Buchtipp: Anika Landsteiners „Gehen, um zu bleiben“

Reisen ist die Herzensangelegenheit von Anika Landsteiner. Seit kurzem gibt es die Beobachtungen der Bloggerin auch als Buch. „Gehen um zu bleiben“ vereint 15 Geschichten aus 15 Ländern, in denen sie der einen Frage nachspürt: Wie weit muss man fahren, um irgendwann anzukommen? Anika im Interview mit Travellers Insight.

Mit 14 Jahren reiste Anika Landsteiner das erste Mal nach New York. Seitdem ist Reisen ihre Herzensangelegenheit, die sie an aufregende Orte rund um den Globus führt, bisher von Indien und den Oman über Benin und Malawi bis nach Kolumbien und China. Über ihre Reiseerlebnisse schreibt Anika auf ihrem Blog Ani denkt, seit kurzem gibt es ihre Beobachtungen und Gedanken zum Reisen auch als Buch. „Gehen, um zu bleiben. Wie ich in die Welt zog, um bei mir anzukommen.“ vereint 15 einfühlsam erzählte Geschichten aus 15 Ländern, in denen die Autorin der einen zentralen Frage nachspürt: Wie weit muss man fahren, um irgendwann einmal anzukommen? Alexandra von der Travellers Insight Redaktion traf Anika in einem Münchner Café und erfuhr, was es damit auf sich hat.

Die Geschichten in Deinem Buch sind sehr persönlich, zum Teil ein richtiger „Seelenstriptease“. Dich literarisch so zu öffnen – ist das eine Art Therapie?

Anika: Ich glaube, Schreiben ist grundsätzlich eine Form von Therapie, ohne dass der Schreibende es zwangsläufig merkt. Auf die ersten drei Geschichten des Buchs, in denen ich mich sehr öffne, trifft das allerdings nicht ganz zu. Das, was ich dort erlebt habe, ist sehr lange her. Zum Zeitpunkt des Schreibens hatte ich alles verarbeitet, es tat nichts mehr weh. Deswegen hat es auch so gut funktioniert mit dem „Seelenstriptease“. Bei aktuelleren Erlebnissen hätte ich es mir sehr genau überlegt. Beim Kapitel „Warum Paris ein launischer, arroganter Lover ist“ hatte ich zunächst Sorge, so persönlich zu werden, nicht zuletzt, weil es hier auch um Religion geht. Ich hatte die Geschichte jedoch vorher in einer kürzeren Fassung auf dem Blog veröffentlicht und sehr viel positive Rückmeldung zu dieser Art des persönlichen Schreibens bekommen.

Freiheit, Vorurteile, Scheitern, Enttäuschung, Wut, Grenzen – die Kapitel im Buch stehen alle unter einem bestimmten Thema. Wo hast Du die absolute Freiheit gespürt? Was machst Du, wenn Du auf Reisen an Deine Grenzen stößt? Bist Du manchmal enttäuscht auf Reisen?

Anika: Das Gefühl von absoluter Freiheit hatte ich letzten Herbst auf Lombok. Wir sind auf einen Hügel gestiegen. Von oben sahen wir die Menschen, zweihundert oder dreihundert, die am Strand auf den Sonnenuntergang warteten. Man hat ganz weit in die Ferne sehen können, enorme Wellen rollten heran, einfach wunderschön. Da kann man gar nichts anderes als Freiheit spüren. Wenn ich auf Reisen an meine Grenzen stoße, heule ich erst einmal. Ich bin sehr nah am Wasser gebaut und wenn ich das Gefühl habe, dass mir alles zu viel wird, weine ich und danach geht es mir besser. Meistens merkt man dann, es ist alles gar nicht so schlimm, wie man dachte. Zur Frage nach Enttäuschungen auf Reisen: Man hört inzwischen immer häufiger, wie enttäuscht viele Reisende sind, wenn sie eine bekannte Sehenswürdigkeit besuchen und dann feststellen, dass tausend andere Leute mit dabeistehen. Ich finde den Fakt, dass man nicht allein dort ist, gar nicht so schlimm. Wenn man selber reist, kann man es anderen nicht absprechen, auch dahin zu wollen. Deswegen bin ich eigentlich relativ selten enttäuscht auf Reisen. Entweder finde ich ein Land toll, oder es ist einfach nur ganz anders, als ich es mir vorgestellt habe.

