ehemaligen Fabrikgebäude in der Wythe Avenue an, schräg gegenüber der Brooklyn Brewery. Wo früher eine Böttcherei untergebracht war, befindet sich heute ein schickes Boutique-Hotel mit einer großartigen Rooftop Bar, The Ides. Mit einer Margarita in der Hand lassen wir uns vom Wind durchwehen, der vom East River herüber bläst, und bestaunen abermals die Skyline Manhattans.

Meatpacking District: Rooftop Bars und der Highline Park

Wer noch nicht müde ist, macht es wie wir und fährt auf einen Absacker in den Meatpacking District. Wo einst Schlachthöfe das Bild prägten, gibt es heute Designerboutiquen, hochpreisige Restaurants und einige der besten Rooftops Bars Manhattans. Mein Favorit: Das Le Bain im The Standard Hotel. Mit dem grünen Kunstrasen erinnert das Le Bain an einen Tennisclub aus den Siebzigern in Frankreich. Der beste Drink: „Love Amid the Frostbite“ – ein Sorbet aus frischer Passionsfrucht mit Cachaça. Nachdem wir letztens wegen zu lässiger Outfits abgeblitzt waren, überzeugen wir heute den Türsteher der Plunge Rooftop Bar + Lounge im Gansevoort Hotel. Bei einer „Spicy Margarita“ beobachten wir, wie die Sonne im Hudson River versinkt. Oh, New York.

Wem das alles zu viel ist für einen Tag, der kombiniert die Rooftop Bars einfach an einem anderen Tag mit einem Spaziergang über den High Line Park, den Hochpark, der auf einer ehemaligen Bahntrasse entstand und vom Meatpacking District bis nach Midtown verläuft. Wir haben für heute dann auch genug. Noch ein Abstecher in den Chelsea Market, wo wir uns bei Takumi eine japanisch-mexikanische Rice Bowl schmecken lassen, bevor wir, zurück in Chinatown, von New York träumen.

10 Kommentare

  1. Nothing compares to NYC – ist schon eine extrem abwechslungsreiche Stadt! Schöner Blog-Beitrag!

  2. Ich rate jedem bei schönem Wetter “ Bike around Manhattan “
    mit einem Abstecher in den Central Park
    oder eine Bike Tour nach Staten Island
    Infos findet man hier
    http://www.nycbikemaps.com/

  3. Da packt mich glatt das Reisefieber. Ich war 2009 in NY, aber wenn ich den tollen Blog-Beitrag lese, MUSS ich unbedingt noch einmal hin. Sehr schöne Bilder, ich möchte diese Pancakes essen!!

  4. Noch ein kleiner Restaurant-Tipp: einen wunderbaren Blick auf die Skyline von Manhatten hat man im Restaurant Giando an der Waterfront von Brooklyn. Abends ist das ganz wunderbar. Blick auf die Skyline von Manhatten

    • Alexandra Lattek

      Das klingt ja spannend, nachdem ich ein großer Brooklyn-Fan bin, werde ich diesen Tipp auf jeden Fall beim nächsten New York Trip ausprobieren! Viele Grüße, Alexandra

  5. Excellent , vivid portrayal of what I saw for myself in this amazing city recently.
    Your description really captures the city as it is. I love the images you describe of Lower East, parts of Manhattan and the amazing pictures taken from the 80km Observatory view out onto this vast city.
    Your beautiful pictures combined with the way of describing New York as it really is, make me want to go again!!
    Liebe Gruesse,
    Mary

    • Alexandra Lattek

      Thanks so much for your feedback, glad to hear that it reflects what you experienced in this amazing city. The Lower East Side is indeed one of my favourite parts of NYC, and I definitely also need to go again very soon! All the best, Alexandra

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