In der Moskauer Metro: Die Pracht im Schacht

Die Moskauer Metro ist nicht die älteste Untergrundbahn der Welt. Das ist die Londoner Underground, die schon 1869 den Betrieb aufgenommen hat. Sie verfügt auch nicht über das größte Streckennetz. Das findet man in Shanghai mit mehr als 420 Kilometern Gesamtstrecke. Und sie ist auch nicht die mit dem höchsten Verkehrsaufkommen. Das ist Tokio mit deutlich mehr als drei Milliarden Passagieren pro Jahr. Aber eines ist die Moskauer Metro aus meiner Sicht ganz sicher: die prächtigste U-Bahn der Welt!

Die Moskauer Metro als Revolutionsmuseum

Das U-Bahn-System der russischen Hauptstadt wurde 1935 eröffnet. Und so sieht es auch aus: Es feiert die russische Oktoberrevolution und den sowjetischen Kommunismus. Die Metro-Stationen sind gigantische, unterirdische Kathedralen des sozialistischen Realismus, überreich geschmückt mit prächtigen Mosaiken und Ornamenten. Dabei wurde nicht wie heute üblich gefärbtes Glas verwendet. Statt dessen kamen zahlreiche Edel- und Halbedelsteine zum Einsatz und immer wieder auch Naturstein wie Smalte, eine Art intensives Kobaltblau. Dieses kräftige Blau dominiert zum Beispiel die besonders prächtigen Stationen Majakowskaja und Komsomolskaja.

Die meisten Motive der Mosaike und Verzierungen sind der bolschewistischen Heraldik (Wappenkunde) entnommen: Hämmerchen und Sichelchen, Sternchen und kleine Lenin-Portraits finden sich überall an den Decken, Wänden und Säulen und auf den Simsen. Überlebensgroße Bilder erzählen von der Oktoberrevolution und vom „heldenhaften Werk der Werktätigen“.

Die flotten Treppen der Moskauer Metro

Gleichzeitig erzählt die Moskauer Metro von der ungebändigten Fortschrittsgläubigkeit jener Zeit. Die Elektrifizierung und Metropolisierung der Gesellschaft ist nicht nur Gegenstand der revolutionären „Kunst am Bau“, sondern Organisationsprinzip des ganzen Systems „Metro“. Mit der Münchner U-Bahn hat die Moskauer Metro deshalb ungefähr so viel zu tun wie der Don-Kosaken-Chor mit Putin.

Schon die Beförderungsgeschwindigkeit der Rolltreppen übertrifft den bayerischen Stufen-Schlendrian erheblich. In Moskau bewegen sich die Treppen mit bis zu 0,9 Metern pro Sekunde. Innerhalb der EU dürfen Rolltreppen qua EU-Verordnung gar nicht so schnell sein. Der bayerische Gemütsmensch findet bei 0,5 Metern pro Sekunde in München bereits sein Tempolimit.

Jedenfalls erfordert die Nutzung der flotten Moskauer Treppen volle Konzentration des Einzelnen und eine durchdachte Verkehrssteuerung im Ganzen. Damit sich die Schnellläufer – hier materialisiert die Metro einen Kernbegriff aus dem Raumschiff Orion – nicht gegenseitig über den Haufen rennen, sorgt ein Verkehrsleitsystem für Fußgänger für Ordnung. Das beginnt bei getrennten Ein- und Ausgängen an den U-Bahn-Stationen. Durch eine Tür geht man entweder hinein oder hinaus, keinesfalls aber beides. Dies setzt sich fort bei den Laufrichtungsvorgaben am Boden. Die sorgen dafür, dass man sich auf Bahnsteigen bereits einige Meter vor der Abzweigung in einen Nebengang oder Ausgang korrekt „einordnet“. Das heißt: Gehe frühzeitig auf der linken Seite des Bahnsteigs, wenn Du in 50 Metern links umsteigen willst. Machst Du das nicht, kommst Du im Gewühl der Metro-Nutzer nicht mehr zu Deinem Ausgang.

So geht Großstadt

So wundert es nicht, wenn man sich beim Betrachten der wohlsortierten Menschenmassen in der Moskauer Metro in einen Film von Fritz Lang versetzt fühlt: Genau so geht Großstadt!