Du schreibst „Ich gehe, um irgendwann einmal irgendwo bleiben zu können.“ Hast Du als jemand, der gerne reist, Hoffnung, irgendwann anzukommen? Wie lange wirst Du suchen?

Anika: Ich werde wohl nie aufhören zu suchen. Ich reise nicht so wahnsinnig viel und schnell. Daher wird es bis an mein Lebensende Ziele geben, auch wenn die Welt gar nicht so groß ist, wie wir denken. Tatsächlich bin ich auch ein Stück weit angekommen, sonst wäre ich nicht schon seit zehn Jahren in München. Andererseits habe ich manchmal große Lust, die Zelte abzubrechen und mal für länger woanders hinzugehen, nach Indien oder Kalifornien. Ich glaube, das ist eine „never-ending story“!

In Deinen Geschichten geht es um Fernweh, aber auch um Heimweh und Heimat. Was ist für Dich Heimat?

Anika: Für mich hat Heimat verschiedene Aspekte. Heimat ist einmal das, wo ich aufgewachsen bin und wo meine Eltern wohnen. Das andere Stück Heimat ist München, einfach aus einer Gewohnheit heraus. Dann gibt es Orte, wo ich ankomme und das Gefühl habe heimzukommen, zum Beispiel, weil ich es gut kenne oder weil ich mich so verbunden mit dem Ort fühle. So ein Gefühl würde sich einstellen, wenn ich nach Malawi zurückkehren würde, da ich dort ein paar Monate gelebt habe und die Zeit sehr intensiv war. Auch in Indien hatte ich bei meinem zweiten Besuch ein solches Heimatgefühl.

Du hast eine Playlist zum Buch erstellt mit Songs von Pink Floyd, Bob Dylan und Joe Cocker. Wie kommt es, dass so viele Lieder aus der Generation Deiner Eltern dabei sind?

Anika: Ich bin im Probenraum meines Vaters aufgewachsen, der in einer Big Band gespielt hat. Dadurch war Musik immer ganz wichtig. Er hat mir das Singen beigebracht, wir haben immer gemeinsam „I got you babe“ von Sunny & Cher gesungen. Ich höre heute immer noch wahnsinnig viel Musik, auch Pop, Electro und viel Jazz, aber wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich nur Musik dieser Generation hören. Ich war auch auf dem Aerosmith-Konzert dieses Jahr und habe Karten für die Rolling Stones. Das sind übrigens auch alles perfekte Roadtripsongs.

Du hast schon einige Länder abseits der gängigen Touristenrouten besucht, wie Malawi und Benin. Welche außergewöhnlichen Destinationen reizen Dich und warum?

Anika: Vor allem Ghana und Senegal. Diese Destinationen sind sehr im Kommen. Gerade Ghana soll wunderschöne, kilometerlange Strände haben. Ich stehe total auf exotische Ziele und würde unglaublich gerne nach Papua-Neuguinea. Und nach Tahiti. Was man sich alles nicht leisten kann. Ich glaube, das sind Ziele, die uns noch länger erhalten bleiben, weil es hier noch keinen oder weniger Massentourismus gibt.

Insbesondere Afrika und der indische Subkontinent scheinen es Dir angetan zu haben, zwei nicht gerade „einfache“ Reiseziele. Wie kommt das?

Anika: Afrika ist anstrengend, ohne Frage. Nach Benin und Malawi bin ich durch eine Hilfsorganisation gekommen. Oder besser gesagt, hineingestolpert, denn ohne die Projekte meines Freundes wäre ich wahrscheinlich nicht dort gelandet. Bei Indien war es anders. Ich hatte das Gefühl, noch nichts anderes auf der Welt abseits von Europa und den USA gesehen zu haben. Ich dachte mir, da nehme ich doch das Land, das wahrscheinlich am verrücktesten ist, das wird schon Indien sein. So war es dann auch. Deshalb war Indien auch die erste Geschichte, die auf meinem Blog erschienen ist.

