New York City: Himmel voller Steaks

Wer nach New York City reißt, sollte sich ein leckeres Steak nicht entgehen lassen. Unsere Autorin Barbara Freund war mit ihrem Vater in der Stadt unterwegs und hat ihre favorisierten Steakhäuser gefunden. Sie nimmt uns mit auf ihre kulinarische Erlebnisreise.

Zugegeben, eigentlich war dieser Trip nicht als kulinarische Odyssee durch New Yorks Steakhäuser geplant. Allerdings hatte ich die Rechnung ohne meine Reisebegleitung gemacht: Meinen Vater. Mein Vater liebt Essen. Und ganz besonders liebt er Steaks, Dry-aged Steaks. Und deswegen wollte er nach New York. Naja, nicht nur deswegen, aber ich wage zu behaupten, dass dies ein nicht zu vernachlässigender Grund war.

Es hätte mich also nicht wundern sollen, dass mein Vater schon kurz nach Abflug vom Münchner Flughafen von seiner „Entdeckung im Internet“ erzählte: „Keens Steakhouse“ in Manhattan. Da uns die Lufthansa mit (kostenpflichtigem) WLAN an Board verwöhnte, ging ich auf die Suche nach dem Fleischtempel. Denn da ich meinen Vater kenne, hatte ich bereits für unseren letzten Abend eine Reservierung im berühmten „Wolfgang´s Steakhouse“ an der Park Avenue vorgenommen und wollte vermeiden, dass die Enttäuschung beim Besuch „irgendeines zufällig gefundenen Steakhouses“ groß war. Doch sein Fund war bei TripAdvisor top bewertet, in Laufnähe unseres Hotels und wir konnten direkt online reservieren. Abgefahren, mehrere tausend Kilometer in der Luft und virtuell planten wir das große Fressen.

Vom Flieger direkt ins Steakhouse

Ankunft in New York ein paar Stunden später: Nach der Anreise mit dem AirTrain vom JFK Airport tauchten wir aus der U-Bahn an der Penn Station auf, in die Rush Hour, im Regen, mit Gepäck – totale Überforderung, kein Taxi in Sicht, zumindest kein verfügbares. NYC Taxis sind grundsätzlich nur bei Sonnenschein bereit anzuhalten, bei Regen – keine Chance, denn total überlastet! Also machten wir uns zu Fuß die paar Meter auf den Weg, wurden nass, waren müde und die Laune sank. Nach einer Dusche ging es mit Schirmen bewaffnet zu Fuß auf zum „Keens“, 72 West 36 Street in Manhattan. New York City zeigte sich nicht von seiner schönsten Seite und wir wollten nur noch essen und ins Bett.

Doch wie es das Schicksal manchmal so will, war das „Keens“ der absolute Volltreffer. Vom typischen Eingang kommt man zunächst in den Barbereich, der gerammelt voll mit New Yorkern war, die zum After Work einen Absacker nahmen bzw. noch eine „Kleinigkeit“ essen wollten. Da wir etwas zu früh dran waren, stellten wir uns an die Bar im vorgelagerten Pub, tranken selbstgebrautes Bier des Hauses und fühlten uns hip, cool und einheimisch. Denn Touristen entdeckten wir hier keine.

Steak und Wein: die perfekte Kombination

Schon bald beförderte uns ein netter älterer Herr in den hinteren Bereich des Etablissements und wer hätte es gedacht: Vor uns tat sich ein großer Raum mit niedriger Decke auf, es roch nach gebratenem Steak, nach dekantiertem Rotwein, es war voll, laut und toll! Es war typisch. Es war New York. Es war das, was wir gesucht hatten: Ein Restaurant mit Charme, mit Charakter, mit Charisma – und mit dem hoffentlich besten trockengereiften Rind, das wir bisher essen durften (das hier war der Himmel auf Erden)!

Wir bekamen zwei Karten: Speisen und Wein. Schon die Weinkarte übertraf alle Erwartungen – die Auswahl war gigantisch, die Entscheidung fiel schwer, aber aufgrund meiner persönlichen Verbindung zu Stellenbosch in Südafrika entschieden wir uns für einen hervorragenden Cabernet Sauvignon Merlot des über 300 Jahre alten Weinguts „Allée Bleue“ aus dem Jahre 2012. Dieser edle Tropfen erinnerte uns an intensive rote Beeren mit einem Hauch von Minze und einem intensiven Abgang. Absolut empfehlenswert – insbesondere zum Fleisch, das uns erwartete!

