Ein Tag in Beirut: Vom süßen Apfel und lauten Hupen

Die Straßen sind voll. Der Mix aus Schrottautos und aufpolierten Supermodellen hupt im Takt. Ein Unterschied ist nicht zu hören. Im Gegenteil. Es klingt fast nach einem Kanon. Ein wahres Autokonzert. Eines, das zur libanesischen Hauptstadt Beirut einfach dazu gehört. Es passt zu ihr. Es passt zu den schroffen Kontrasten zwischen High-Class-Boutiquen und den von Schusslöchern durchzogenen Gebäuden, wie dem ehemaligen Holiday Inn, das Mitte der Siebziger Jahre im Libanesischen Bürgerkrieg als Deckung für die Scharfschützen diente. Auch passt es zu den Moscheen und Minaretten, die sich an die Kirchen schmiegen, als wäre es die normalste Sache der Welt.

Von der Corniche in die Glitzerwelt Beiruts

Der perfekte Tag in Beirut beginnt an der Corniche, dem Glanzstück dieser Großstadt mit nur knapp 360.000 Einwohnern. Hier zeigt sich das Mittelmeer meist von seiner allerbesten Seite. Die Wellen brechen an den schon abgeschliffenen Pigeon-Felsen oder schwappen leicht über den Felsvorsprung, der direkt von der Promenade abgeht. Die ältere Garde, die sich hier zum sonntäglichen Sonnenbaden trifft, freut sich über die Abkühlung. Sonnentage in Beirut sind häufig und wenn die Sonne scheint, dann scheint sie richtig.

Entlang der Corniche reiht sich ein typisch libanesisches Restaurant an das andere. Der süßliche Geruch nach Apfel und Minze aus den Wasserpfeifen erfüllt die gesamte Uferpromenade. In den Restaurants ist kaum ein Platz zu bekommen an diesem Sonntag. Sie sind voll mit libanesischen Familien, die sich zum Frühstück treffen und vereinzelten Touristen. Das Palace Café ist bei den Libanesen seit Jahren besonders beliebt. Nicht ohne Grund. Selten schmeckte eine Apfel-Wasserpfeife so gut zu Halloumi, frischem Gemüse, libanesischem Joghurt Labneh und starkem Mokka.

Der Weg vom Palace Café führt mitten hinein in die Glitzerwelt Beiruts. Hier liegen die Yachten im Hafen, die Porsches und Ferraris werden sicher geparkt und die Armani- und Gucci-Tüten sicher transportiert: Willkommen in Zaitunay Bay. Eine Luxuswelt, die wie eine Scheinfassade vor Beirut liegt und die versucht das zu verdecken, was Beirut eigentlich ausmacht: Die vielen kleinen Gassen, die alten Gebäude, das Wirrwarr auf den Straßen und die traditionellen Unternehmen, die es durch den Krieg geschafft haben und ihre Traditionen so weiterführen, als wären sie niemals erschüttert worden.

Auf eine Wasserpfeife und ein Falafel-Sandwich nach Hamra

Die Glitzer-Glamour-Welt versinkt schnell im Hintergrund, während das belebte Viertel Hamra immer näher kommt. Hamra besteht zum großen Teil aus einer viel zu engen Hauptstraße, die zu jeder Tages- und Nachtzeit zum Verkehrs-Epizentrum Beiruts wird. Arabische Musikklänge übertönen das Hupen der vielen Autos mit Leichtigkeit. Tagsüber ist Hamra eine Shoppingstraße und der Weg zur Arbeit für die meisten Beiruter zugleich. Doch bereits mittags, zur Pause, wird das Viertel zu einem wahren Boulevard. Dann trifft man sich auf eine schnelle Wasserpfeife, auf einen kleinen, viel zu starken Kaffee an einem der vielen improvisierten Straßenstände oder auf ein echtes Falafel-Sandwich. Das in keiner Art und Weise auch nur ansatzweise mit Falafel von zu Hause in Deutschland zu vergleichen ist. Das Falafel-Sandwich bei Falafel Aboulziz hat Geschmack. Es hat Geschichte. Und es ist so lecker, dass man sich schnell auch mal zwei bestellen kann – liegt es an den Zutaten oder am Ort? Wahrscheinlich an beidem.