In einem Kapitel geht es um „unfreiwillig Urlaub machen“. Was ist für Dich Urlaub? Machst Du überhaupt noch Urlaub im klassischen Sinne? Nimmst Du Dir „Urlaub vom Reisen“ im Sinne von Kopf freimachen und nicht ans Schreiben denken?

Anika: Ich nehme es mir immer wieder vor und dann mache ich es doch nicht. Was für mich Urlaub ist? Ich habe keine Ahnung mehr. Vielleicht komplett alles loszulassen. Und das fällt mir schwer. Auch als jemand, der viel auf Social Media unterwegs ist, zum Beispiel auf Instagram, wo man ja gerne von unterwegs ein schönes Foto postet. Ich weiß nicht, ob man da noch eine Linie ziehen kann. Urlaub im klassischen Sinne mache ich tatsächlich nicht mehr. Obwohl ich super gerne einfach mal eine Woche nach Ägypten fliegen würde, in ein Hotel mit Vollpension, und schauen möchte, ob es funktioniert. Meistens schreibe ich tatsächlich über alle meine Reisen, einfach, weil es Spaß macht.

Wohin gehen weitere Reisen und werden daraus weitere Bücher entstehen?

Anika: Im November geht es erst einmal nach Costa Rica. Ich möchte außerdem unbedingt überwintern und nach Weihnachten für längere Zeit in die Wärme. Wohin weiß ich noch nicht. Ich habe gerade meinen ersten Roman geschrieben und möchte auf jeden Fall weitere Bücher schreiben, sowohl Belletristik als auch Sachbücher, diese mit einem emotionalen Dreh. Reisen wird immer hineinspielen. Ebenso das Thema Nachhaltigkeit.

Stichwort Kreuzfahrt und Club-Urlaub: Was möchtest Du Urlaubern mit auf den Weg geben, die diese „pauschalisierte“ Art des Reisens bevorzugen?

Anika: Früher hatte ich ehrlich gesagt ein ziemliches Problem mit dieser Art des Reisens, weil ich immer dachte, „die wollen ja nichts sehen“. Heute kann ich es absolut verstehen, dass jemand mit einer 60-Stunden-Woche nicht unbedingt den Wunsch hat, durch Costa Rica zu stapfen oder in einem Daladala durch Malawi zu fahren und stattdessen eine bequemere Art des Urlaubs wählt. Was ich dazu gerne mitgeben würde: Trotzdem bewusst reisen. Die Augen offenhalten, keinen Müll herumliegen lassen, nicht alles pauschal machen oder nicht immer in großen Hotelketten unterkommen. Vielleicht alternativ ein Ökohotel aussuchen, das auch nicht teurer ist als eine 5-Sterne-Anlage, aber auf Umweltbewusstsein Wert legt und sich diesbezüglich engagiert.

Was fällt Dir ein, wenn Du an „Flughafen“ denkst? Was magst Du besonders beim Abfliegen zu einer neuen Destination?

Anika: Ich liebe Flughäfen! Ich muss ganz oft an die Eingangssequenz und die letzte Szene im Film „Tatsächlich Liebe“ denken. Flughäfen stehen für mich für Familie und Liebe. Als mein Hund noch lebte, stand meine Mutter mit dem Hund und einem Schild am Gate, so was ist einfach herzergreifend und schön. Ich bin gerne und lange am Flughafen. Beim Abfliegen ist da vor allem die Vorfreude, dieses Kribbeln.

Vielen Dank an Anika für das Gespräch zu unserem Buchtipp und die spannenden Einblicke. Mehr über Anikas Reisen könnt Ihr auch auf Travellers Insight nachlesen.

Zuhause in München war Anika kürzlich am Flughafen, um den Reisegeschichten anderer zu lauschen:

 

Fotonachweise: Anika Landsteiner und Deniz Ispaylar

2 Kommentare

  1. Das ist ein tolles Interview, das Buch habe ich mir bestellt und bin schon sehr neugierig auf die Geschichten!

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