Cape Breton in Nova Scotia: Wo Berge auf Meer treffen

Ich muss zugeben, bei kanadischer Wildnis dachte ich bisher immer zuerst an British Columbia. Doch ob Weißkopfseeadler, Schwarzbären oder Elche – sie alle findet man auch im kleinen Nova Scotia, Kanadas südöstlicher Küstenprovinz, die ich im Zuge eines Roadtrips von Halifax aus erkunde. Ein guter Ort für Wildbeobachtung ist die Insel Cape Breton, die mit ihrer felsigen Küste, den Bergen, den Hochebenen und dem hügeligen Grasland Naturliebhaber anzieht. Es dauert auch nicht lange, bis ich bei meiner Wanderung auf dem 9 Kilometer langen Skyline Trail gleich drei Elche sichte.

Cabot Trail – Unterwegs auf der szenischen Küstenstraße

Dann ist da mit dem Cabot Trail noch die weltbekannte Panoramastraße, die mit Superlativen nur so aufwartet – ob „Most scenic drive“ oder „World’s greatest road trip“. Spektakulär windet sich diese an den Steilküsten des Atlantiks hinter Cheticamp entlang, steigt sanft durch das Cape Breton Highland auf und ab und umrundet auf 300 Kilometern die Nordhälfte der Insel.

In der beliebten Ortschaft Cheticamp halte ich an, um mich im liebevoll gestalteten Café der kleinen Sunset Art Gallery + Café am Ortsrand bei einem Kaffee am kleinen Teich auf den schönsten Teil des Roadtrips einzustimmen. Im Informationszentrum erhalte ich eine Karte mit den Trails des Parks. Dann bin ich zurück auf der Straße, die einmal die steilen, tiefgrünen Berge bei Grande Falaise durchschneidet und dahinter den Blick auf die Küste und den Pillar Rock freigibt. Cape Breton ist dort, wo die Berge auf das Meer treffen – das macht den besonderen Reiz dieser Strecke aus.

Dort, wo sich der 455 Meter hohe French Mountain auftut, sehe ich kleine farbige Punkte auf dem Bergrücken. Hier muss er sein, der 9 Kilometer lange Skyline Trail-Rundweg, der in 2,5 Stunden zu Aussichtspunkten an der spektakulären Westküste führt. Von der Aussichtsplattform, die man über einen hölzernen Plankenweg erreicht, kann man häufig Wale beobachten.

Bessere Chancen, Wale zu beobachten, bieten die Whale Watching Touren von Captain Mark’s Whale and Seal Cruise im benachbarten Pleasant Bay. Leider habe ich einen stürmischen Tag erwischt und wir können aus Sicherheitsgründen nicht in See stechen.

Kanadischer Whisky nach schottischer Tradition

Ganz in der Tradition der Einwanderer, die diesem Landstrich den Namen Nova Scotia gaben, hat sich auf Cape Breton 1989 der kanadische Geschäftsmann Bruce Jardin einen Traum erfüllt. Unter idealen klimatischen Bedingungen stellt er aus dem sauberen Wasser der Glenora Falls den Single Malt Whisky namens Glen Breton in seiner Destillerie Glenora her. Damit war er der erste und einzige auf dem nordamerikanischen Kontinent, der dies wagte. In stündlich stattfindenden Führungen erhält man einen Einblick in die Whisky-Produktion – vom Malting bis zur Fasslagerung. Natürlich endet die Führung mit der Verkostung eines zehnjährigen Single Malt.

Alexander Graham Bell – der Erfinder auf Cape Breton

Auch an dem aus Schottland stammenden Erfinder Alexander Graham Bell, der einen Großteil seines Lebens auf der Insel verbrachte und hier viele seiner Erfindungen vom Telefon bis zum Tragflächenboot gemacht hat, kommt man auf Cape Breton nicht vorbei. In Baddeck lerne ich im Museum Alexander Graham Bell National Historic Site mehr über sein Leben sowie seine zum Teil skurrilen Erfindungen.

Ceilidhs – ein Stück schottische Kultur

Cape Breton blickt stolz auf seine schottische Vergangenheit zurück und lässt diese in zig Gemeindesälen und Pubs aufleben. Das kulturelle Erbe der schottischen Siedler, die seit 1773 auf die Insel kamen, zieht sich durch jede Ader der Insel und spiegelt sich am besten bei den Ceilidhs sowie in der keltischen Musik und im Stepptanz wider. Nach diesen Ceilidhs, die eigentlich Party oder Besuch bedeuten, wurde sogar ein eigener Trail benannt – der Ceilidh Trail. Judique ist ein Ort, der sich für einen Lunch-Stop anbietet, bei dem man im Celtic Music Interpretive Centre auf beschwingte Weise von professionellen Musikern in die herzzerreißende Musik eingeführt wird. „Tha an ceòl beò a ‘seo.“ – „Die Musik lebt hier.“, heißt es auf einem Schild. Mit Fiddle und Keyboard ist man mittendrin in der schottischen Tradition, gälischen Folklore und am Geburtsort der keltischen Musik in Nordamerika.