In den meisten Stationen gibt es drei Fahrtreppen zwischen Eingangshalle und Bahnsteig. Eine Treppe führt nach unten, eine nach oben und eine wird je nach Verkehrsaufkommen entweder aufwärts oder abwärts geschaltet. In Anbetracht der scheinbar unendlich langen Treppen geschieht dies nicht automatisch, sondern von Hand eines verantwortungsbewussten Rolltreppenführers. Ein solcher sitzt mit strengem Blick in einer Kabine am Fuße jeder Rolltreppenanlage und sorgt hausmeisterlich für Ordnung im steten Auf und Ab. Schließlich sind einige der Moskauer Metro-Treppen länger als 100 Meter. In der Station Park Pobedy (Siegespark) befinden sich die vier längsten ununterbrochenen Rolltreppen der Welt: Sie messen jeweils 126 Meter. Zum Vergleich: Die längste Rolltreppe in München befindet sich am Karlsplatz und ist gerade mal 57 Meter lang. Ein Treppenwitz.

 

Добро пожаловать в Москву

Was soll dieser Artikel hier eigentlich? Was redet der Mensch über die Moskauer Metro, über Hämmerchen und Sichelchen und rasende Treppen? Ganz einfach: Ich rate Euch nachdrücklich zu einem Besuch Moskaus. Und wer in Moskau ist, der plane einen Tag für die Besichtigung der Metro und ihrer 200 Stationen auf 330 Kilometern. Fotografieren ist übrigens erlaubt – aber nur ohne Stativ, der zügigen Verkehrsabwicklung zuliebe. Einfach ein Ticket für 32 Rubel lösen, das sind umgerechnet etwa 44 Cent (Stand: August 2016), und abtauchen in die Paläste der Revolution. Dass dem Kommunismus Utopie und immer auch etwas Unterirdisches eigen ist – nirgendwo kann man es besser erleben. Und schneller als mit dem Taxi kommt man in Moskau mit der Metro allemal durch die Stadt.

Nicht nur Schwaben wissen (seit „Stuttgart 21„), wie schwierig es ist, Bahnhöfe in den Untergrund zu verlegen. Wie es geht, haben uns die Russen vor gut 80 Jahren vorgemacht. Mit Pracht im Schacht.

Moskau-Tipp: Die drei schönsten U-Bahnhöfe

Komsomolskaja

Viele halten die Station Komsomolskaja für den schönsten Moskauer U-Bahnhof. Sie wurde nach den Nachwuchskommunisten, den Komsomolzen, benannt. Besonders bemerkenswert sind die Gewölbe, auf denen Basreliefe (das sind besonders flächige Reliefe) zu sehen sind. Im Zentrum stehen acht Bilder aus Smalte, die über russische Schlachten und natürlich Siege berichten.

Kiewskaja

Die Kiewskaja ist der Weizenbahnhof Moskaus. Münchner U-Bahnfahrer sollten dabei nicht an die Schneider Weisse denken, sondern an Weizen als Symbol der landwirtschaftlich geprägten Ukraine, deren Hauptstadt das namensgebende Kiew ist. Auf einer der Bilderwände ist ein trubeliges Volksfest abgebildet, das die Wiedervereinigung von Russland und der Ukraine feiert. Ja – ein Besuch der Moskauer Metro ist wie ein Geschichtsbuch der untergegangenen Sowjetunion. Unten lebt fort, was oben längst vergangen ist.

Majakowskaja

Mein Lieblingsbahnhof ist die Majakowskaja, nicht nur weil ich den Dichter sehr schätze, der Namenspatron dieser Station ist. Das Design dieses Bahnhofs wurde auf der Weltausstellung 1938 ausgezeichnet – ausgerechnet in der Metropole des Kapitals, in New York. Im Gegensatz zu den meisten anderen klassischen Stationen wurde die Majakowskaja im Stil des Futurismus gestaltet. Auch die Symbolik der Reliefs unterscheidet die Majakowskja markant von der Komsomolskaja und der Kiewskaja. Hier gibt es keine Schlachten, sondern einen Bilderzyklus zum Thema „24 Stunden des sowjetischen Landes“. Da feiern Flugzeuge den technischen Fortschritt, da blühen schwer behangene Apfelbäume, gestählte Turner ertüchtigen ihre gesunden Körper. Der Bahnhof feiert die Menschen, nicht die Generäle. Der Bahnhof Majakowskaja entstand vor den Bahnhöfen Komsomolskaja und Kiewskaja. Vielleicht hat er deshalb noch nicht so sehr unter dem Diktat der stalinistischen Kulturdiktatur leiden müssen. Hier gibt es noch naive Hoffnung und prächtige Träume.

5 Kommentare

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  4. Kleiner Tipp: Unsere Mit-Bloggerin Elisa Lorenz hat auf justtravelous.com vor einiger Zeit ebenfalls über einen Trip durch den Moskauer Untergrund berichtet. Sie war zum Teil an den gleichen Ecken ins Staunen verfallen. Unbedingt lesenswert: http://www.justtravelous.com/2015/06/die-5-schoensten-stationen-der-moskauer-metro.

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