Schnelle Entscheidung: Porterhouse Dry-aged Steak

Die Wahl beim Essen hingegen fiel nicht schwer: In einem Steakhouse ist die Auswahl nicht groß, wozu auch?! Also, her mit dem Porterhouse für Zwei! Im „Keens“ gibt es ausschließlich Dry-aged Steaks. Heißt: Die großen, zumeist vom einheimischen Angus-Rind stammenden Fleischstücke werden trocken abgehangen, ca. 28 Tage lang. Nach einiger Zeit bildet sich im Kühlhaus ein Geruch, der einem das Wasser im Munde zusammen oder einen Schauer über den Rücken laufen lässt: Denn es riecht zeitgleich nach edlem Schinken und vollgesogenen Wollsocken im Winter. Die Oberfläche des Fleisches verfärbt sich schwarz, ein leichter Schimmel überzieht das Äußere und das Fleisch verliert ca. 40 Prozent an Gewicht – eine Erklärung dafür, warum Dry-aged Steaks so teuer sind. Nach knapp einem Monat in den speziellen Kühlkammern mit ca. 60 Prozent Luftfeuchtigkeit bei 3 Grad Celsius, verschlossen mit schweren Stahltüren, wird das Fleisch von der unappetitlichen Oberfläche befreit und kann auf den Grill.

Die Aufregung stieg, das Porterhouse kam – es war schon fast ein magischer Moment: Da saß ich mit meinem alten Herrn in New York, was an sich schon ziemlich cool ist, dazu mit einem edlen Rotwein und dann kam noch dieses Tier – dieses perfekt medium gegrillte, mit grobem Meersalz und schwarzem Pfeffer gewürzte Rind. Doch ich bin mir sicher: Dieses Rind war zu Lebzeiten glücklich. Es war zart, es war geschmacklich der Kracher, es war perfekt gebraten, außen kross, innen ganz leicht blutig rosa. Es war ein Feuerwerk verschiedener Geschmacksaromen – das jedes für sich kaum greifbar, aber in Kombination perfekt war!

Einmal Steak in New York, immer Steak in New York

Wir aßen. Schweigend. Überwältigt. Glücklich. Regnete es draußen? Egal. Waren wir müde und gejetlaged? Egal. Gab es dort draußen eine Welt? Auch egal. Wir hatten Wein. Wir hatten Steak. Wir starteten auf die wohl beste Weise in unser New York Abenteuer. Danke, „Keens“! Und danke Papa für das Auftun dieses kleinen Juwels in einer Seitenstraße mitten in Manhattan!

Doch wer denkt, dass unsere Gier auf Steak nun gestillt sei, der werde eines Besseren belehrt. Das „Keens“ hatte uns erst so richtig auf den Geschmack gebracht. Und ja, wir haben uns natürlich auch New York City angeschaut, immerhin war es der erste Besuch meines Vaters dort und wir haben das gesamte „Touri-Pflicht-Programm“ abgerissen. Doch dieser Bericht dreht sich nun einmal um die essentiell wichtigen Dinge des Lebens: Steaks!

Somit hieß es am letzten Abend: Auf zu Wolfgang! Wolfang Zwiener, gebürtiger Bremer, hat mittlerweile vier Steakhäuser in New York, weitere vier in anderen Bundesstaaten der USA und dazu vier weitere in Asien. Wolfgang ist „Steak-Veteran“ und hat, bevor er seine Gourmettempel in den besten Locations New Yorks eröffnete, 41 Jahre bei Peter Luger „in Sachen Steak gemacht“ – und Peter Luger ist der Steak-Gott in NYC mit seinem Restaurant in Brooklyn. Das „Wolfgang´s“ an der Park Avenue ist das Stammhaus der Kette und liegt in einem Teil eines ehemaligen Vanderbilt-Hotels. Seit 1960 lebt Wolfang Zwiener im „Big Apple“. Zwar war er nie Tellerwäscher, aber Oberkellner bei Luger und somit steht er, wie viele andere auch, für Unternehmer, die sich den „American Dream – vom Tellerwäscher bzw. Oberkellner zum Millionär“ erfüllt haben. Mit harter Arbeit und viel Durchhaltevermögen. Und mit viel Liebe und Leidenschaft zum Fleisch.

