Helsinki: Eine Städtereise ans Meer

Fragt man jemanden aus Helsinki, was er oder sie am meisten vermissen würde in einer anderen Stadt, lautet die Antwort in den meisten Fällen: „Das Meer!“ Kein Wunder, denn die finnische Hauptstadt liegt auf einer felsigen Landzunge und wird auf einer Länge von gut 120 Kilometern von der Ostsee umspült. Damit wird ein Städtetrip nach Helsinki ganz nebenbei zu einem Kurzurlaub am Meer. Das Gute: Von den vielen Oasen mit maritimem Flair ist es nie weiter als ein paar Hundert Meter zum urbanen Helsinki. Bloggerin Alexandra hat die besten Reisetipps für einen Sightseeing Trip in Finnlands Hauptstadt.

Da, wo man mit einem Rentier-Kebap in der Hand zwischen verspielten Jugendstilgebäuden und modernistischen Bauten umherschlendert und auf welligen Museumsdächern Skateboard fahren kann. Wo man nach dem Shoppen minimalistischer Mode einen Yoga-Stopp in der Sauna einlegt, um abends schweren Metal-Sounds in felsigen Kirchen zu lauschen. Müsste ich Helsinki für eine Hitliste der europäischen Hauptstädte mit Attributen vertaggen, kämen nicht nur ganz schön viele, sondern auch ziemlich gegensätzliche zusammen: authentisch, cool, eigenwillig, entspannt, geheimnisvoll, grün, hipsteresk, individuell, lässig, lebendig, lebenswert, liebenswert, lieblich, punkig, minimalistisch, rau, rockig, stylisch, traditionell, trendy, unaufgeregt, unkonventionell. Die finnische Hauptstadt hat einen ganz eigenen Reiz. Der mich nicht nur sehr überrascht, sondern so begeistert hat, dass ich ihr in kurzer Zeit direkt zwei Mal einen Besuch abgestattet habe. Hier meine Tipps für die „Must-Dos und Must-Sees“ in Helsinki!

Das historische Herz von Helsinki: Senatsplatz mit Dom

In Helsinki einen Passanten nach einem Straßennamen zu fragen, ist eine Herausforderung. Finnisch ist eine Zungenbrechersprache. Wie bitte schön spricht man Vuorimiehenkatu aus? Und wie soll man sich Namen wie Tarkk’ampujankatu merken? Dass man sich am Senatsplatz befindet, wenn die Anzeige in der Straßenbahn „Senaatintori“ anzeigt, lässt sich noch recht einfach schlussfolgern. Außerdem erkenne ich durch das Fenster den leuchtend-weißen Dom mit den grünen Kuppeln, das Wahrzeichen Helsinkis.

Auch wenn mich der Typ mit dem Rennrad an der Ampel vor meinem Hostel zunächst ins Hipster-Viertel Kallio schicken wollte, beginne ich meine Erkundungstour im historischen Herzen der Stadt. Und das schlägt am Senatsplatz, der wegen des Doms auch „weißes Herz“ genannt wird. Der Dom mit den grünen Kuppeln und den Apostelfiguren wurde von einem deutschen Architekten entworfen. Ich setze mich auf die obersten Treppenstufen. Von hier hat man einen perfekten Ausblick auf den Platz mit seinen eleganten neoklassizistischen Bauten. Darin befinden sich unter anderem die Nationalbibliothek und das Hauptgebäude der Universität. Einen Bummel durch die kopfsteingepflasterten Gassen des alten Marktviertels unterhalb des Senatsplatzes spare ich mir für später auf. Ich bin neugierig, was es mit dem grünen Turm mit der goldenen Spitze auf sich hat, den ich über den Häuserdächern erspähe.

Sightseeing in Katajanokka: Uspenski-Kathedrale und Hafenmagazine

Der Turm gehört zur Uspenski-Kathedrale, der größten orthodoxen Kirche in Europa und dem deutlichsten Zeichen dafür, dass Finnland längere Zeit unter russischer Herrschaft stand. Mit ihren markanten Kuppeln und der roten Backsteinfassade ist sie neben dem Dom ein fester Bestandteil der Silhouette Helsinkis.