Nicht weniger begeistert lauschen die Besucher des Blas Math Lunchtime Ceilidh im 1938 gegründeten Gaelic College of Arts & Crafts an der St. Ann’s Bucht den Musikern. Reverend A.W.R. MacKenzie hat dieses College für Jung und Alt zur Erhaltung der gälischen Sprache und der keltischen Kunst und Kultur geschaffen. Aus einer kleinen Hütte ist heute eine angesehene Schule entstanden, die internationalen Ruf genießt und Schüler aus der ganzen Welt anzieht. Mittags wird auch hier zu einem Lunch-Menü musiziert und getanzt.

Mit dem Kajak die St. Ann’s Bucht erkunden

Ich halte in der St. Ann’s Bucht, nicht nur wegen des kulturellen Programms. Bei der presbyterianischen Kirche von North River biege ich in einen unbefestigten Weg ein – bis ich nach 3 Kilometern das Holzhäuschen von North River Kayak Tours entdecke. Angelo Spinazzola, der sympathische Besitzer, begrüßt mich gleich am Auto. Mit ihm und seinen Kollegen begebe ich mich aufs Meer und erkunde bei einer dreistündigen Tour die Bucht im Kajak.

Das Schöne ist, dass wir neun Teilnehmer nicht starrsinnig vor uns hin paddeln, sondern uns alle angeregt unterhalten. Begeistert begeben wir uns auf die Suche nach Adlernesten in den sanft aufsteigenden, bewaldeten Uferstreifen. Aus dem Wald erkennen wir schon von weitem die Umrisse einer Ruine, die laut Angelo einmal eine Mühle war. Nach einer Stunde halten wir an einem steinigen Strandabschnitt, hinter dem sich ein kleiner Wasserfall verbirgt. Während wir uns durch das Gestrüpp arbeiten, bereiten die Jungs ein kleines Picknick mit Tee und selbstgebackenem Banana Bread mit Rhabarberaufstrich für uns vor. Das auf der Hinfahrt noch ruhige Gewässer kräuselt sich auf dem Rückweg und erfordert mehr Kraft. Als wir wieder den Holzsteg der Kanu-Basis erreichen, greift Angelo zu seiner Gitarre und verabschiedet uns mit seiner zweiten großen Leidenschaft, der Musik.

Die einsamen Fischerdörfer von Cape Breton Island

Auf meinem Weg über Cape Breton finde ich malerische Ortschaften mit bunten Häuserfassaden, szenischen Häfen und strahlenden Leuchttürmen. Etwas unwirtlich liegt da bei meiner abendlichen Ankunft der kleine Hafen am Margaree River in Belle Côte mit seinen aufgestapelten Fischreusen und geknäulten Fangnetzen unter einer dunklen Gewitterfront. Der Wind schaukelt die Fischer- und Segelboote hin und her und erzeugt ein unrhythmisches Quietschen. Der Regen peitscht an die Scheibe des Dining Rooms des Island Sunset Resorts, das sich auf einer Anhöhe befindet und einen wunderschönen Meerblick bietet. Was eben noch leuchtete, verschwimmt zu einer grauen Masse unter dem stetigen Pfeifen des Windes. So sehen sicherlich die Herbstmonate aus. Im Sommer reizen das angenehmen Klima und die Ruhe, doch im Herbst und Winter kann es ungemütlich werden, meint die junge Kellnerin.

Als ich den Norden des Cape Breton Highland National Parks erreiche, verweile ich kurz im beschaulichen Neils Harbour. Auf einer Wiese neben dem Leuchtturm lasse ich einfach nur meinen Blick über die malerische Bucht schweifen. Hinter mir sitzen ein paar Touristen in dem kleinen Fischrestaurant The Chowder House, der Duft des Essens dringt bis zu mir hinüber.

Und dann erreiche ich Ingonish Beach, wo die 5 Kilometer lange, felsige Landzunge Middle Head ins Meer ragt. Von meinem Zimmer in der Keltic Lodge blicke ich auf die gegenüberliegende Steilküste, die die Abendsonne mit einem sanften Orangeton überzieht. Darunter liegt ein Strand, an dem sich ein paar Gäste zum Sonnenuntergang eingefunden haben. Auf einem Schild vor dem Haus lese ich, Cape Breton sei Nahrung für die Seele, Trost für das Herz, Inspiration für den Geist. Ich ergänze: Hier finde ich das, was im Alltag zu kurz kommt.

In einem zweiten Artikel berichtet Madlen über ihre Tour entlang der berühmten Leuchtturm-Route.

Mehr zur Reise durch Nova Scotia findest Du auch auf Madlens Blog puriy.

Die Reise wurde mit freundlicher Unterstützung von Condor und Tourism Nova Scotia ermöglicht.

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