Steak essen in gemütlicher Atmosphäre

Das „Keens“ hatte uns verwöhnt. Zudem war „Wolfang´s“, im Gegensatz zum „Keens“, kein Geheimtipp und unsere Erwartungen entsprechend hoch. Pünktlich um 19:30 Uhr kamen wir an der Park Avenue an – chic war es hier, die Atmosphäre etwas gehobener als im „Keens“, doch eines erkannten wir direkt wieder: Den typischen Geruch von gegartem Fleisch, eine Mischung aus Kaffee, Rotwein, Röstaromen und einem großen, offenen Grill. Trotz Reservierung mussten wir warten und wurden vom Oberkellner an die Bar geleitet.

Der Oberkellner: Ein Unikat. Optisch erinnerte er mich an eine Bowlingkugel mit tiefliegenden, dunklen Augen. Der Gute wäre in jedem Hollywood-Thriller als Profikiller oder Psychopath durchgegangen. Aber wie so oft in New York trügt der äußere Schein. Nach nur zwei Sätzen hatte er mich mit seinem Charme um den kleinen Finger gewickelt, verkaufte uns eine horrend teure Flasche Rotwein, platzierte uns an der Bar und nicht einen Moment dachten wir darüber nach, dass wir nur zum Warten hier geparkt wurden. Es war auch einfach egal – denn auch hier konnten wir uns nicht satt sehen. Auf schweren, überdimensionalen Tabletts balancierte eine Armada von Kellnern tellerweise Steaks durch den großen Raum. Und jedes einzelne performte ein Tischfeuerwerk auf den heißen Tellern, die es einem erlauben, das Fleisch je nach Wunsch noch nachgaren zu lassen.

Nach einer Weile wurden wir zu unserem Tisch gebracht. Wie auch im „Keens“ wird im „Wolfgang´s“ jeder Zentimeter genutzt, die Tische sind klein und stehen eng beieinander. Wir setzten uns und sahen, wie das Pärchen am Nachbartisch mit seinem Steak kämpfte – „think big“ ist das Motto der Amis in allen Belangen, so auch in Sachen „Steak.“
Die Karte ist auch bei „Wolfgang’s“ übersichtlich und wir entschieden uns dieses Mal jeweils für ein Ribeye Steak, dazu Onion Rings.

Der Steak-Himmel auf Erden

Wir warteten, schauten uns um und staunten. Bunt war es hier: am Tisch schräg hinter uns eine Familie mit kleinen Kindern; neben uns das Pärchen, das mittlerweile Schweißperlen auf der Stirn hatte und ich Sorge, dass sie jeden Moment einen Steak-Kollaps bekommen würde. Immerhin war das Steak auf ihrem Teller gefühlt so groß wie ihr Kopf. Doch am meisten faszinierte uns der große Tisch junger Männer, die es nach der Arbeit noch mal richtig krachen ließen: Cocktails en masse, Hummer als Vorspeise, Steaks in rauen Massen, wieder Cocktails – als ob es kein Morgen gäbe. Und eines sei gesagt: So wenig wie die New Yorker das Wort „klein“ kennen, so unbekannt ist ihnen das Wort „günstig“.

Unser Fleisch kam, wieder ein magischer Moment. Nichts anderes als ein überdimensionales Ribeye lag jeweils auf unserem Teller. Viel muss ich dazu gar nicht mehr sagen, außer: Wir hätten es auch mit einem Löffel essen können, so zart war es. Und auch geschmacklich hielt Wolfgang, was das Internet uns versprochen hatte: Es war der Steakhimmel auf Erden.

Hätte ich nun die Qual der Wahl und müsste mich für eines der beiden Restaurants entscheiden, so würde es wohl das „Keens“ – qualitativ steht das „Wolfgangs“ ihm in nichts nach, aber die Atmosphäre in dem Laden passte noch etwas besser zu unserer Erfahrung „Dry-aged Steak in New York“. Und beim nächsten Mal wird definitiv Peter Luger´s Restaurant in Brooklyn auf der Liste der abzuklappernden Steakhäuser stehen.

Denn in New York hängt mein persönlicher Himmel nicht voller Geigen, sondern voller Steaks.

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