Wandern in Brasilien: Rio ist mehr als Samba und Fußball

Wenn man an Brasilien oder Rio denkt, dann denkt man zuerst an weiße Traumstrände, Caipirinha, Samba, Karneval und Pelé. Brasilien geht aber auch ganz anders. Neben allen möglichen Wassersportarten an der fast 7.500 Kilometer langen Atlantikküste kann man in Brasilien hervorragend wandern. Besonders Rio de Janeiro, die Cidade Maravilhosa, hat in diesem Bereich einiges zu bieten.

Wer die Ausmaße von Rio de Janeiro und vor allen Dingen die Ausblicke auf diese zauberhafte Stadt erleben will, muss nach oben. Das geht faul mit dem Helikopter, abenteuerlich beim Paragliden oder eben per pedes auf einen der vielen Granithügel, die das Landschaftsbild der Stadt prägen. Zwei dieser Hügel kennt jeder: zum einen den Corcovado, auf dem die berühmte Christusstatue steht, zum anderen den Zuckerhut. Natürlich kommt man auch mit Tram, Bus oder Seilbahn hoch, aber das kann ja jeder. Bergziegen gehen zu Fuß!

Also los – Christus, wir kommen!

Startpunkt für den Trail hoch zum Cristo, der auf 710 Metern liegt, ist der traumhafte Parque Lage. Da Rios Bussystem nicht ganz leicht zu durchschauen ist, haben wir Uber gewählt, ein perfektes Fortbewegungsmittel und eine günstige Alternative zum Taxi. Stärken kann man sich noch im wunderschönen Plage Café, kurz bevor es auf den Trail geht, für den man übrigens keinen Guide braucht.

Christus hüllt sich zu dem Zeitpunkt noch in Schweigen beziehungsweise in Wolken, aber genau da wollten wir hoch. Der Weg zum Trail ist nicht ganz leicht zu finden. Geht man rechts am Plage Café vorbei, findet man ein kleines, verstecktes Schild, das den Weg zur berühmten Statue weist.

Und schon hier sind wir verzaubert: Rio ist grün, überall, die Stadt liegt mitten im Tijuca-Nationalpark. Palmen und Bäume, mehr als 100 Jahre alt, prägen das gesamte Stadtbild. Es ist Urwald – in der ursprünglichsten Bedeutung des Wortes. Noch schnell bei den Parkwächtern registrieren und los geht es.

Der Aufstieg auf den Corcovado ist nicht sonderlich schwierig, aber auch kein Spaziergang. Immerhin überwindet man 710 Höhenmeter auf nur 2,5 Kilometern Länge und die Wege sind nicht ganz klassisch. Es geht über Stock und Stein und Wurzeln. Hin und wieder geht es rechts oder links steil nach unten. An einigen Stücken geht es definitiv auch einfach nur steil nach oben – und das bei 35 Grad im Schatten und einer nicht zu vernachlässigenden hohen Luftfeuchtigkeit.

Wichtig zu wissen ist, dass man an einer Stelle des Trails nur mit Hilfe eines in den Berg gelassenen Stahlseils und ein paar Metallstufen weiterkommt. Hier ist etwas Kletterei angesagt, was sicherlich nicht immer elegant aussieht, dafür aber Spaß macht und die Herausforderung wachsen lässt. Außerdem sind wir uns sicher, dass wir am Ende mit einem spektakulären Ausblick und, noch viel wichtiger, einem guten Gefühl des „Ihr-fahrt-alle-mit-dem-Bus-da-hoch-und-wir-haben-es-uns-selbst-erarbeitet“ belohnt werden würden. Bis dahin müssen wir aber noch etwas ackern.

Am Ende war es aber gar nicht so schlimm wie befürchtet und 1,5 Stunden nach der Registrierung im Parkhäuschen waren wir schon oben angekommen, bei Christus, einem der sieben Weltwunder der Neuzeit. Und so schön ist er, so wunderschön.

Schmerzende Beine, nassgeschwitzt und stolz wie Bolle!

Der Blick auf Rio hat uns den Atem verschlagen. Zu Recht wird diese Stadt „City of God“ genannt – es ist einfach der Wahnsinn und jeder, der es körperlich kann, sollte den Corcovado zu Fuß erklimmen. Das Gefühl ist unbeschreiblich und zudem sind die Alternativen leider überlaufen vom Massentourismus. Hunderte von Bussen rollen hintereinander zum Eingang hoch und auch oben ist das Gedränge groß. Zudem ist die Wandervariante die mit Abstand günstigste, da man oben angekommen nur den Eintrittspreis zum Cristo zahlt. Zum Zeitpunkt unseres Besuchs lag dieser bei 36 Real, was etwa 11 Euro entspricht.