Die Uspenski-Kathedrale liegt auf einer Halbinsel: Katajanokka. Über die Fußgängerbrücke nach Katajanokka zu laufen lohnt sich aus zwei weiteren Gründen. Die backsteinernen Hafenmagazine aus dem 19. Jahrhundert am Fuße der Kirche beherbergen heute Restaurants und Cafés. Hier hat zum Beispiel Johan & Nyström, die beliebteste Kaffeerösterei Helsinkis, eine Filiale. Nachdem man sich im Goodio mit Raw Cake oder im Nokka mit Rentier-Spezialiäten gestärkt hat, sollte man einen Abstecher in die Katajonaknlaituri machen. Hier findet man schöne Jugendstilbauten.

Sightseeing im Design District von Helsinki

Ich schlendere zur Aleksanterinkatu. Ein Blick in die Geschäfte mit Klamotten und Accessoires im unverkennbaren Skandi-Look zeigt: Ich bin im Epizentrum des Design Districts gelandet. Design ist tief in der DNA der Finnen verankert. Design gehört zum Lifestyle, am liebsten minimalistisch und funktional – aber trotzdem besonders. Helsinki ist nicht nur die Heimat von Design-Legende Alvar Aalto, sondern auch die erste Stadt der Welt mit einem Chief Design Officer.

Reisetipp: Flanieren im Jugendstil Hot Spot Helsinkis

Dass Finnland teuer ist, ist leider kein Gerücht. Schweren Herzens shoppe ich nur was bei Marimekko, meinem finnischen Lieblings-Label, das vor allem für seine farbenreiche Musterwelt bekannt ist. Bevor ich Gefahr laufe, die Kreditkarte doch zum Glühen zu bringen, besorge ich mir ein Korvapuusti und tue es den Einheimischen gleich. Ich nutze die warmen Sonnenstrahlen und hocke mich im Esplanadenpark in den Rasen. Korvapuusti heißt übersetzt geschwollene Ohren und ist die finnische Variante der Zimtschnecke. In Finnland wird sie mit Kardamom gegessen. Die Esplanadi ist übrigens eine der Flaniermeilen Helsinkis und ein weiterer Jugendstil-Hot-Spot. Warum sich die leichtbekleideten Figuren an der Häuserfassade gegenüber meines Wiesenplatzes an den Kopf packen, konnte ich leider nicht herausfinden.

Helsinkis Museen: Moderne Kunst und Architektur im Amos Rex

Design zieht sich wie ein roter Faden durch Helsinki, durch Mode und Möbel, durch Kunst und Architektur. Nicht weit von der Esplanadi befindet sich das Museumsviertel von Helsinki mit dem Ateneum, dem Helsinki Art Museum, dem Kiasma und dem Amos Rex, dem Neuzugang unter den Museen in Helsinki. Schon alleine wegen der Architektur lohnt ein Besuch vor allem im Amos Rex.

Das Amos Rex ist in zwei ikonischen Gebäuden aus den 1930ern untergebracht – dem Lasipalatsi, das heißt Glaspalast, und dem Bio Rex Kino. Fast noch spannender als die experimentellen Ausstellungen ist das, was sich auf dem Dach des Museums abspielt, dem Lasipalatsi-Platz. Wo früher einmal ein Busbahnhof war, fügen sich heute fünf unterschiedlich geformte Kuppeln aus weißgestrichenem Stahlbeton zu einer Landschaft aus überdimensionalen Wellen aus Pflastersteinen zusammen. Auf denen rennen Kinder herum, Teenager fahren Skateboard, Anzugträger nippen an einem Glas „Happy Bubbles“ aus dem Ravintola Lasipalatsi Café. Und immer wieder kleben Augenpaare an den wie Bullaugen aussehenden Glasöffnungen, durch die man in das Foyer des unterirdischen Museums gucken kann.

