Mumbai: Ein Reisebericht

Chaotisch, lebendig, schön, warmherzig, tolerant, das ist Mumbai. Die „Mumbaikar“ lieben ihre Stadt, das ehemalige Fischerdorf am Arabischen Meer, das die Portugiesen „Bom Bahia“ nannten, die gute Bucht. Ein Streifzug mit Alexandra Lattek durch eine Stadt, die den Beinamen „City of Dreams“ zu Recht trägt.

Als ich meine Freunde aus Mumbai frage, wie sie ihre Stadt beschreiben würden, werde ich mit Liebesbekundungen überschüttet. Nivedita, Supriya, Priya, Harsh und Shekhar – wie alle „Mumbaikar“ lieben sie ihre Stadt, das ehemalige Fischerdorf am Arabischen Meer, das die Portugiesen „Bom Bahia“ nannten, die gute Bucht. Die Stadt, die heute 19 Millionen Einwohner zählt und die für ihre Einwohner immer Bombay bleiben wird, ein magischer Ort, der den Beinamen „City of Dreams“ zu Recht trägt.

„Keine andere Stadt kann es mit der Schönheit und dem Tempo Mumbais aufnehmen, außer vielleicht New York. Mumbai gibt jedem eine Chance und lässt Träume wahr werden. Hinter all dem Chaos steckt ein Sinn, an jeder Ecke offenbart sich ein kleines Juwel.“ – Nivedita J. –

Als Besucher muss man tiefer eintauchen, um die Schönheit Mumbais zu entdecken, doch dann lässt die „Maximum City“ einen nicht mehr los, sagt meine Freundin Supriya. Mich hat Mumbai bereits beim ersten Besuch um den Finger gewickelt. Je häufiger ich dort bin, desto besser verstehe ich, was meine Freunde meinen, wenn sie vom „Mumbai Spirit“ sprechen. Ich habe selten einen Ort erlebt, an dem Tradition und Moderne, Arm und Reich, Chaos und Ruhe so eng verwoben sind. Genau das macht Mumbai so faszinierend.

Straßenmärkte und Basare – Chor Bazaar, Mohammed Ali Road und Crawford Market

Wer die Seele Mumbais ergründen möchte, sollte die Märkte und Basare besuchen, empfiehlt meine Freundin Nivedita. Damit meint sie nicht die Touristengeschäfte in Colaba, wohin es die meisten Erstbesucher verschlägt. Sie meint den Blumenmarkt in Dadar und den Fischmarkt in der Nähe des Baby Bird Parks, in dem die Frauen der Koli, der alten Fischergemeinde, auf dem Boden hocken, bei einem dampfenden Tee miteinander schwatzen und den Fang des Tages verkaufen. Und den Chor Bazaar, der vor 150 Jahren den Namen „Markt der Diebe“ trug, weil hier gestohlene Waren verkauft wurden.

Wenn die muslimischen Händler freitags ihre Geschäfte schließen, verwandelt sich der Chor Bazaar in einen riesigen Flohmarkt – den Juma Market. Hier werden Dinge verkauft, die eigentlich niemand braucht, wie leere Nutellagläser, mechanische Schreibmaschinen, alte Brillen, Radios und Mobiltelefone, die nicht mehr funktionieren. Frauen wühlen sich durch Schals, Schmuck und Sandalen, während ihre Männer auf einen „Paani Kam Chai“, einen besonders starken Tee, im nächsten Lokal verschwinden. Platzangst darf man keine haben auf dem Juma Market, genauso wenig wie in dem Gassenlabyrinth rings um die Mohammed Ali Road.

Dort sind die Gassen nach Gilde und Kaste beziehungsweise Religion unterteilt. Nach einem Bummel durch die Pyjamagasse und die Haushaltswarengasse und einem Blick in die große Freitagsmoschee an der Mohammed Ali Road geht es weiter zum Crawford Market gegenüber der Polizeihauptwache. In der im britischen Stil erbauten, ältesten Markthalle Mumbais decken sich die Mumbaikar mit frischen Früchten, Gewürzen und allem ein, was man für den Alltag so braucht. Sogar Haustiere kann man hier kaufen.

Mein Tipp: Den Choor Bazar, die Gassen rund um die Mohammed Ali Road und den Crawford Market kann man an einem Nachmittag zu Fuß erkunden. Am besten mit dem Chor Bazaar starten und sich dafür mit dem Taxi an der Mutton Street zwischen SV Patel Road und Moulana Shaukat Ali Road absetzen lassen.

Die „Lebensader“ der Stadt – eine Fahrt mit dem Vorortzug

Genauso wenig aus einem Bollywood-Film wegzudenken wie die Tanzeinlagen ist die obligatorische Szene in einem der Mumbaier Vorortzüge – sei es die Verfolgungsjagd auf dem Zugdach oder das Liebespaar, das sich nach dramatischen Verwicklungen im vollbesetzten Zug wieder trifft. Vielleicht erinnert Ihr Euch auch an die Szene in „Lunchbox“, in der der Kollege von Irrfan Khan im Zug das Gemüse für das Abendessen schnipselt?