Beirut ist nicht nur das Paris des Orients, wie es häufig bezeichnet wird, sondern vor allem auch eine Hauptstadt, die es mit Leichtigkeit schafft, Kontraste der verschiedenen Religionen einzigartig zu vereinen. So wird jeder Spaziergang zu einer wahren Erkundungstour. An jeder Ecke scheint etwas Neues zu warten: ein neuer Geruch, neue Gebäude, neue Namen auf den Schildern, neue Läden.

Die beste Eiscreme der Welt in Mar Mikhael

Von Hamra aus führt die Straße weiter nach Mar Mikhael. Das Viertel gehört zu Achrafieh und ist bereits vor Jahren zum geheimen Zentrum der armenischen Bewohner Beiruts geworden. Heute ist es eine Art Mix aus hippen Cafés, die so auch in Berlin, Hamburg oder München stehen könnten, und alten Traditionsbetrieben. Wenn die Sonne langsam untergeht, Beirut in strahlendem Orange leuchtet und die Muezzine zum Gebet rufen, dann ist in dem kleinen Laden an der Ecke am meisten los. Von außen unscheinbar, von innen wirkt er fast leer, der kleine Eisladen der Mitris. Doch hier verbirgt sich der ganze Schatz der Familie und vor allem eine der besten Eiscremes der Welt. Aufgestapelt werden die bunten Kugeln auf platten Waffeln, die nach nichts schmecken, und das ist auch gut so.

„Der Geschmack des Eis soll nicht verfälscht werden“, erklärt Herr Mitri höchstpersönlich. Und so tischt er auf: Eine Waffel ist die Fruchtige, die andere die Schwere. Das heißt: Auf einer Waffel paart sich Zitrone mit Mango und Rosenwasser, auf der anderen Waffel gesellt sich Schokolade zu Milch und Pistazieneis. Gegessen wird am besten vor dem Laden, denn Sitze gibt es hier keine. Man steht einfach herum. So macht man das hier in Beirut und das ist sowieso die beste Möglichkeit, um das geschäftige Leben da draußen zum Abend hin zu beobachten.

Wenn die Nacht zum Tag wird im Paris des Orients

Die steilen Straßen von Achrafieh führen direkt in das pulsierende Nachtleben von Mar Mikhael. Hier läuft es anders als in Hamra. Die arabische Musik tönt nicht aus den fetten Boxen der aufgemotzten Karren, sondern aus den aufpolierten hippen Läden, die sich gegenseitig die Show stehlen. Es wird englisch gesprochen. Das liegt an den vielen Expats, die hierherkommen, an den Studenten, die an der berühmten American University of Beirut studieren und an den vielen jungen Libanesen, die hier ihren Traum von der eigenen Bar verwirklicht haben. Es sind jene Libanesen, die ihr Beirut lieben und zumeist von Auslandsstudien wiedergekommen sind, um in den von Schusslöchern gezeichneten Gebäuden hippe Bars und Cafés zu eröffnen. Beachtlich, wenn man bedenkt, dass zwischen 13 und 16 Millionen Libanesen außerhalb des Libanons leben.

Die bar- und cafégesäumte Straße von Mar Mikhael in Achrafieh bietet ein Angebot aus Burger-Restaurants, Gin-Bars und traditionellen Läden, die schon von Weitem mit dem sich durch Beirut ziehenden Geruch der Wasserpfeifen locken. Sie sind voll am Abend. Arabische Musik läuft im Hintergrund, die loungigen Sofas sind besetzt mit einem Mix aus libanesischen Familien und Touristen, die gemütlich an der Argileh, so der libanesische Name für eine Wasserpfeife, ziehen und an ihrem Heineken nippen.

Drinnen vermischt sich Arabisch mit Englisch. Draußen hupen die Autos wieder im Kanon. Ein Abend, der anders nicht enden könnte. Ein Abend, der so sehr nach Beirut riecht und klingt, dass er so in dieser Form nur hier passieren kann. In einer Stadt, die so bunt, so anders und so vielfältig ist, dass es sich kaum in Worte fassen lässt. Beirut, Du wunderschöner, einzigartiger Mix aus Religionen, Kulturen und Sprachen – Du bist viel mehr als nur das Paris des Orients.

Bildnachweis Beitragsbild

Mohamed Nanabhay „Beirut-1003811“ via Flickr

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