Wir haben übrigens einen Fehler gemacht und sind die Straße zurück Richtung Stadt gelaufen anstatt den Wanderweg zurück zu nehmen. Der Weg an der Straße entlang zieht sich ewig hin, ist nicht schön, führt direkt an einer Favela vorbei und dauert einfach lange. Am Ende haben wir ein Taxi angehalten und sind damit zurück nach Copacabana gefahren. Ihr solltet in jedem Fall den Trail, einen Touristen-Van oder die Tram zurück nehmen. Dennoch erhaschen wir auch von hier noch einmal einen tollen Blick auf unseren Cristo Redentor, der zuverlässig während unseres Rio-Besuchs über uns gewacht hat.

Wer noch nicht genug hat, erklimmt den Pedra da Gavea

Zugegeben – zwei Tage hintereinander auf Berge zu klettern ist schon aus trainingstechnischer Sicht Humbug. Der Pedra da Gavea hat zudem den Ruf, mit seinen 844 Höhenmetern eine echte Herausforderung zu sein. Diese wird mit einer unfassbaren Sicht auf Rio mit den Buchten, Stränden und Wäldern belohnt – die perfekte Kombination für uns wanderbegeisterte Bergziegen. Und wir hatten wenig Zeit, also ging es am Folgetag des Corcovado-Besuches auf den nächsten Granitfelsen: Auf den Pedra da Gavea. Und hier sei gesagt: Diese Tour empfehlen wir nur mit einem Guide. Es geht auch ohne, aber ich persönlich wäre ohne Sicherung an einigen Stücken nicht weitergekommen und schon gar nicht wieder herunter gekommen. Zudem halte es nicht nur für verrückt, sondern für unvernünftig, sich dort ohne doppelten Boden hoch oder herunter zu bewegen.

Somit ging es mit unserem Guide Hugo von Rio Adventures um 7 Uhr los – erneut mit einem Uber-Fahrer, definitiv die beste Wahl in Rio. Am Fuße des Berges angekommen, nannte uns Hugo zwei Aufstiegsalternativen: schwer, steil und lang oder noch schwerer, noch steiler und noch länger, aber dafür nicht derselbe Weg hin und zurück. Ich verrate es vorab: Ich glaube nicht, dass eine der Varianten leichter als die andere ist. Sie sind einfach unterschiedlich und beide sind wirklich anspruchsvoll. Also heißt es für uns erst einmal schwerer, steiler, länger. Bergziegen-Ego-Gehabe.

Kletterpartien lassen das Adrenalin-Junkie-Herz höher schlagen 

Dann packt Hugo seine Ausrüstung aus: Klettergeschirr. Na gut, wir hatten uns ja vorab informiert. Dennoch haben wir Respekt und den sollte man auch haben. Denn die Kletterabschnitte sind steil, fast senkrecht, und meine Überwindung ist groß.

Nur gut, dass ich vorher nicht wusste, wie steil es wirklich ist. Von unten sah es nicht so wild aus, doch von oben erahnen wir, was wir hinter uns gelassen hatten. Also besser nicht herunterfallen und genau deshalb hatten wir den Guide: Ungesichert sind diese Abschnitte definitiv nur etwas für Lebensmüde und regelmäßig stürzen Kletterer ab.

Und dann erwartet uns das, wofür wir 2,5 Stunden lang geackert hatten: Das Panorama von Rio de Janeiro und wieder einmal sagen Bilder mehr als 1.000 Worte.

Aber irgendwie müssen wir ja nun auch wieder herunter … Und genau da beginnt dann mein Muffensausen. Immerhin weiß ich, wie wir hochgekommen waren und jetzt lag ein anderer, angeblich leichterer Weg vor uns. Von wegen. Brasilianische Leichtigkeit entspricht in jedem Fall nicht meinem Verständnis von leichtem Abstieg, denn ich hatte die Hosen anständig voll.

Volle Hosen beim Abstieg – trotz Sicherung durch Hugo 

Erneut werden wir von Hugo gesichert und dann geht es bergab – ohne wirklich zu sehen, wie es unten weitergeht. Herunterfallen ist definitiv nicht zu empfehlen und wir haben einige Leute gesehen, die die Tour ohne Guide und ohne Sicherung gemacht haben – vollkommen irre.

Doch am Ende haben wir es geschafft – verdreckt, verschwitzt, mit Schmerzen in den Beinen und Armen und überglücklich. Denn hier sind wir hoch und das dicke, fette Rodizio und die zwei Caipirinhas am Abend haben wir uns mehr als verdient. Rio de Janeiro ist nicht nur eine Stadt für Fußballfans, sondern auch für echte Bergziegen!

2 Kommentare

  1. Toller Bericht, bei meinem nächsten Rio-Besuch wird auf jeden Fall der Corcovado bezwungen. Obs meine Kondition noch zum Pedra da Gavea reicht, bin ich noch im Zweifel.

  2. Danke Otto – und ich habe keinen Zweifel daran, dass du auch den Pedra da Gavea schaffst!

Hinterlasse einen Kommentar