Die Vorortzüge in Mumbai sind die Lebensader der Stadt – Tag für Tag transportieren die Züge der Western Line und der Central Line acht Millionen Pendler. Mehrmals war ich schon in Mumbai und jedes Mal habe ich wieder gekniffen. Obwohl jeder sagt, das richtige Mumbai erlebe man nur, wenn man einmal mit einem Zug in die Vororte fährt. Allein der Gedanke machte mir Angst, zu respekteinflößend fand ich die Szenen von überfüllten Zügen, in denen die Menschen auf den Dächern mitfahren und sich in den offenen Türen einhängen.

Bei meinem letzten Besuch in Mumbai wohnte ich in einem der Vororte, in Andheri East. Ich erinnere mich noch genau daran, als ich dachte, jetzt oder nie: Mit feucht-nassen Händen betrete ich den riesigen Bahnhof und suche nach dem Fahrkartenschalter und dem richtigen Bahnsteig. Mein Herz klopft. Dabei war ich schon so oft Zug gefahren in Indien. Tatsächlich muss ich weder auf dem Dach mitfahren noch in einer der offenen Türen stehen. Ich finde sogar noch einen Stehplatz im Frauenabteil.

Ich vergewissere mich, dass ich in einem „Slow Train“ bin, der „Fast Train“ hält nicht überall. Leider bin ich mit meiner Billigfahrkarte versehentlich in der 1. Klasse gelandet und bekomme von der Fahrkartenkontrolleurin prompt ein Strafticket vor die Nase gehalten. An der nächsten Haltestelle steige ich um. In der 2. Klasse ist es deutlich voller. Schulkinder, Frauen mit prall gefüllten Einkaufstaschen, Jugendliche mit Smartphones. Ich stelle fest, dass ich zu spät bin für meine Verabredung und frage die junge Frau neben mir, ob ich kurz ihr Handy benutzen darf. Ich darf, die Mumbaikar sind eben sehr hilfsbereit. Sie gibt mir auch Bescheid, dass die nächste Haltestelle Mahalaxmi ist, wo ich aussteigen muss. Zum Glück ist der Bahnsteig relativ leer, so dass ich die Freundin, mit der ich verabredet bin, ohne Probleme finde. Ich stelle fest: Vorortzugfahren ist aufregend, aber gar nicht schlimm!

Am Abend folge ich dem Strom der Pendler, die von den Büros im Fort-Viertel Richtung Bahnhof Churchgate eilen, vorbei an den kolonialen Gebäuden und dem Oval Maidan, wo Cricket gespielt wird. Als ich in meinen Zug nach Andheri East einsteige, fühle ich mich fast wie ein echter Mumbaikar. Dieses Mal habe ich auch die richtige Fahrkarte und stehe in der richtigen Klasse.

Mein Tipp: Wer zwischen 11.30 und 12.30 Uhr am Bahnhof Churchgate ist, hat gute Karten, die „Dabbawalas“ dabei zu beobachten, wie sie bepackt mit unzähligen Exemplaren der indischen Variante des Henkelmanns aus den Vorortzügen aussteigen, um die Büros mit Essen zu beliefern – wie im Film „Lunchbox“!

Der Banganga Tank in Malabar Hill: Oase der Ruhe

Mumbai gilt als eine der lautesten Städte der Welt. Den unrühmlichen Titel verdankt die Stadt nicht zuletzt den dauerhupenden schwarz-gelben Taxis. Tatsächlich möchte man sich manchmal einfach nur die Ohren zuhalten. Erstaunlicherweise habe ich in Mumbai auch Orte gefunden, an denen die „Sounds of Mumbai“ verstummen. An denen nur die Vögel zirpen, wie im Baby Bird Park in der Nähe des Bahnhofs Central Mumbai, oder vollkommene Stille herrscht, wie am Banganga Tank, einem für die Hindus heiligen Wasserbecken am Fuße des Promiviertels Malabar Hill.

Als ich mit meiner Freundin Priya oberhalb des Walkeshwar Tempels aus dem Taxi steige und wir die verwinkelten, namenlosen Gassen zu dem rechteckigen Wasserbecken hinunterlaufen, habe ich das Gefühl, in eine andere Welt einzutauchen. Eine Welt, die nichts mit dem hektischen, quirligen Mumbai da draußen zu tun hat. Kein Geräusch dringt in unser Ohr, keine Menschenseele begegnet uns. Wir setzen uns auf die Stufen am Rande des Bassins und lauschen der Stille. Priya erzählt mir, dass der Banganga Tank eines der best gehüteten Geheimnisse Mumbais ist. Obwohl das Becken schon seit dem 12. Jahrhundert existiert und das Areal die älteste, dauerhaft bewohnte Gegend Mumbais ist, kennen selbst viele Mumbaikar diese kleine Oase mit den Tempeln, Schreinen, Öllampen und bunt gestrichenen Häusern und Pilgerherbergen nicht.