Coole Kirchen Helsinkis: Kamppi-Kapelle der Stille und Felsenkirche

Von meinem Platz auf einer der Kuppeln fällt mein Blick auf ein orangefarbenes, ovales Etwas, das wie eine Mischung aus Vase und Arche aussieht. Ich suche nach einem Eingang und lande in einer Kirche. Der Trubel vom Lasipalatsi-Platz ist von jetzt auf gleich wie weggeblasen. Die Kamppi Chapel of Silence macht ihrem Namen alle Ehre, noch nicht einmal ein Flüstern ist zu hören. Die hölzerne Kapelle, die ebenfalls als Paradebeispiel für modernes finnisches Design gilt, ist nur eine von vielen außergewöhnlichen Kirchen in Helsinki.

Unbedingt besuchen sollte man die Temppeliaukion Kirkko. Hinter diesem unaussprechlichen Namen verbirgt sich eine Felsenkirche im Stadtteil Töölö. Weil die Bewohner sich ihren Felsen nicht für den Bau einer eigenen Kirche wegsprengen lassen wollten, wurde diese kurzerhand in den Felsen geschlagen. Wegen der einzigartigen Akustik finden hier häufig Konzerte statt, manchmal auch Heavy-Metal-Gottesdienste. Denn Helsinki ist die Heavy-Metal-Hauptstadt der Welt mit mehr Heavy-Metal-Bands pro Kopf als jedes andere Land. So mancher finnischer Pfarrer schüttelt gerne in seiner Kutte mal das Haupthaar.

Reisetipp: Punk und Vintage in Kallio

Die graue, massive Art-Nouveau-Granitkirche auf dem Hügel von Kallio ist der Ausgangspunkt für meinen Bummel durch das ehemalige Arbeiterviertel, das heute neben Heavy-Metal- und Punk-Fans auch den Hipstern von Helsinki eine Heimat bietet. Die Grenzen sind da fließend. Ich passiere eine traditionelle, finnische Kneipe, auf deren Terrasse sich langhaarige, etwas in die Jahre gekommene Herren mit schwarzen T-Shirts, schwarzen Lederwesten und vielen Tattoos zum Frühschoppen treffen. Freundlich prosten sie mir mit ihrem Bier zu.

Ich laufe die Fleminginkat entlang, an Schaufenstern mit Aufschriften wie „Punk Shop“ und „Vintage and Second Hand“ und lande schließlich in der Vaasankatu, der Hauptschlagader von Kallio. Hier treffen sich samstags die Einheimischen zum Brunchen. Im Rupla beispielsweise, das Café, Galerie und Interior-Design-Shop in einem ist. Ich lasse mir eine argentinische Empanada im Café Pequeno schmecken und mache es, wie es die Locals machen: Kaffee trinken und Leute beobachten.

„Munkki“ und Lachssuppe: Helsinkis Marktplatz und die Alte Markthalle

Eigentlich brauche ich nicht schon wieder etwas zu essen, doch ein Besuch in Helsinki ist unvollständig, wenn man nicht wenigsten eine Kleinigkeit an einem Kauppatori genascht hat. So heißen in Finnland die Marktplätze. Der bekannteste Marktplatz in Helsinki liegt am Südhafen am Ende der Esplanadi. Eine meiner finnischen Freundinnen in München erzählte mir, dass sie bei jedem Heimatbesuch mindestens einmal herkommt, um in einem der orangenen Zelte einen Blaubeerkuchen zu essen. Der Markt ist auch für seine „Munkki“ berühmt. Das sind gezuckerte Donuts, wegen denen morgens sogar Politiker und Geschäftsleute einen Abstecher hierher machen.

Finnische Köstlichkeiten gibt es auch in der benachbarten Markthalle: Angefangen bei Lachssuppen über Rentier- und Bärenfleischprodukte bis zu Fusion-Snacks wie vietnamesische Banh Mi mit Räucherlachs. Ein solches lasse ich mir draußen auf einer Bank schmecken, ein Fehler, denn das letzte Stück wird mir von einer Möwe im Sturzflug aus der Hand wegstibitzt. Welche Lokale in der 1889 eröffneten Markthalle neben dem Hanoi Vietnam noch zu empfehlen sind: das Story, das Scandiniavia Café und die Suppenküche Soppakeittiö.