Für die Hindus ist der Banganga Tank ein spiritueller Ort. Vor allem bei Neu- und Vollmond kommen sie hierher, um das Becken zu umrunden, das soll einen reinigenden Effekt haben. Einmal im Jahr findet hier ein Musikfestival statt. Am späten Nachmittag gehört der Ort den Kindern aus der Nachbarschaft, die in das Wasser springen, um der Hitze zu trotzen. Fans von Coldplay und Beyoncé werden eine solche Szene schon einmal gesehen haben – im Video zu „Hymn for the weekend“, das u.a. am Banganga Tank gedreht wurde.

Dhobi Ghat in Mahalaxmi: der größte Outdoor-Waschsalon der Welt

Wer Mumbai zu Fuß erkundet und durch die Wohn- und Basarviertel schlendert, stellt fest: Das Leben findet draußen statt. Man kann sich auf der Straße die Haare schneiden lassen, sich einer Pediküre unterziehen oder sich sogar tätowieren lassen. Auch gewaschen und gebügelt wird im Freien, wie etwa im Dhobi Ghat, dem größten Outdoor-Waschsalon der Welt. Auf dem Gelände mit den riesigen steinernen Becken, das in Laufnähe des Bahnhofs Mahalaxmi liegt, lassen nicht nur Privatpersonen, sondern auch Hotels, Restaurants und Krankenhäuser ihre Wäsche waschen.

Die Bedingungen sind hart, unter denen die „Dhobis“ arbeiten, wie die rund 5.000 Männer genannt werden, die in Mumbai von Haus zu Haus gehen, um die Wäsche einzusammeln, die sie später in den 800 Becken einweichen, schrubben und spülen und später mit kohlegefüllten Bügeleisen bügeln. In den Schuppen erblicke ich einige Waschmaschinen und Trockner, doch die werden kaum benutzt, das Waschen per Hand ist für die Dhobis lukrativer. Obwohl im Dhobi Ghat jeden Tag Tonnen von Wäsche umgeschlagen werden, geht nichts verloren. So altmodisch das System sein mag, es ist unglaublich effizient und gehört zu Mumbai wie das Gateway of India. Die Dhobis leben übrigens mit ihren Familien auf dem Gelände.

Mein Tipp: Die Wäscher haben nichts dagegen, wenn man ihnen bei der Arbeit zuschaut und auch einen Blick in die angeschlossene Schule wirft, in der die Kinder unterrichtet werden. Am besten besucht man das Dhobi Ghat jedoch mit einem Guide.

Mumbai, die Stadt, die niemals schläft

„Mumbai ist eine Stadt, die niemals schläft. Mumbai vibriert, Tag und Nacht. Ich liebe den Rhythmus der Stadt. Wenn mir das Tempo zuviel wird, setze ich mich einfach ans Meer und beobachte, wie die Wellen brechen.“ – Harsh S. –

Wenn sich die Abenddämmerung wie ein Schleier über die „Bom Bahia“ legt und die Lichter der Stadt angehen, erwacht Mumbai zu neuem Leben. Am Marine Drive flanieren die Liebespärchen, bis zum Chowpatty Beach am nördlichen Ende des Boulevards. An dem bekannteste Strand Mumbais versammeln sich Familien mit Kindern an einem der Essenstände, um Bhel Puri zu essen, eine süß-saure Mahlzeit aus Reis, Zwiebeln, Kartoffeln und einem Chutney aus Tamarinde. Oder einen Vada Pav, die Mumbaier Version eines Burgers. Oder Pani Poori, hellbraune, mit Kartoffeln gefüllte Bällchen, die in eine wässrige Soße getaucht werden.

„Mein Lieblingsort in Mumbai ist der Marine Drive. Hierher komme ich, wenn ich alleine sein möchte und nachdenken muss. Am Marine Drive habe ich schon Tränen vergossen, aber auch viel mit Freunden gelacht.“ – Supriya K. –

Von dem Balkon des Apartmenthauses, auf dem ich mit Harsh und Shekhar stehe und bei einem kalten Bier wieder einmal über ihren Lieblingsfußballverein, den FC Bayern, philosophiere, kann ich zwischen den Hochhäusern den Marine Drive sehen. Wir überlegen, was wir mit dem Abend noch anstellen. Nach Chowpatty, auf einen Snack ins Soam gegenüber des Babulnath Tempels oder auf ein paar Phav Bhaji ins Sukh Sagar? Oder lieber ins Swati in Tardeo? Und danach auf einen Drink ins The Dome, die Dachterrassenbar im The Intercontinental am Marine Drive? Oder lieber ins Aer im Four Seasons in Worli, die höchste Dachterrassenbar Mumbais? Oder fahren wir noch nach Lower Parel, Bandra oder Juchhu, in eines der hippen Restaurants, die man auch in New York finden würde und in denen auch die Bollywoodstars speisen? Ach Mumbai, Du Stadt der unzähligen Möglichkeiten, manchmal überforderst Du mich. Vielleicht mag ich einfach nur schlafen gehen in der Stadt, die niemals schläft.

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