Helsinki und das Meer: Cafés mit Seeblick

Man würde es nicht vermuten, aber die Finnen sind nicht nur Heavy-Metal- sondern auch Kaffeeweltmeister. Keine andere Nation der Welt trinkt so viel Kaffee wie die Finnen. Bis zu acht Tassen pro Kopf trinken sie angeblich am Tag. Studien haben ergeben, dass das schwarze Gold die Produktion bestimmter Hormone fördert, die glücklicher und zufriedener machen. Vielleicht einer der Gründe, warum die Finnen nach dem Weltglücksreport von 2018 die glücklichsten Menschen der Welt sind?

Das Glück in Form von Kaffee liegt in Helsinki auf der Straße. An fast jeder Ecke gibt es ein Café, in dem man vor allem Filterkaffee trinkt. Am schönsten ist es, wenn man mit seiner Kaffeetasse am Meer sitzen kann, dazu gibt es in Helsinki mehr als ausreichend Gelegenheiten. Besonders angesagt ist das Café Regatta in einer Bucht in Töölö. In dem kleinen, mit allerlei Krimskrams vollgestopften, roten Bootshaus bekommt man sogar Geld zurück, wenn man eine zweite Tasse bestellt. Nachdem ich schon einen leichten Kaffeerausch verspüre, verspeise ich nur eine ofenfrische Zimtschnecke.

Direkt zweimal war ich im Café Birgitta in Eiranranta, das man nach einem schönen Strandspaziergang erreicht und von dessen Terrasse aus man kilometerweit aufs Meer gucken kann. Zu empfehlen ist hier neben den Kuchen der St. Birgitta Burger. Tipp: Liebhaber außergewöhnlicher Türen und Fassaden machen vom Café Birgitta aus einen Umweg zur Huvilakatu, hier reiht sich ein Jugendstilbau an den nächsten.

Schöne Cafés findet man auch auf den vorgelagerten Inseln. Davon gibt es mehr als 300 im Schärengürtel von Helsinki und mindestens drei davon sind einen Besuch wert: Vallisaari, Suomenlinna und Lonna. Die ehemals militärisch genutzten Inseln erreicht man bequem mit dem Wassertaxi.

Heißes Helsinki: Allas Sea Pool Sauna und Llöly Sauna

Bleibt nur noch eines, um seinen Besuch in Helsinki stilecht zu beschließen: Ab in die Sauna! Vielleicht ungewöhnlich für einen Städtetrip, aber in einem Land, in dem 5,5 Millionen Menschen 3 Millionen Saunen gegenüberstehen, ist das gemeinschaftliche Schwitzen ein Muss, wenn man die finnische Kultur verstehen will. Das kann man am besten, wenn man in eine typische Nachbarschaftssauna geht, die Ende der 1920er Jahre entstanden sind und von denen es noch zwei, drei in Kallio gibt. Hier wird laut geschwatzt, ohne Handtuch sauniert und Bier getrunken.

Wem das zu rustikal ist, der hat die Wahl zwischen zwei neuen, stylischen Saunen – dem Allas Sea Pool und der Löyly Sauna. Beide sind architektonisch echte Hingucker, so dass das Saunieren fast nebensächlich wird. In der Löyly Sauna vergesse ich im durchdesignten Kaminzimmer die Zeit mit dem Schmökern in einem Bildband über die Saunakultur in Finnland. Im Allas Sea Pool drehe ich im 14 Grad kalten Meerwasserbecken eine Abschiedsrunde, bevor ich heimfliegen muss. Während ich tapfer noch eine Bahn und noch eine Bahn schwimme, mein durchgefrorener Körper langsam aufhört zu zittern und mein Blick über den weißen Dom und die Uspenski-Kathedrale schweift, bekomme ich eine ungefähre Ahnung davon, warum die Finnen so glücklich sind.

Koffer schon gepackt? Oder noch mehr Tipps? Wir freuen uns auf deinen Kommentar!